Ausstellungsbesprechungen

Hinter der Maske. Künstler in der DDR, Museum Barberini Potsdam, bis 4. Februar 2018

Angesichts der rigiden Kulturpolitik der DDR verwundert es kaum, dass deren Künstler gern zur Maske griffen, um sich Handlungs- wie Meinungsspielräume zu erkaufen. Ob als Bohemien, Marionette oder Heiliger, das Kostüm wurde stets angepasst und symbolhafte Verweise in den Werken untergebracht. Aber welche Geheimnisse werden hier verhüllt? Rowena Schubert-Fuß hat sich in Potsdam kundig gemacht.

Knapp ein Jahr ist das Museum Barberini jetzt alt. Man kann sich vorstellen, dass allein deswegen der Andrang groß ist in den Museumsräumen. Am Wochenende kann man in der aktuellen Schau zu DDR-Künstlern kaum einen Schritt vor den anderen setzen, gar nicht zu reden vom Daueralarm, den Besucher auslösen, die zu nahe an die ausgestellten Werke treten.

Eigentlich ist dies eine positive Entwicklung im Hinblick darauf, wie lange die Kunst aus der DDR verfemt wurde. Georg Baselitz ' jahrzehntealtes berüchtigtes Diktum, dass es in der DDR keine Künstler gegeben habe, sorgt nach wie vor für Streit und Unmut unter Beteiligten und Kritikern. Die platte Oberflächenästhetik des Sozialistischen Realismus sucht man in den Potsdamer Ausstellungsräumen jedoch vergebens.

An Wissende und wissen Wollende ist beispielsweise Jürgen Schieferdeckers »Das Lächeln der Mona Lisa oder Kann Hoffnung scheitern« (1976/77) gerichtet. Das Triptychon zeigt in der Mitteltafel die Mona Lisa hinter einem roten Vorhang, der zugezogen werden kann. Darunter befindet sich in einem Glaskasten ein zusammengeklapptes Rasiermesser. Auf der linken Tafel befindet sich die Darstellung eines Küstenabschnittes mit diversen Künstlern, die vor ihrer Staffelei stehend den Anblick auf Leinwand zu verewigen scheinen. Nur einer – der dem Betrachter am nächsten ist – sitzt ratlos vor dem leeren Gestell. Bei genauerem Hinschauen erkennt man allerdings, dass es sich bei den anderen Malern gar nicht um solche handelt. Mantel und Hut weisen sie als Stasi-Agenten aus. Auf ihren Staffeleien steht auch kein Abbild der umgebenden Landschaft, sondern eine Mini-Mona Lisa. Die rechte Bildtafel zeigt schließlich einen zu einem Strand abfallenden Küstenweg, auf dem nicht nur Leonardo da Vinci wandelt, sondern den auch die toten (?) Körper von – dank ihrer Kleidung identifizierbar – Menschen mit einer alternativen Lebensweise säumen. In der Ferne leuchtet Caspar David Friedrichs Eismeer aus der starren See. Das rätselhafte Lächeln der Gioconda deutet auf die Problematik im Verhältnis von nonkonformer und offiziell anerkannter Kunst, Opposition und Anpassung hin, der Frage ›Wie reagieren?‹.

Als quasi plakative Antwort können der auf allen Ausstellungspostern gedruckte »Seiltänzer« (1984) von Trak Wendischs sowie Harald Metzkes' »Januskopf« (1977) gelten.

Ausgehend vom eigenen Bestand des Museums versammelt die Ausstellung über 120 Werke von 80 Künstlern und widmet sich der Inszenierung des Künstlerindividuums von 1945 bis 1989. Selbst- und Gruppenbildnisse sowie Atelierbilder zeugen von einem kritischen Blick auf das eigene Dasein, ja, zuweilen einer Selbstbefragung.

Eine Krücke, »an der man nicht laufen kann«, nannte Harald Metzkes die Doktrin des Sozialistischen Realismus einmal. In seinem Werk verwirbelt er daher gern Fiktion und Realität. So schlägt an einem »Regentag im Atelier« (1987) das nackte Frauenmodell, welches er vielleicht malen wollte, kurzerhand das gesamte Mobiliar kurz und klein, während Gliederpuppen Kopfstand machen und eine blonde Muse in der Ecke vor sich hin flötet. Eine herrliche Posse, meint man doch, die Revolution von 1989 vorweggenommen zu sehen!

