Ausstellungsbesprechungen

Hermann Obrist – Skulptur / Raum / Abstraktion um 1900. Pinakothek der Moderne, München, bis 27. September 2009

Geht es um historisches Abhakwissen, kommt Hermann Obrist eine führende Rolle in der Begründung des Münchner, wenn nicht des deutschen Jugendstil zu. Doch als Künstler und »im richtigen Leben« spielte er meist die zweite Geige, rutschte im öffentlichen Bewusstsein weiter ins hintere Glied, bis man ihn weitgehend vergaß.

Grund war sicher nicht zuletzt, dass er in der Grab- und Brunnenplastik brillierte, deren Präsenz im Alltagsleben meist in keinem Verhältnis zum Namen ihres Schöpfers steht. Im Fall von Obrist kommt hinzu, dass viele seiner Ideen im Modellstadium steckengeblieben sind. Das Züricher Museum für Gestaltung und die Staatliche Graphische Sammlung in München haben das theoretische und praktische Werk gesichtet und eine Ausstellung erarbeitet, die den Rang des Künstlers in ein rechtes Licht stellt. Allerdings machen es die Ausstellungsverantwortlichen dem Betrachter nicht leicht: Kommt schon die Schau selbst, die zur Zeit in der Pinakothek der Moderne zu sehen ist, aus konservatorischen Gründen reichlich düster daher, steht der Katalog hier in nichts nach – durch die getönten Seiten, über weite Strecken sogar in ein schweres Dunkelgrün getaucht, wird eine Distanz geschaffen, die wenig förderlich ist für einen ersten Zugang. Und doch – oder umso mehr – ergänzen sich Ausstellung und Katalog wie sonst nur selten, um schließlich Werk und Vita von Hermann Obrist regelrecht zu erhellen.

Obrist kam 1862 in Kilchberg am Zürichsee zur Welt und bereits als Jugendlicher mit dem Okkultismus in Berührung, der seinem späteren Werk immer mehr oder weniger anhing. Nachdem sich seine Eltern trennten, zog Obrist 1876 mit der Mutter, einer schottischen Adligen, nach Weimar, begann 1885 – hier den beruflichen Spuren seines Vaters folgend – ein Medizinstudium in Heidelberg. Zwei Jahre später schmiss er das Studium, entfloh dem Alltag nach England und Schottland, wo er von der Arts-and-Crafts-Bewegung fasziniert wird. Danach findet man ihn in Jena (Keramiklehre), Karlsruhe (Studium an der Kunstgewerbeschule), Paris (zur Weltausstellung, danach Bildhauer-Studium), Florenz (mit einer Stickereiwerkstatt) und schließlich 1895 in München, wo er mit Berhard Pankok und Richard Riemerschmid, wenig später – in den ›Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk‹ – auch mit August Endell und Peter Behrens den Jugendstil mitgestaltete und -prägte. Kurzzeitige Berühmtheit erlangte er mit seinen Stickereien und seinem peitschenhiebgleichen Kurvenornament, das dem Geschmack der Münchner Schickeria entsprach und entsprechend oft auf Wandbehängen, Zimmerdecken und Denkmalplastiken auftauchte. Dass er dabei die abstrakte Kunst vorweg nahm, ist eine eher jüngere Erkenntnis, und auch sein theoretisches Werk muss erst wieder entdeckt werden. Kränkelnd zieht sich Obrist nach 1914 aus dem Künstlerleben zurück, nimmt 1919 bezeichnenderweise an der ›Ausstellung für unbekannte Architekten‹ teil. 1926 starb er in München. Tragischerweise fiel das Atelierhaus in München 1944 den Bomben zum Opfer; beim Versuch, die Arbeiten zu retten, verlor eine Tochter ihr Leben, die andere Tochter konnte einige Plastiken nach Zürich retten.

Die Münchner Ausstellung – zweite und letzte Station nach Zürich – versucht, mit Modellen, bislang kaum aufgearbeiteten Photographien und zahlreichen Exponaten das gesamte Schaffen zu sichten. Eine beeindruckende Ergänzung findet das Werk durch Vergleichsarbeiten von Endell, Van de Velde, Rudolf Steiner, Finsterlin und vielen mehr, die den symbolistisch-mystifizierenden Touch der flammenartigen Grabskulpturen, ornamental überfrachteten Truhenschlösser und phantastischen Musterblätter im Schaffen Hermann Obrists unterstreichen. Es wird aber auch deutlich, dass gerade der von Obrist begeisterte Van de Velde sehr viel eigenständiger und vielseitiger, zurecht bekannter ist, und dass Steiner vergleichbare Ideen sehr viel konsequenter umsetzte (wie immer man zu seinem Werk steht). Um doch einen umfassenden Blick auch vertiefen zu können, ist der Katalog unabdingbar, der aus der Not eines fragmentarischen Werks und einer Fülle von sekundären Dokumenten heraus – allen voran den Photographien – die Tugend einer fundierte Quellenforschung pflegt. Nach dem Grundlagenbericht der Herausgeber Eva Afuhs und Andreas Strobl folgt eine Abhandlung über Naturprozesse und Konstruktionen in Obrists Formensprache von Annika Waenerberg (»Lebenskraft als Leitfaden«) und ein Seitenblick auf die Naturkunde und Wahrnehmungspsychologie von Stacy Hand (»Feuer in Schwarzweiß«). Die Mitte des Buches nimmt »Ein glückliches Leben« ein, im Untertitel als »Biographie des Künstlers, Forschers und Alleingängers« bezeichnet – Obrists Urheberschaft des im Nachlass gefundenen Typoskripts ist wahrscheinlich, aber nicht hundertprozentig gesichert: In dritter Person erzählt, finden sich Details, die nur der Künstler selbst wissen konnte. Im Anschluss an diesen Text werden Querverbindungen untersucht zu Henry van de Velde (Ingo Starz: »Ornamental-Plastik«), zur Photographie zwischen 1900 und 1914 (Viola Weigel) und zum Verhältnis des Grabmals zwischen Plastik und Architektur (Hubertus Adam: »Symbolische Erinnerrungen an die Natur«). So gelingt es der Ausstellung und dem begleitenden Katalog, die Hoffnung Obrists zu vermitteln, die Künste sollten uns »vorahnend zeigen, wie wir die traurige, bürgerliche Wirklichkeit umschaffen müssen, auf dass es weniger mühselig werde zu leben als jetzt«.

Die Ausstellung stand in Zürich im Zusammenhang mit einem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojekt von Matthias Vogel, Eva Afuhs, Sabine Gebhardt Fink und Ingo Starz mit dem Titel »Hermann Obrist (1862–1927) im Netzwerk der Künste und Medien um 1900« am Institute for Cultural Studies in the Arts, ZHdK.

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