Ausstellungsbesprechungen

Horst Janssen, Mit gleichsam japanischem Pinsel

In der Ausstellung „Horst Janssen. Mit gleichsam japanischem Pinsel“, die bis zum 8. Oktober 2006 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist, begegnet dem Besucher – in rund 40 Werken – der am 14. November 1929 in Hamburg geborene Künstler Horst Janssen als virtuoser Zeichner und Grafiker. Angeregt durch das Sujet der „Kopie“ und die ostasiatische Kunstsammlung Gerhard Schacks hat sich Janssen erstmals 1970 der japanischen und chinesischen Holzschnitt- und Zeichenkunst zugewandt.

Zunächst diente Janssen das aus dem Jahr 1908 stammende Buch von Friedrich Perzynski über Hokusai als Quelle seiner Inspiration. Später dann formulierte er Motive, die er im Katalog über die Surimono – die japanischen Glückwunschblätter zum Neuen Jahr – oder in der Publikation zur Ausstellung japanischer Zeichnungen in der Kunsthalle Bielefeld 1974/75 fand, nach eigener Manier um. Schon in seiner Studienzeit bei Alfred Mahlau besaß Horst Janssen den „Instinkt für dieses Phänomen de[s] adoptierten Ahnen[s]“. (Gerhard Schack, Kat. S. 5)

 

Wenngleich der Mahlau-Schüler nicht gerade überwältigt von seinem Lehrer war, in dessen Person sich die großen Zeichner, wie etwa Caspar David Friedrich, Blechen, Kobell oder Menzel in einer Person versammelten, so wurde ihm doch die Möglichkeit gegeben, durch die Zeichnung Mahlaus mit den großen Zeichnern des 19. Jahrhunderts in Kontakt zu treten, bevor er sie selbst überhaupt kennen lernte. In seiner Studienzeit ist auch eine erste Berührung mit den bedeutenden japanischen Zeichnern situiert, doch erst in der Auseinandersetzung mit den alten Meistern beschäftigte sich Janssen eingehender mit den Werken Hokusais (1760-1849), Kuniyoshis (1798-1861) und Kyôsais (1831-1889).

 

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Primär Hokusais Arbeiten gewannen auf den Hamburger Künstler an Einfluss, da dieser in dem exzessiven Schaffen des Asiaten verwandte Züge zu sich selbst entdeckte. Hokusais Landschaften regten Janssen zu einer neuen Beschäftigung mit der Natur an und brachten ihn in einen engen Dialog mit der fernöstlichen Bilderwelt, die besonders durch ihren fremden Charakter einen tiefen Eindruck bei Janssen hinterließ.

 

So wird der Besucher der Ausstellung auf das wunderbare Aquarell „Schmetterlingstraum, 15. Oktober 1977“ von Janssen treffen, welches nach der Voralge eines Holzschnitts von Hokusai entstanden ist. Hokusais Holzschnitt aus dem Jahr 1814 zeigt einen Mann, der in Erinnerung an den chinesischen Philosophen Dschuang-dsi schwelgt, sich dabei auf ein Pult stützt, den Kopf auf die zusammengefalteten Hände bettet und zwei in der Luft tanzenden Schmetterlingen beobachtet. Dschuang-dsi – so erzählte man sich – habe einst geträumt, er sei ein Schmetterling und beim Erwachen war man sich nicht mehr sicher, ob nun Dschuang-dsi geträumt habe, er sei ein Schmetterling, oder aber ob der Schmetterling geträumt habe, er sei Dschuang-dsi. Die Anspielung an die Legende von dem Philosophen wird von Janssen aufgegriffen und in seinem eigenen Stil verarbeitet. Während es bei Hokusai das Schmetterlingspaar ist, dem der Philosoph nachblickt, ist es bei Janssen die ästhetisch inszenierte Buchstabengruppe, die sich in den geliebten Namen Viola verwandelt. Das Verschwimmen von Traum und Wirklichkeit manifestiert sich also auch in dem Aquarell von Janssen. Auch hier öffnet sich die Frage, ob nun der Traum von der Geliebten in den Gedanken langsam die Züge der Realität annimmt oder ob lediglich die Liebe zu einem Menschen Gegenstand des Traumes ist? Das Interessante daran: die Frage bleibt sowohl bei dem Philosophen der fernen Vergangenheit als auch bei dem Philosophen von Janssen offen.