Wie zermürbend müssen gerade die letzten Jahre in der DDR gewesen sein? Wenn man sich Ulrich Hachullas Diptychon »Karneval«, (1984/85) ansieht, muss große Katerstimmung geherrscht haben. Nach einer fröhlichen durchtanzten Nacht im linken Bild, die die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik zu versinnbildlichen scheint, sitzen ein Mann und eine Frau im rechten völlig erschöpft in ihren Sesseln. Jahre scheinen vergangen zu sein, nicht bloß Stunden. Er wirkt mit seinem Spitzhut zudem wie der Dorfdepp. Allerdings ruft sein entgeisterter Gesichtsausdruck beinahe etwas wie Mitleid hervor. Madame ist in Unterwäsche. Ihr Körper ist ausgezehrt, das Gesicht faltig. Schönheit ist hier Fehl am Platze.

Da wie oben angedeutet der Stasi-Spitzel damals nie weit war, sind viele der gezeigten Werke symbolhaft chiffriert. Man ist sich oft nicht sicher, worauf eigentlich angespielt wird, vermutet man doch einen zeitlichen Bezug zu Ereignissen der DDR-Geschichte. Und auch wenn die begleitenden Bildtexte Interpretationshilfen – manchmal zuviel des Guten – wie auch Hintergrundinformationen liefern, bleibt es zumeist bei einer formalen Analyse des Gesehenen.

Ein Beispiel dafür ist Erich Kissings »Leipziger am Meer« (1976-79). Das Männerseptett, in das sich eine Nixe eingeschlichen hat, schaut den Betrachter erwartungsvoll bis abgeklärt an. Wegen der vorherrschenden Blautöne wirken alle Protagonisten wie eingefroren. Die fremdartige, exotische Gestalt der Fischfrau löst geradezu Unbehagen statt Sehnsucht nach antiker Idylle aus. Aber ist das Bild deshalb als ein Kommentar zu den Folgen des Machtwechsels Ulbricht/Honecker in der Staatsführung der DDR zu werten?

Ganz ohne den politischen Hintergrund kommt keines der präsentierten Objekte aus. Als scherzhafte Spitze auf seinen Lehrer Werner Tübke versteht sich Heinz Zanders »Selbst als Manierist mit Schlafmütze« (1989). Der Text neben dem Bild verweist auf Tübkes Identifizierung mit den Alten Meistern. Zander kreidete ihm an, dabei keine kritische Distanz bewahrt zu haben.

Wie der Rückgriff auf die Tafelmalerei, die an Gildenbilder des 17. Jahrhunderts erinnernden Gruppendarstellungen und nicht zuletzt der Antikenbezug einiger Gemälde bezeugt, zieht DDR-Kunst ihre Kraft aus der Auseinandersetzung mit der europäischen Kunstgeschichte. Interessante Formexperimente sind in der Schau rar gesät. Dies ist teilweise historisch bedingt, da abstrakte Kunst ein Randphänomen im offiziellen Ausstellungsbetrieb darstellte. Allerdings gibt es auch Ausnahmen. Die Schreibmaschinenarbeiten von Ruth Wolf-Rehfeldt gehören dazu. Schwünge, Geraden und Schatten aus hunderten von Buchstaben erschaffen im wahrsten Sinne des Wortes ganze Textkörper auf den weißen Blättern. Es ist visualisierte Poesie und weiß den Betrachter zu begeistern.

Der Katalog unterfüttert das Gesehene mit Beiträgen zur Adaption Alter Meister, der Verortung der Künstler zwischen Kollektivität und Individualität, geht auf die besondere Bedeutung des Ateliers ein. Hinzu kommen großformatige Abbildungen der ausgestellten Werke, in denen man sämtliche Details nachsehen kann. Er ist ein wunderbares Souvenir an die Ausstellung.

Parallel zur Schau werden die nur äußerst selten gezeigten Werke aus der Galerie im Palast der Republik ausgestellt. Sie entstanden anlässlich der Eröffnung des Parlamentsgebäudes 1976 zum Thema »Dürfen Kommunisten träumen?« und bilden als offizielle Staatskunst eine wertvolle Ergänzung zu »Hinter der Maske«.