Kataloge, Rezensionen

Hubertus Gaßner/ Annabelle Görgen/ Christoph B. Schulz (Hg.): Alice im Wunderland der Kunst, Hatje Cantz 2012

Gerade endete in der Hamburger Kunsthalle die Ausstellung »Alice im Wunderland der Kunst«. Anhand von Fotografien, Illustrationen, Gemälden und Installationen konnten die Besucher der Entstehung und den Auswirkungen von Lewis Carrolls Werk nachspüren. Jana Pippel hat den umfangreichen und anschaulichen Ausstellungskatalog von Hatje Cantz rezensiert.

Lewis Carrolls »Alice im Wunderland« charakterisiert Fragen nach Raum, Realität und Illusion, Gegenständlichkeit sowie in besonderem Maße nach der Zeit. Das Buch hatte sehr großen Erfolg. Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine wahre Alice-Mode ein. In allen nur erdenklichen Gebrauchsgegenständen wurden die Illustrationen von John Tenniel aufgegriffen – von Karten- und Brettspielen über Puppen und Sammelfiguren bis hin zu Briefmarken und Gebäckdosen. Eine genauso intensive Rezeption setzte in der Literatur und bildenden Kunst ein, ebenso in der Musik, im Theater und Film. Die Verarbeitung der Alice im Wunderland durch bildende Künstler lässt sich dabei grob in drei Kategorien einteilen. Neben expliziten Darstellungen, gibt es versteckte und indirekte Anspielungen, schließlich entdeckt der Betrachter manchmal auch Bezüge, die vom Künstler nicht unmittelbar beabsichtigt waren. Einen Teil dieses unglaublichen Spektrums stellt der vorliegende Ausstellungskatalog »Alice im Wunderland der Kunst« zur gleichnamigen Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle in 15 Beiträgen vor. Der Katalog widmet sich allen Möglichkeiten der Verarbeitung, ebenso wie allen Kunstrichtungen der vergangenen Jahrzehnte und schafft damit ein sehr umfangreiches Bild der Alice im Wunderland der Kunst.

Lewis Carroll war selbst leidenschaftlicher Fotograf. Sein Œuvre umfasst nahezu 3000 Fotografien. Schwerpunkt seiner Arbeiten bildete die Porträtfotografie. Vor allem Alice Liddell, die historischen Figur zu seiner Romanheldin, hielt er in unzähligen Aufnahmen fest. Die Unschuld der Kinder auf den Carroll'schen Fotografien erinnert stark an die Kunst der Präraffaeliten. Carroll pflegte sehr enge Kontakte zu verschiedenen Künstlern. Zu nennen sind hier insbesondere John Ruskin, Alexander Munro, Dante Gabriel Rossetti, John Everett Millais, Sophie Anderson, Thomas Frank Heaphy – um nur eine kleine Auswahl zu geben. Lewis Carroll war außerdem bemüht, junge und unbekannte Künstler zu fördern. Möglich wurde ihm dies durch den Erfolg seiner Alice-Bücher. Dieses künstlerische Engagement erklärt, warum dem Autor die ästhetische Qualität des Buches so viel bedeutete. Die Illustrationen zur Geschichte der kleinen Alice sollten nicht nur dekorieren, sondern selbst ein wichtiger Bestandteil von ihr werden. Eine komplexe Text-Bild-Kombination war das Ziel. Dazu engagierte Lewis Carroll den Illustrator John Tenniel. Der Ausstellungskatalog beginnt daher ganz richtig mit der Betrachtung der künstlerischen Werke Lewis Carrolls und der Kunst der Alice-Bücher selbst. Es wird ein umfangreiches Bild der Carroll'schen Fotografie sowie Gestaltung der Alice durch John Tenniel gezeichnet.

Die folgenden Beiträge widmen sich anschließenden Kunstströmungen, die von »Alice im Wunderland« und der Fortsetzung »Alice hinter den Spiegeln« stark beeindruckt waren. Surrealistische Werke von Max Ernst, Salvador Dalí u.a. sowie Gemälde, Fotografien, Video- und Rauminstallationen von Marcel Broodthaers, Anna Gaskell, Kiki Smith, Stephan Huber und vielen anderen Künstlern der 1960er bis 2000er werden vorgestellt. Zwar halten die einzelnen Beiträge dabei eine gewisse Chronologie ein, unterwerfen sich diesem Prinzip aber nicht sklavisch – die Surrealisten wären sehr zufrieden. Vielmehr betrachtet jeder einzelne einen neuen spannenden Aspekt in der Frage nach der Rezeptionsgeschichte der kleinen Alice in der Kunst. Die Betrachtungen reichen von groben Zusammenhängen bis zur Analyse einzelner Motive. Es entsteht ein wahres Alice-Kaleidoskop.

Den Schwerpunkt bildet bei der fast 150 Jahre umfassenden kunsthistorischen Betrachtung ganz eindeutig der Surrealismus, da vor allem diese Künstler eine starke Auseinandersetzung mit der Alice-Thematik auszeichnet. Das Kind war besonders beeindruckend für sie. Die Surrealisten verbanden mit ihm einen unverfälschten, noch nicht den vorgegebenen Verhaltensweisen unterworfenen Menschen, ein neugieriges, ungehorsames und unverfälschtes Individuum. Folgerichtig wurde auch der den Naturgesetzen nicht gehorchende Traum ein zentrales Motiv der Surrealisten. Ebenso der Spiegel, der die Realität hinterfragt und das zeigt, was nicht sichtbar für uns ist. Die dabei zu entdeckende künstlerische Strategie, die die surrealistischen Bilder ebenso kennzeichnet wie die Erzählung Carrolls selbst, ist die Verfremdung von Gegenständen des Alltags.

Bei aller kunsthistorischen Betrachtung werden die Beiträge aber ebenso dem Anspruch des Klappentextes gerecht, ein bibliophiler Katalog zu sein. Stets steht Alice im Mittelpunkt der Betrachtung – ihre Entstehungszusammenhänge, die historische Figur, die Rezeptionsgeschichte und der Erfolg. Zahlreiche Inhaltsanalysen und dezidierte Betrachtungen einzelner Motive und thematischer Schwerpunkte bilden das Gerüst des Buches.

Ebenfalls beeindruckend sind die vielen großformatigen und farbenreichen Abbildungen, die den gesamten Katalog durchziehen. Sie bilden eine perfekte Ergänzung zu den literaturanalytischen Diskursen und kunsthistorischen Betrachtungen. Insgesamt ist der Katalog ein sehr gut abgestimmter, umfangreicher und anschaulischer Band an der Schnittstelle von Kunst und Literatur und unbedingt lesens- und betrachtenswert.