Buchrezensionen, Rezensionen

Horst Wenzel: Spiegelungen. Zur Kultur der Visualität im Mittelalter. Erich Schmidt Verlag 2009

Um sich dem Mittelalter zu nähern und in der Betrachtung dieses für uns so fernen Zeitalters nicht auf tradierte und einseitige Deutungsmuster zurückgreifen zu müssen, die diese Epoche wahlweise in Bildern von mutigen Rittern und tugendhaften Damen, oder blutrünstigen Kreuzzüglern und Inquisitoren erscheinen lassen, ist das immer wieder geforderte interdisziplinäre Vorgehen und die Hinwendung zu den Quellen eine praktikable Methode. So empfiehlt es sich auch für Kunsthistoriker, einen Blick über den eigenen Tellerrand zu werfen und germanistische Positionen zu rezipieren. Eine gute Möglichkeit dazu bietet die neue Untersuchung Horst Wenzels, Professor für ältere deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Auf gut 300 Seiten stellt Wenzel systematisch geordnet in zehn Kapiteln die wichtigsten Merkmale der Visualität im Mittelalter zusammen. Zwar widmet sich ein großer Teil dessen den verschiedenen Modi der Thematisierung von Sichtbarkeit innerhalb von Texten selber, Wenzel versäumt es jedoch nicht, auch die bildliche Kultur des Mittelalters in den Handschriften zu betrachten und diese beiden Teile in einen Bezug zueinander zu setzen. Unser Rezensent Jan Hillgärtner hat das Buch für PKG gelesen.

Wenzel © Cover Erich Schmidt Verlag
Wenzel © Cover Erich Schmidt Verlag

Die Studie beginnt für ein wissenschaftliches Werk äußerst ungewöhnlich. In der Einführung in das erste Kapitel, das sich der Entwicklung der Zentralperspektive im Mittelalter widmet, schildert der Verfasser die eigenen Wahrnehmungen, die er bei der Teilnahme an einer katholischen Prozession im italienischen Lucca gemacht hat. Dort in der Toskana wird jedes Jahr erneut der Volto Santo, ein hölzernes Kruzifix am 14. September durch die Stadt getragen. Die Erfahrung dessen, als Teilnehmer an der religiösen Festivität ein durch den Raum wandelndes, in der heutigen Zeit als starres Kunstwerk präsentiertes Werk zu sehen, wird im Folgenden zur Grundlage seiner Arbeit und wissenschaftlich unterfüttert. Wenzel arbeitet anhand zahlreicher Verweise auf mittelalterliche Bilder und bebilderte Handschriften die Performanz dieser einzigartigen Kunst heraus und setzt als zentrales Forschungsparadigma die Erkenntnis, dass »die Wahrnehmung von mittelalterlichen Bildern und Texten […] bei der Aufführung ansetzen [muss]«.

Eine erste These des Verfassers findet sich in seinen Bemerkungen zur Zentralperspektive. Die gemeinhin in der Kunstwissenschaft mit den Werken Filippo Brunelleschis, Giottos oder Leon Battista Albertis verbundene neue perspektivische Grundhaltung innerhalb der Malerei, bei der es zum ersten Mal im Laufe der Evolution dieser Kunst möglich wurde, dreidimensional aufgebaute Bilder zu malen, versucht Wenzel stark aus dem kunsttheoretischen Werk Albertis zu destillieren. Dabei etabliert der Forscher eine interessante Neuinterpretation des Autoren, die für die mittelalterliche Kunst von großer Bedeutung ist: durch die Formulierung des Programms einer neuen Kunst durch Alberti, so Wenzel, charakterisiert sich quasi ex negativo die Vorstellung der älteren Kunst. In dieser ist die Trennung zwischen dem im Bilde Dargestellten und dem Betrachter noch nicht vollzogen und erst die Zentralperspektive »fixiert den Beobachter grundsätzlich außerhalb des Bildes«. Was also zunächst als subjektives Erlebnis geschildert wurde, die Wirkung von Kunst im Raum und die (noch) fehlende Exklusion des Betrachters aus dem Bildgeschehen, findet sich in den Schriften Albertis bestätigt.

