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Hilma af Klint – Pionierin der Abstraktion?

Stößt die schwedische Malerin Hilma af Klint tatsächlich Kandinsky vom Thron der Abstraktion, wie es die FAZ in einem Artikel 2011 suggerierte? Sabrina Möller hat sich mit der »Pionierin der Abstraktion« kritisch auseinander gesetzt, die derzeit in verschiedenen Ausstellungen und Katalogen einem größeren Publikum vorgestellt wird.

Passend zur derzeitigen Ausstellung im Moderna Museet Stockholm hat der Hatje Cantz Verlag den Katalog »Hilma af Klint – A Pioneer of Abstraction« herausgegeben: Insgesamt 272 Abbildungen werden teilweise zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Qualitativ hochwertig präsentiert sich der Katalog und ist ästhetisch ein Genuss. Doch macht das af Klint nun zu einer „Thronstürmerin“? Oder muss Kandinsky nicht um einen Thronsturz fürchten? Eigentlich ist die Frage nach dem ersten abstrakten Werk ebenso langweilig, wie die Frage nach dem, was nun eigentlich Kunst sei. Denn wenn das potentielle, erste abstrakte Werk niemanden zugänglich gemacht, und jahrelang – wie bei af Klint – in Kisten versteckt wurde, kann es schwer eine prägende Funktion für die weiteren Künstler und die Geschichte der Abstraktion gehabt haben. Die derzeitigen Reaktionen auf ihr Œuvre zeigen zumindest, dass ein allgemeines Interesse an ihren Arbeiten besteht. Und das sicherlich zu recht – nicht nur für Vertreter des Feminismus.

Wie kann man die Reaktion des Museum of Modern Art New York bewerten, bzw. ihre „Nicht-Reaktion“? Etwa zeitgleich zu Stockholm wird dort die Ausstellung »Inventing Abstraction 1910-1925: How a radical Idea changed Modern Art« präsentiert – und zwar ohne Werke von af Klint auszustellen oder auch nur eine Spur von ihrem Namen zu hinterlassen. Das kann man nun auf verschiedene Art und Weise interpretieren: folgt man Julia Voss ist das der reine Versuch, die eigene Sammlung nicht zu hinterfragen, weiterhin zu inszenieren und diese Entdeckung totzuschweigen. Das ist eine Möglichkeit. Eine andere wäre, dass man versucht etwas kritischer auf diese Entdeckung zu reagieren. Wann ist ein Werk abstrakt und wann hat es nur abstrakte Tendenzen? Unternehmen wir den Versuch einer Erklärung mithilfe von Alfred Barr – dem Gründungsdirektor des Museum of Modern Art New York und seiner Definition von Abstraktion.

In der Ausstellung »Cubism and Abstract Art« und dem begleitenden Katalog fokussierte Barr 1936 nicht nur die europäische, abstrakte Kunst, sondern versuchte auch den Begriff der Abstraktion zu definieren und zu konkretisieren. Der Begriff der Abstraktion ist für Barr zunächst eine Notlösung, denn in seinen unterschiedlichen Versionen als Adjektiv, Nomen und Verb kann er zeitgleich differente Inhalte suggerieren. Das Verb „abstrahieren“ versteht Barr als prozesshaft und als eine Reduktion von etwas – sei es ein Objekt oder die Natur selbst. Das Nomen „Abstraktion“ hingegen bezeichnet einen bereits abgeschlossenen Prozess des Abstrahierens. Ob noch Relationen zur Realität bestehen, kann variieren. Beim Adjektiv entsteht eine Verbindung dieser beiden konträren Definitionen. Eine Möglichkeit, oder auch ein Paradoxon wie Barr schreibt, wodurch es ein unzutreffender Term wird. Er reflektiert daher alternative Begriffe, die bereits kursieren: non-objective und non-figurative. Diese überprüft er anhand eines Quadrates und stellt fest, dass ein Quadrat figurativ ist und einen Objektcharakter besitzt. Diese beiden Begriffe wären in diesem Zusammenhang also schlichtweg falsch und scheiden als Möglichkeit aus. Einen Versuch einen alternativen Begriff zu konzipieren unternimmt Barr an keiner Stelle. Im vollen Bewusstsein über die Problematik des Begriffes verwendet Barr den Begriff im weiteren Textverlauf ohne Anführungsstriche.

