Buchrezensionen

Horst Seidl: Beiträge zur Kunstphilosophie, Georg Olms Verlag 2014

Mit seinen Gedanken zur Kunstphilosophie will Horst Seidl einen Überblick über die Geschichte philosophischer Einflüsse in der Ästhetik geben. Angefangen bei den antiken Autoren bis hin zu Umberto Eco und Zeitgenossen untersucht er anhand der zwei Grundbegriffe »Geist« und »Idee« diese Verbindung von Kunst und Philosophie. Marco Hompes ist enttäuscht.

Mit »Beiträge zur Kunstphilosophie« legt Horst Seidl ein Überblickswerk vor, in dem er die wichtigsten philosophischen Positionen in der Geschichte der Ästhetik vorstellen möchte. Freilich haben sich bereits zahlreiche andere Autoren, unter anderem Stefan Majetschak und Norbert Schneider, diesem Thema gewidmet. Man darf also fragen, ob Seidls Werk neue Erkenntnisse bringt oder ob es sich qualitativ von anderen Büchern unterscheidet.

Der Autor beginnt seine Einführung mit einer allgemeinen Darlegung seiner kunstphilosophischen Betrachtungen. Diese kreisen im Wesentlichen um die zwei zentralen Begriffe »Geist« und »Idee«. Inhaltlich stark an antiken Denkern angelehnt, definiert er die Kunst als »einen Ausdruck des Geistes« und das Kunstwerk als Medium, mit dem der Künstler dem Betrachter eine »schöpferische Idee« vermittelt. Diese bleibe aber immer transzendent, weswegen das materielle Werk nur eine Annäherung ermögliche. Einiges innerhalb dieser einleitenden Bemerkungen liest sich wie inhaltsleere Allgemeinplätze, etwa: »das Kunstwerk lebt nur der lebendigen Beziehung zwischen dem Künstler und dem empfänglichen Publikum«. Anderes wirkt schlicht antiquiert. Wenn es beispielsweise heißt, dass Schönheit sich durch die »funktionale Ordnung (Harmonie) der Teile zu einem zweckvollen Ganzen« definiert oder dass zum Hervorbringen von Kunstwerken das handwerkliche Können eine entscheidende Rolle spielt, dann denkt man vielleicht an antike Plastiken. Doch bereits mit den klassischen Avantgarden muss diese These kritisch hinterfragt werden. Gleiches gilt für den Zweck der Kunst, den Seidl in der »Bildung des Menschen« und der »Erbauung der Seele« sieht.

Auf die Einleitung folgt eine Zusammenfassung verschiedener philosophischer Positionen der Geschichte. Diese beginnt mit Platon und Sokrates und endet mit Hermann Hesse. Ungeklärt bleibt, wie sich diese Auswahl begründet. Ebenso fraglich bleiben die unterschiedlichen inhaltlichen Gewichtungen innerhalb der Reihung. So wird die gesamte Renaissance auf einer Seite abgehakt, während für die Darlegung der Theorien Friedrich Schillers das Zehnfache nötig ist. Der Autor versuchte offenkundig, komplexe Inhalte so kurz und einfach wie möglich zu beschreiben. In diesem Zusammenhang ist es allerdings hinderlich, wenn manche historischen Texte über Passagen hinweg subjektiv kritisiert werden, ohne dass vorher die inhaltlichen Zusammenhänge erläutert wurden. Oft fühlt man sich als Leser*in regelrecht vor den Kopf gestoßen. Wenn man beispielsweise in einem Buch zur Einführung in die Kunstphilosophie unter »Die Kunst-Auffassung bei Goethe« liest: »eine nützliche Auswahl von Äußerungen Goethes über die Kunst findet sich im Internet«, klingt das nach einer Empfehlung, einfach mal bei Wikipedia oder bei einer Online-Zitate-Sammlung zu schauen.

Nach dem historischen Überblick, der dem Laien mitunter ein paar nützliche Zusammenhänge zu vermitteln vermag, widmet sich der Autor den »gegenwärtigen Diskussionen über Kunst«. Dass diese mit Stéphane Mallarmé beginnen, mag vielleicht schon etwas über Seidls Verständnis von Gegenwart aussagen. Leider sind die meisten der inhaltlichen Zusammenfassungen noch kürzer und unvollständiger als im vorangegangenen Teil. Mallarmé wird in genau vier Sätzen abgehandelt, ebenso T. S. Eliot, zu dem es schlicht heißt: »Er vertritt die Richtung des sog. Modernismus, den er mit James Joyce begründet hat«. Auch bei der Behandlung des reichen philosophischen Schaffens Heideggers wird auf inhaltliche Erläuterungen größtenteils verzichtet. Stattdessen wird dem Philosophen vorgeworfen, die antiken Autoren missverstanden zu haben. Schließlich diskreditiert Seidl ihn noch mit einem völlig unnötigen Seitenhieb als Anhänger Adolf Hitlers.

Auch Umberto Ecos Vorstellungen des »offenen Kunstwerks« sind für den Autor nicht annehmbar. Das ist durchaus nachvollziehbar, wenn man sich Seidls philosophischen Hintergrund vor Augen führt: Er betrachtet Kunst und Kultur unter der Prämisse der platonischen Ideenlehre. Mit diesem Hintergrund fällt es schwer sich vorzustellen, dass ein Künstler »erst im Schaffensprozess eine oder mehrere Themen« findet oder dass Eco bei der Werkbetrachtung einen »Mechanismus« zu erkennen glaubt. Für den emeritierten Professor nimmt der Betrachter oder die Betrachterin hingegen teil am »schöpferischen Akt des Künstlers«. Diese sei wesentlich durch das subjektive Gefühl bestimmt, weswegen es auch keine »Wissenschaft (im klassischen Sinne) von Kunstgegenständen« geben könne. Diese Unvereinbarkeiten zwischen dem statischen Kulturbegriff Seidls und den Formulierungen der behandelten Theoretiker ziehen sich wie ein roter Faden durchs Buch. Ralf Konersmanns Formulierung, dass ein Kultur-Begriff unvermeidlich unscharf bleiben muss, weil Kultur sich ständig wandelt, ist für Seidl ebenso wenig annehmbar wie Herbert Marcuses Analyse des Kulturbegriffs für den Klassenkampf oder Pierre Bourdieus Habitus. Am Ende muss dann sogar die Bologna-Reform dran glauben, da den Autor »eine Universitäts-Reform nicht voll befriedigen kann, wenn sie sich nicht mehr auf jene metaphysische Basis bezieht, die der abendländischen Tradition zugrunde liegt«.

Zwar sollen Rezensionen den Inhalt eines Buches wiedergeben, doch soll an dieser Stelle auch auf die (wissenschaftliche) Form eingegangen werden. Denn inhaltlich wurde hier unsauber gearbeitet. Vornamen von Autoren werden häufig abgekürzt oder gar nicht erst erwähnt, einige Lebensdaten sind falsch, Jahreszahlen unkorrekt, zahlreiche Zitate sind nicht als solche gekennzeichnet und auch eine gendergerechte Sprache wird vollends ignoriert. Im Anhang findet sich keine Auflistung der behandelten Literatur, sondern nur »Einige Literaturangaben«, wobei es sich hier um exakt sieben Bücher handelt, die größtenteils keinen Bezug zur vorangegangenen Einführung haben.

Jungen Kunstgeschichtsstudierenden, die gerne eine Übersicht über die wichtigsten Positionen der Ästhetik oder Kunstphilosophie gewinnen möchten, kann daher nur vom Kauf des Buches abgeraten werden.