Ausstellungsbesprechungen

Horst Antes: Und morgen male ich vielleicht ein Bild

Horst Antes’ Kunst ist ein Phänomen – Inbegriff der Beständigkeit und Ausdruck eines unbeschreiblichen Wandels. Seit nunmehr fünf Jahrzehnten mischt der Schöpfer der zu Ikonen der Kunstgeschichte gewordenen Kopffüßler im Galerien- und Museumsalltag mit. Als einer der Bannerträger der figurativen Malerei wurde Antes unter dem gegenstandsfeindlichen Klima der fünfziger Jahre von der abstrakten Avantgarde belächelt, bei den Hütern eines traditionellen Menschenbildes stieß sein Ausstieg aus der Proportion hin zur Deformation auf Unverständnis.

In den 80er Jahren war die Kunst von Horst Antes Kult: Sein grellbuntes Figurenpersonal gleichsam abstrahiertes Realzeichen und letztes Aufgebot des Humanismus.

 

Der Grieshaber-Schüler Antes ist der quicklebendige Mystiker unter den Gegenwartskünstlern, der sich auch dann noch treu bleibt, wenn er sein Repertoire komplett umkrempelt: 1982 tauchen annähernd monochrome, ja unbunte Häuser auf, die bewusst eine Abwendung von der Menschendarstellung signalisieren und doch als eigentliches Rückzugsgebiet das symbolhafte Abbild des Menschen zur fast schon religiösen Chiffre erhob. Zum 70. Geburtstag hat die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall eine überwältigende Schau mit Gemälden, Plastiken, Zeichnungen und Malerbüchern zusammengestellt und seine Privatmythologie in den Kontext seiner gesammelten Welt – Kunst der Hopi-Indianer, Katsinafiguren aus Nigeria, Voodoo-Gefäße bis hin zu Spielzeugrobotern – gestellt.

 

In diesem phantastischen Kosmos von fingierter Welt und Studiensammlung erweist sich Horst Antes als großartiger Interpret eines archaischen Wissens, das seine Bilder so unantastbar für Zeitmoden und (kunst-)marktschreierische Töne macht. Im Bewusstsein der Postmoderne und ihres Nachlebens ist sein Werk aktueller denn je. Nicht zuletzt deshalb kann man sich nur wünschen, dass der Künstler dem Titel der Ausstellung nachkommt, der irritierenderweise in einer harmlosen Variante davon spricht, „morgen“ ein Bild „zu malen“, und in einer tiefsinnig-doppeldeutigen Version ankündigt, sich ein Bild „zu machen“, was dem Reiz des Sakrilegs nahe kommt (wo es doch heißt: „Du sollst Dir kein Bild machen“). Zur Ausstellung ist ein prächtiger, dreibändiger Katalog im Swiridoff-Verlag erschienen, der als bewährter Partner der Würthschen Kunsthäuser erneut Maßstäbe setzt. Der erste Band kommt – das ist ein kühner Einfall gewesen –, von Bildtitelangaben abgesehen, ohne Text aus und bietet so eine rein visuelle Begegnung mit dem Werk, sozusagen als mentale Wiederbegehung der Ausstellung. Ebenso ablenkungsfrei versammelt der dritte Band die Sammlungsobjekte des Künstlers. Der mittlere Band enthält neben den Grußworten und technischen Daten zu allen gezeigten Exponaten einen Essay von Andreas Franzke, der sich als Professor für Kunstgeschichte in Karlsruhe mit wichtigen Arbeiten zu Baselitz, Beckmann, Dubuffet, Tàpies und anderen einen Namen gemacht hat.

 

Zeitgleich zeigt die Kunsthalle, anlässlich der Literaturtage Baden-Württemberg, die Ausstellung »Literatur kann man sehen«, mit Arbeiten der Doppelbegabungen Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Hermann Hesse. Am wenigsten wird man hinter dem kritischen Autor, unbestechlichen Theoretiker, begnadeten Übersetzer Enzensberger die künstlerische Ader vermuten – und tatsächlich sind seine Objekte eng an die Literatur angelehnt. Hesse hat bekanntermaßen ein umfangreiches künstlerisches Werk hinterlassen, vor allem Aquarelle von seinen Aufenthaltsorten, denen oft der Charme von Gelegenheitsarbeiten anhaftet. Ganz und gar selbständig als Bildhauer und Grafiker arbeitet dagegen Günter Grass, der seine „Laufbahn“ allerdings auch an der Kunstakademie begann.

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Öffnungszeiten

Täglich 10–18 Uhr

 

Eintritt

5 € pro Person, ermäßigt 3 €, montags freier Eintritt