Buchrezensionen, Rezensionen

Hubert van den Berg/Walter Fähnders (Hrsg.): Metzler Lexikon Avantgarde. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart - Weimar 2009

Franz Siepe gibt einen Einblick in das neue Nachschlagewerk zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts.

AvantgardeLexikon©Metzler
AvantgardeLexikon©Metzler

»Dieses Lexikon bietet ein Panorama der ästhetischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts, wie sie sich insbesondere in Europa und Amerika mit Ausläufern nach Asien und dem südlichen Mittelmeerraum manifestiert hat.« So das Werkprogramm der Herausgeber Hubert van den Berg (Kulturwissenschaftler an der Universität Groningen) und Walter Fähnders (Germanistikprofessor an der Universität Osnabrück) in ihrer Einleitung, die nach Karlheinz Barcks – die zeitlichen und kulturräumlichen Kontexte von »Avantgarde« in weitem Bogen nachzeichnendem – Beitrag im ersten Band der »Ästhetischen Grundbegriffe« (2000) sowie Anja Zimmermanns notgedrungen knappem, dafür aber um so gehaltvollerem Artikel im »Lexikon der Kunstwissenschaft« (2003) nun bereits den dritten, eigentlich unhintergehbaren Übersichtstext zu diesem Problemfeld in einem Nachschlagewerk aus dem Hause Metzler innerhalb der letzten Jahre liefert.

Da jede dieser Arbeiten ihren Gegenstand aus eigenem Blickwinkel betrachtet, empfiehlt sich demjenigen, der Orientierung auf dem keineswegs scharf konturierten Diskursfeld »Avantgarde« sucht, gewiss die Lektüre aller drei Texte; doch um diesem Rat zugleich eine Warnung beizugeben: Auf ein Karteikärtchen zum prüfungsgerechten Wissensabruf lässt sich durchaus nicht bringen, was über Geschichte und Inhalt des Begriffs verantwortlich zu sagen wäre.

Barck hatte in den »Ästhetischen Grundbegriffen« zugunsten einer problemgeschichtlichen Rekonstruktion ganz auf eine hausgemachte Definition verzichtet und besonders – am Ende unter Hinweis auf Joseph Beuys‘ »soziale Plastik« – den sozialutopischen Impuls des ursprünglich aus dem Militärischen stammenden französischen Wortes für »Vorhut« in Erinnerung gerufen. Auch für Anja Zimmermann wurzelt der Begriff »Avantgarde« in »utopischen Entwürfen des Ästhetischen« und bezeichnet »die moderne, d. h. nach-aufklärerische kulturelle Artikulation gesellschaftlichen, ästhetischen oder politischen ›Fortschritts‹.«

Fortsetzung von Seite 1

Nun indizieren schon die Anführungszeichen um den »Fortschritt«, dass derzeit von jenem geschichtsphilosophischen Optimismus, der einst Impulsgeber sei es selbst-, sei es fremdetikettierter »avantgardistischer« Bewegungen war, wenig übrig geblieben ist. Sind nicht mittlerweile sämtliche utopisch motivierten Gesellschaftsentwürfe gründlich delegitimiert? Wer wäre denn noch guten Gewissens »progressiv«, so dass er sich als Teil der »Vorhut« einer Entwicklung hin zum Besseren, Humaneren wähnte?

Die beiden Herausgeber des »Metzler Lexikon Avantgarde« versuchen es mit der folgenden Begriffsbestimmung, wobei das Vergangenheitstempus bei Alt-Avantgardisten jedes Lebensalters und jeder Couleur nostalgische Wehmut wecken dürfte: »Die Avantgarde bildete ein Geflecht von Gruppierungen, Bewegungen, Ismen, Strömungen, Tendenzen, von Einzelkünstlern, Galeristen, Verlegern, von Zeitschriften und Zeitungen mit dem Anspruch, nicht nur eine radikale Neuerung künstlerischer Formen und der einzelnen Künste zu bewirken, sondern zugleich eine gänzlich neue Auffassung von Kunst und eine neuartige Positionierung der Kunst in der Gesellschaft durchzusetzen. Die Avantgarde war eine äußerst heterogene und flukturierende Erscheinung.«