 

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Eine nicht minder beeindruckende Arbeit stellt die Serie der kämpfenden Samurai dar, die Horst Janssen nach Kuniyoshi anfertigte. Die Blei- und Farbstiftzeichnung „Kämpfende Samurai ‚Kuno und Kuni‘ – nach Kuniyoshi, 7. Juni 1976“ zeigt zwei entschlossen blickende, gelenk miteinander kämpfende Ritter. Durch den einerseits selbstsicher gesetzten Strich und andererseits durch das sanfte Verwischen der Linien, holt Janssen zu einer charismatischen Studie aus, welche die Dynamik, Ekstase und Anspannung der Kämpfenden spiegelt. Das Konglomerat aus vitalen Bewegungen erfährt jedoch in der Rohrfeder- und Pinselzeichnung „Kämpfende Samurai – nach Kuniyoshi, 10. Juni 1976“ noch eine Steigerung. Durchdrungen von Leichtigkeit haben sich in dieser Arbeit die hart gesetzten Linien fast ganz aufgelöst. Hier dominieren nicht mehr die gepanzerten Ritter, sondern der elegante Kampfstil, der sich in tanzenden, schwimmenden Pinselzügen artikuliert. Zurückgenommen wird der fluide Pinselduktus wieder bei der Rohrfeder- und Pinselzeichnung „Kämpfende Samurai, 1976“, bei der sich der Pinsel nur noch innerhalb der stark konturierten Formen entfaltet. Dennoch wird der Bewegungscharakter nicht gebremst, er kommt nur auf anderem Wege zum Vorschein. Geballte Kraft der Bewegung, ausdrucksstarke Gestik und Mimik und freie Flächen um die Figuren, die ihnen Bewegungsmöglichkeiten gewähren, machen den ungemeinen Reiz dieser Arbeit aus.

 

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Einen ganz anderen Ton schlägt Horst Janssen bei seiner Bleistift- und Farbzeichnung „Blühender Pflaumenbaum – nach Hiroshige, 4. Februar 1975“ an, bei der ihm farbige Reproduktionen sowohl des Holzschnitts Hiroshiges als auch der farblich leuchtenden Kopie Vincent van Goghs vorlagen. Janssens Variante jedoch erscheint in einem zarten Silbergrau. Die Szene ist menschenleer und einzig die zarten Blüten des Pflaumenbaumes verkörpern das frische Wachstum des Lebens. Die bisweilen behutsame Strichführung scheint in den partiell spitz hervorragenden Ästen einen Kontrahenten zu finden, so dass die Atmosphäre nicht nur von einem ruhigen „dahin Fließen“ geprägt ist. Insgesamt findet Janssen in dieser Arbeit eine erfrischende Bildsprache, die sich aus wundervollen, sanften Übergängen des silbrigen Grautons und kleinen, pointierten Strichakkorden speist.

 

Janssen ist bei aller schöpferischen Kraft, die er aus den Arbeiten der alten Meister zieht, von einem „heilig-nüchterne[n] Respekt“ (ebd.) gegenüber dem Vorbild und seine große Gewissenhaftigkeit im Umgang mit den eigenen Ressourcen schafft dabei eine Balance, die wohl auch notwendig ist, „wenn der Zeichner in einem außerhalb seiner selbst gelegenen Gelände einen archimedischen Punkt sucht, von dem aus die eigenen Welt zu bewegen ist.“ (ebd.) Horst Janssen notierte in diesem Kontext selbst einmal: „Ich suche Unterstützung, wo auch ehrlich vorgegangen ist, den Laden aber, wo ich stehle, möchte ich genannt wissen.“ (ebd.)

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Der österreichische Journalist, Schauspieler und Schriftsteller Egon Friedell (1878-1938) spricht im Kapitel „Der legitime Plagiator“ davon, dass lediglich eine kleine Anzahl von unveränderlichen Wahrheiten vorhanden sei, wobei gerade die Stellung des einzelnen Menschen zu jenen Wahrheiten die Verschiedenartigkeit ausmacht: der durchschnittliche Mensch würde sie in Frage stellen, das Talent den vergeblichen Versuch unternehmen, sie zu vermehren, das Genie aber würde diese Wahrheiten wiederholt. (vgl. ebd.) Und Janssen wiederholt die Wahrheiten der alten Meister in einer einzigartigen Manier!

 

Anlässlich der hiesigen Ausstellung wurde eine von Hanno Edelmann 1995 geschaffene Bildnisbüste Horst Janssens von zwei Hamburger Stiftern der Hamburger Kunsthalle geschenkt. Diese janusköpfige Bronze, die auf der einen Seite das Porträt des Künstlers und auf der anderen Seite einen Totenschädel zeigt, spiegelt Janssens Zwiesprache mit dem Tod, die er besonders in der „Paranoia“-Folge (1982) dokumentierte. Die Bronze Edelmanns ist geprägt von einem expressiven Ausdruck und einer biomorphen Oberflächenstruktur, die lediglich in den blank polierten bronzenen Brillengläsern eine Unterbrechung findet. Gerade diese Ausdrucksstärke ermöglichte die Flüchtigkeit und Leichtigkeit der innehaltenden Bewegung in Bronze zu bannen und eine beeindruckende Arbeit entstehen zu lassen.

 

Wie also könnte diese Ausstellung anders bewertet werden als mit einem großen Lob! Der Hamburger Kunsthalle und besonders den Kuratoren Gerhard Schack und Dr. Petra Roettig ist eine wunderbare Präsentation gelungen, die sowohl durch die sensible Wahl und Hängung der Werke Janssens, als auch durch das Gesamtambiente der Ausstellungsräume zu überzeugen weiß.



 

Öffnungszeiten

Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr

Mo geschlossen

 

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