Ausstellungsbesprechungen

Holzschnitte des 15. Jahrhunderts und ihr Gebrauch, die Anfänge der europäischen Druckgraphik

Mit der Ausstellung „ Die Anfänge der europäischen Druckgraphik - Holzschnitte des 15. Jahrhunderts und ihr Gebrauch“ widmet sich das Kuratorenteam Rainer Schorch und Peter Parshall einer Revision des bisherigen Forschungsstandes zu diesem Material. Ein expliziter Fokus liegt hierbei auf Funktion und Verwendung der Holzschnitte aus der frühesten Phase der Druckgrafik in Europa.

Eine umfangreiche Auswahl herausragender Beispiele aus dem Bestand der National Gallery of Art Washington und des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg wird von Leihgaben internationaler Sammlungen ergänzt. Die Ausstellung ist noch bis zum 19. März 2006 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zu sehen. Ein reich bebilderter Katalog präsentiert und vertieft die umfassenden wissenschaftlichen Ergebnisse.

 

Die Anfänge des Holzschnitts in Europa, der sich als Hochdruckverfahren auf Papier im 15. Jahrhundert durchsetzte und zu einer erstmalig im großen Umfang genutzten Reproduktionsmethode von Bildern im Printmedium entwickelte, sind noch immer schwer zu greifen. Eng ist die Beziehung zu weiteren Druckverfahren: Die Verwendung gleichartiger Druckstöcke im Zeugdruck ist vertraut, Schrotblätter und Teigdrucke sind seltener zu finden. Die Bezüge bestehen nicht nur im selben Medium, auch Reproduzierbarkeit und weite Verbreitung sind charakteristische Merkmale der Technik. Die Funktionen der Bilder reichen von Neujahrsgrüßen zu Andachtsbildern, von Kalendarien zu Wegkarten.

 

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Die Fragilität der Trägermaterialien sowie die oft intensive Nutzung der Druckerzeugnisse als Gebrauchsgegenstand bedingen, dass frühe Drucke häufig nur in einem einzigen Blatt erhalten sind. Selten lassen sich die Entstehungs-, Aufbewahrungs- und Verwendungskontexte der Drucke sicher rekonstruieren. So ist die Erschließung des Materials bei Fragen der Datierung und Lokalisierung ebenso wie hinsichtlich der differenzierten kulturhistorischen Einordnung und Bewertung auf die Annäherung durch Detailstudien angewiesen.

 

Die Ausstellung führt 106 Beispiele vor Augen, deren stilgeschichtliche Einordnung so oft wie möglich mit einer solchen kulturhistorischen Rekonstruktion ihres Kontextes einhergeht. An Einzelstücken werden die Anfänge des Mediums, seine technischen Gegebenheiten, Möglichkeiten und Entwicklungen beleuchtet und hinterfragt. Die Entstehung der Holzschnitttechnik wird im Umkreis weiterer Druckverfahren erörtert. Zahlreiche Holzschnitte werden von sorgfältig untersuchten Druckstöcken, Schrotblättern, Zeug- und Teigdrucken, ergänzt. Daneben stehen vereinzelt Kupferstiche und xylografische Texte, so dass das versammelte Material die heutigen Kenntnisse der frühsten europäischen Druckgrafik umfassend vor Augen führt.

 

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Die internationalen Leihgeber ermöglichen dem Besucher das gemeinsame Betrachten zahlreicher Preziosen des Hochdrucks aus dem 15. Jahrhundert. Die ikonografische und technische Abhängigkeit der Bilder voneinander wird an konkreten Beispielen nachvollzogen. In ihrem erhaltenen historischen Zusammenhang führen die Exponate den zeitgenössischen Umgang mit den Drucken nachdrücklich vor Augen. Vereint sind beispielsweise der Buxheimer Christopherus aus Manchester, das Washingtoner Kästchen, in dessen Deckel sich ein Ecce Homo-Blatt bewahrt hat, die Kanontafel mit einem bestickten Täschchen und verzierten Kästchen aus der Produktion eines Klarissinnenklosters im Elsass und das – üblicherweise nur verschlossen präsentierte – mit Teigdrucken verzierte Beutelbuch des Hieronymus Kress aus Nürnberg. Solche in ihren Aufbewahrungsutensilien erhaltenen biblischen Szenen und apotropäischen Blätter ergänzen zahlreiche Einzelblätter und deren Fragmente, welche die vielfältigen Funktionen des Mediums dokumentieren. Kostbare und repräsentative Beispiele finden sich in Übereinstimmung mit der breiten Verwendung der Drucke auch aus dem profanen Bereich, so die Romkarte Eberhardt Etzlaubs von 1499 oder das spielerische Verwandlungsbild zweier Affen als Kunstreiter.

 

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Zartes Lineament, leuchtendes Kolorit, die Vielzahl kleiner Objekte und die konservatorisch bedingte spärliche Beleuchtung rufen auch das Staunen über den ästhetischen Wert der Blätter hervor, der jedoch dem Ausstellungskonzept zufolge nicht im Vordergrund steht. Obwohl die meisten Exponate nur noch als Unikate erhalten sind, erinnert die Zusammenstellung daran, dass diese Blätter aufgrund des reproduktiven Verfahrens einst weniger exklusiv waren. Ausstellung und Katalog erfüllen das Desiderat der Neubeschau des frühen Hochdrucks mit einer reizvollen Zusammenstellung zahlreicher Exponate, die einen großen visuellen Genuss bietet. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Bearbeitung heben den Forschungsstand auf ein kritisch hinterfragtes, differenziertes Niveau und regen zu weiteren Untersuchungen an.

 

Trotz des im Titel aufgestellten Anspruchs auf eine Bearbeitung des Materials aus dem europäischen Raum umfasst die Ausstellung nahezu ausschließlich Drucke deutschsprachiger Landstriche. Diese Beschränkung mag wohlbegründet sein, lässt jedoch eine Lücke, deren Erforschung in vergleichbarer Qualität zu wünschen wäre.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Di – So 10 – 18 Uhr

Mi 10 – 21 Uhr

Mo geschlossen

 

Eintrittspreise

5,- / ermäßigt 4,- Euro

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