Man geht indes nicht ganz fehl, wenn man zwischen der (historischen) Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (mit ihren Ismen wie Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus etc.) einerseits und der Neo-Avantgarde nach dem Zweiten Weltkrieg andererseits unterscheidet. War der Avantgardebegriff vor 1945 in der marxistischen Kunst- und Literaturtheorie eine – sehr kontrovers diskutierte – revolutionäre Kampfparole gewesen, so diente er nach dem Krieg, als New York zum Zentrum der Modernen Kunst avancierte, wieder als Instrument zur Durchsetzung politischer Interessen. Es war namentlich der Abstrakte Expressionismus mit Leitfiguren wie Willem de Kooning, Jackson Pollock, Franz Kline, Barnett Newman oder Mark Rothko, der zum Inbegriff des ästhetischen Nachkriegsavantgardismus wurde und nicht nur die von den Nazis verfemte »Entartete Kunst« rehabilitieren, sondern auch – per Kontrastbildung – den Sozialistischen Realismus als »Kitsch« diskreditieren wollte. Unter dem Eintrag »Kommunismus« schreibt der Mitherausgeber van den Berg: »Während des Kalten Krieges sah sich [...] der amerikanische CIA dazu veranlasst, durch massive Propaganda u. a. im Rahmen des 1950 in West-Berlin gegründeten ›Congress for Cultural Freedom‹ (CCF, 1950-69) eine kulturelle Front gegen den Kommunismus zu errichten und fellow travellers vom Kommunismus zurückzugewinnen. Dabei galt nicht zuletzt der von der CIA über den CCF und das New Yorker ›Museum of Modern Art‹ (MoMA) geförderte Abstrakte Expressionismus als Ausdruck der von den USA repräsentierten und verteidigten künstlerischen Freiheit – insofern trugen derartige Interventionen insgesamt auch zur Neuformierung der europäischen Avantgarde nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt bei.«

Fortsetzung von Seite 2

Freilich können sich nicht alle der insgesamt 220 von Autoren aus mehreren Ländern verfassten Artikel (von »Absolute Dichtung« bis »Zufall«) durch eine ähnlich brisante Aufklärungskraft auszeichnen. Stichwörter wie »Esperanto« und »Estland« dürften kaum von demselben Gewicht sein wie etwa »Minimalismus«, »Mode« und »Moderne« oder auch »Postkolonialismus« und »Postmoderne«. Sicher, man mag das vergebliche Suchen nach Lemmata wie »Lebensreform« und »Jugendstil« resp. »Jugendbewegung« beklagen und »Jazz« oder »Punk« vielleicht für verzichtbar halten. Doch es ist ja nicht nur bei Nachschlagewerken fast immer so, dass dem einen zuviel und dem andern zuwenig geboten ist.

Die Beiträge überzeugen durchwegs mit ihrer klugen Ausgewogenheit von lexikographisch gebotener Kürze und sachhaltiger Problemdarlegung. Am Ende jedes Artikels finden sich Angaben zu älterer und neuester Forschungsliteratur. Das umfangreiche Personenregister am Ende des Bandes erhöht den Gebrauchswert zusätzlich.

Und immer wieder stößt man auf Unbekanntes, Überraschendes und Unerwartetes; so etwa den Hinweis auf die erst in der jüngeren Forschungsgeschichte intensiver beleuchtete Verbindung von Avantgarde und Okkultismus oder auf Hans T. Siepes feines Artikelchen zu Alfred Jarrys »Pataphysik«, das er mit einem Zitat des Romanistenkollegen Thomas M. Scheerer († 2.8.2009) ausklingen lässt: »Wie die Liebe, gutes Essen oder ein schöner Lexikoneintrag ist die ›Pataphysik‹: einfach und kompliziert, nutzlos und notwendig. Gleichzeitig, in jede Richtung und darüber hinaus.«