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Wichtiger ist ihm der Grad der Abstraktion eines Werkes sowie die Prüfung, ob noch eine Relation zur Realität besteht. Die Differenzierung wird im nächsten Schritt von Barr kleinteiliger. Er zerlegt den Begriff der Abstraktion in near-abstraction und pure-abstraction. Als exemplarisch für diese beiden Termini führt er Werke von Kasimir Malevich und Piet Mondrian an. Die suprematistischen Kompositionen von Malevich haben keinerlei Bezüge zu natürlichen Formen, sondern bestehen aus roten und schwarzen Quadraten. Nach Barrs Definition handelt es sich hierbei um eine pure Abstraktion – nicht nur in ihrem Ursprung, sondern auch in der finalen Form. Das Pendant dazu bilden die Plus-Minus-Bilder von Mondrian, die auf dem Prozess des Abstrahierens als einer stetigen Reduktion basieren. Die Komposition abstrakter Elemente – ob amorph oder geometrisch – ist als pure-abstraction zu verstehen. Near-abstractions basieren hingegen auf dem Prozess des Abstrahierens; genauer auf dem Reduzieren von natürlichen Formen in abstrakte oder fast-abstrakte Formen. Die reine Abstraktion wird laut Barr vielleicht vom Künstler anvisiert, kann aber aufgrund ihres Ursprungs nie ganz erreicht werden.

Die schwedische Malerin (1862-1944) befasste sich seit den 1890er Jahren zunehmend mit der Theosophie und distanzierte sich innerhalb dieser Auseinandersetzung von der zuvor naturalistischen Ausarbeitung ihrer Werke. So entstand etwa zwischen 1906 und 1915 das Großprojekt»The Paintings for the Temple« – insgesamt 193 Arbeiten sind darin enthalten. Auch wenn andere Künstler wie Kandinsky durch den Okkultismus beeinflusst wurden, so konstruierten sie ihre Werke dennoch bewusst. Bei af Klint hingegen wird die bildnerische Gestaltung unter anderem einer höheren Macht zugeschrieben: »The pictures were painted directly through me, without any preliminary drawings and with great force,« schrieb sie in ihr Notizbuch, das stellenweise im Stockholmer Katalog zitiert wird.

Dass ihre Werke lange Zeit unter Verschluss waren, ist durch ihren testamentarischen Willen begründet: sie forderte, dass ihre Werke der Öffentlichkeit zunächst nicht gezeigt werden dürften, da ihre Gegenwart für ihre Werke noch nicht bereit sei. Genau hier setzt die grundlegende Kritik an dem Titel des Kataloges an: eine Pionierin der Abstraktion. Der Titel an sich erscheint schon in sich recht problematisch, sodass sich dahinter eher eine intelligente Marketingabteilung verbirgt, die die Presse und die Besucher anlocken möchte. Prädikat: gelungen. Vergegenwärtigt man sich die Position eines Pioniers, dann ist diese Vorreiterrolle in der Funktion eher als eine wegbereitende zu verstehen. Wie können ihre Arbeiten jedoch wegbereitend sein, wenn sie unter Verschluss waren und ihrem Umfeld als auch besonders der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht wurden? Das zeigt, dass sie keinen Weg bereiten konnte und keine Einflussnahmen auf kommende Künstlergenerationen vollziehen konnte.

Legen wir zudem Barrs Definition einer Abstraktion zugrunde, können wir die Werke von af Klint nicht als pure Abstraktionen betrachten. Nicht nur suggerieren ihre Titel den Bezug zu natürlichen Formen oder Objekten, auch sind ihren Werken häufig figurative Elemente und Symbole zu entnehmen, selbst wenn sie formal und farblich bis zu einem gewissen Grad abstrahiert wurden. Bezeichnungen wie »Evolution« oder der »Schwan« verweisen auf einen nicht abstrakten Ursprung und würden laut Barrs Definition in die Kategorisierung near-abstraction fallen. Die Revolution, die im Katalog versprochen wird, und die durch den Titel suggeriert wird, kann nicht ausreichend untermauert werden und auch hätte man sich vielleicht eine etwas kritischere Haltung gewünscht.

In erster Linie kann der Katalog den Werdegang von af Klint rekonstruieren, über die bisher wenig bekannte Künstlerin informieren und ihre wirklich beachtliche Masse an Werken präsentieren. Wie sich das Werk von af Klint auf Dauer positionieren wird und inwieweit sie zukünftig in Ausstellungen zum Thema der Abstraktion inkludiert sein wird, wird sich zeigen.

Auf die Frage: „Muss die Kunstgeschichte neu geschrieben werden?“ sage ich: „Nein!“ Gerade in Hinblick darauf dass ihre Werke unter Verschluss waren und scheinbar niemanden gezeigt wurden, können sie wohl kaum für die weiteren Künstler prägend gewesen sein oder in einen historischen Kontext als Wurzel der Abstraktion deklariert werden. Dennoch sind ihre Werke eine Bereicherung für die Kunstwelt.

Doch wozu ich „Ja!“ sage, ist, dass eine Auseinandersetzung mit ihren Werken spannend ist und sich die Betrachtung des Kataloges – gerade zur Formung einer eigenen Meinung – sehr lohnt! Was man im Katalog nicht nachvollziehen kann ist der enorme Maßstab ihrer Arbeiten – aber das kann der Betrachter in Stockholm und in kommenden Stationen der Ausstellung in Berlin und Málaga persönlich vor Ort nachvollziehen.

Weitere Informationen

Ausstellungen: Moderna Museet, Stockholm 16.2.–26.5.2013 | Musée Picasso, Malaga ab Oktober 2013