Dies ist die Grundannahme, auf die die Studie im Folgenden aufbauen wird. Darüber gelegt ist eine aspektorientierte Untersuchung, die den methodischen Rahmen, in dem die verschiedenen Bildbeschreibungen und Interpretationen eingefügt sind, bildet.  Vor allem ist es das auf die höfische Erziehung ausgerichtete Großgedicht »Der welsche Gast« des Thomasîn von Zerclaere, das in den Handschriften A und G ein breit ausgearbeitetes Bildprogramm bietet, als Quelle für seine Analyse zu nennen. Anhand dieses mittelalterlichen Zeugnisses gelingt Wenzel der Nachweis eines erstaunlich komplex angelegten Programms von Handschrift und Bild und dessen Interferenzen. So ist es zum Beispiel erst im Vergleich von Text und Bild möglich, die umfassende Bedeutung des Spiegelmotivs, im Bild wie in der Literatur, zu verstehen. Der Spiegel und die eigene selbstverliebte Betrachtung darin, ist auch heute noch einfach auf die mittelalterliche Vorstellung der Sünde, ausgelöst durch das sich schuldig machen an der Superbia, eine der sieben Todsünden. Genau dies verdeutlicht sich an den dem Text hinzugegebenen Miniaturen. Dass dabei jedoch nicht nur individuelle Motive eine Rolle spielen, zeigt der Bezug auf den Text. Horst Wenzel kann an dieser Stelle verdeutlichen, dass ein abweichender Eindruck dieses Bildes entsteht, wenn man den Text zu dieser Betrachtung hinzuzieht. Dieser, so der Autor, impliziere über die reine Darstellung einer Verfehlung hinaus auch eine gesellschaftliche Komponente. Dadurch, dass »das Spiegelmotiv [sich] also auf soziale Spiegelungsprozesse [bezieht]« ermöglicht eine kontrastive Betrachtung der Text- und Bildebene die Möglichkeit, mittelalterliche Artefakte in bisher nicht bekanntem Umfang zu analysieren und umfassender zu verstehen. Dabei ist dieses herausgegriffene Beispiel sinnbildlich dafür, wie die teilweise mit hohem künstlerischem Sachverstand angelegten Handschriften einer solchen Betrachtung bedürfen, da sie, wenn man dem Forscher folgt, eben nicht auf eine einseitige Betrachtung hin ausgelegt sind.

Es ist die grundsätzliche Leistung des Horst Wenzels, in dem vorliegenden Werk den engen Zusammenhang zwischen Handschriften und Bildprogrammen herauszuarbeiten und diesen an exemplarischen Beispielen zu erläutern. Betrachten wir mittelalterliche Handschriften, die in herausragenden Arbeiten wie etwa der großen Heidelberger Liederhandschrift oder den bebilderten Zeugnissen des »Eneasromans« Heinrichs von Veldeke noch heute Erstaunen und Aufmerksamkeit in der Forschung und dem Publikum hervorrufen, so kann eine fundierte Betrachtung nicht an den eng gesetzten Grenzen zwischen Text und Bild, zumal sie von den damaligen Schreibern und Illustratoren ohnehin nicht als trennend gedacht wurden, enden. Wenzel verdeutlicht in einem relativ engen Rahmen, der sich bei der Betrachtung der Bebilderung hauptsächlich mit dem »Welschen Gast«, und auf der Text-Ebene mit den höfischen Klassikern des 13. Jahrhunderts beschäftigt, die enge Verbindung der beiden Bereiche und vermeidet dabei den Fehler, in der wissenschaftlichen Rekapitulation eine scharfe Trennung erneut zu etablieren. Seine These von der Inklusion des Betrachters und der hoch anzusetzenden Bedeutung der Visualität ist hier anhand zahlreicher Beispiele überzeugend dargelegt. Wenzel macht mit erstaunlicher Deutlichkeit darauf aufmerksam, dass eine kinästhetische Wahrnehmungsweise nicht nur bei üblichen Kandidaten, wie etwa dem Teppich von Bayeux, der aufgrund seiner Länge von rund 70 Metern ohnehin nur wandernd zu erfahren ist, sondern, dass sprachliche und bildliche Kunstwerke des Mittelalters allgemein einen hohen Grad an performativer Wahrnehmungseinstellung seitens des Rezipienten fordern und auf einem kulturell tradierten Wissen aufbauen, das es für uns wohl noch zu entdecken gilt.