Ausstellungsbesprechungen

I am we_interactive image, a+gallery Stuttgart

Zentrales Thema in den Arbeiten des Medienkünstlers Wolf Nkole Helzle ist die Beziehung zwischen Individuum und Kollektiv. In einem globalen Netzkunstprojekt, das von der a+gallery unterstützt wird, vereinigt er dazu die Fotografien vieler zu einem mosaikartigen Porträt. Günter Baumann hat sich damit beschäftigt.

Im tiefsten Unterholz des Existenzialismus schrieb Arthur Rimbaud: »Ich ist ein anderer«, womit er die Krise der Moderne auf den Punkt brachte. Dabei waren ihm die heutigen Verstrickungen des Menschen in globale Netzwerke nicht einmal entfernt bekannt – die Fremdbestimmung hat so überhand genommen, dass man sich selbst oft gar nicht mehr wahrnimmt. Andrerseits wohnt allem bekanntlich ja ein neuer Anfang inne. So hat etwa die Social Media Art einen Weg aufgetan, der durch den Dschungel der Netze führt, mehr noch: Jeder einzelne wird Teil eines Ganzen, die Kunst demokratisiert sich, wird zudem Teil des Lebens und nicht mehr nur des Galeriealltags. Der Medienkünstler Wolf Nkole Helzle arbeitet seit Jahren daran, den Gemeinsinn zu verknüpfen, wobei ihm die Welt gerade weit genug ist: »Ich bin wir« heißt sein jüngstes Projekt, notgedrungen bzw. selbstredend eigentlich »I am we«, ein Slogan, unter dem sich ein interaktives Kollektivbild verbirgt oder gerade enthüllt. Die a+gallery in Stuttgart hält zurzeit das »1. Internationale usermeeting & exhibition« ab, um der Internetplattform den Rücken zu stärken, denn das eigentliche Forum ist nicht der reale museale Raum, sondern der virtuelle. Wolf Helzle macht die Kunst im Sinne des Wortes zur Weltkunst.

Die globale Ausweitung ist nur die Konsequenz eines Langzeitprojekts, das in den späten 1990er Jahren seinen Anfang nahm. In institutionellem, städtischem oder unternehmerischem Auftrag fotografierte Helzle eine bestimmte Anzahl von Menschen, die einer Ausstellung beiwohnten, die einer gesellschaftlichen Gruppe angehörten oder die in ihrer Vielfalt erfasst werden sollten. Durch ein spezielles Programm ließ er die Gesichter über einen Zufallsgenerator ineinander übergehen, um schließlich ein einzelnes Gruppenantlitz zu erstellen – zuletzt groß angelegt in der Städtischen Galerie in Ostfildern –, das mit einem Gattungsnamen versehen wurde, so etwa den »Homo schaparuikenellsis« (für die Orte SCHArnhauser PArksiedlung – RUIt – KEmnat – NELLingen), bestehend aus der Überblendung von genau 1.102 Porträts. Dass dabei kein Allerweltsgesicht entsteht, überrascht: Vielmehr entsteht ein relativ weichgezeichnetes Bildnis, das gleichsam innerlich zu pulsieren scheint, als sei es in Bewegung. Sinnigerweise hieß das Langzeitunternehmen »… and I am a part«, was die Bedeutung dieser Partizipation des Normalbürgers unterstreicht. Inzwischen sind auf diese Weise etliche multiple Porträts entstanden, deren Einzelbildnisse einem stetig wachsenden Pool zugeführt werden (der aktuelle Stand liegt bei an die 30.000 Aufnahmen) – um in ethnologischen, nationalen oder sozialen Kontexten wieder verwendet zu werden. Theoretisch ist es nicht abwegig, dass dem Künstler letztlich ein »homo universalis« vorschwebt.

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Das wäre jedoch zu einfach: immerhin bietet das Netz weit komplexere Formen der Universalisierung an. Wolf Helzle initiierte ein Fototagebuch und lud weltweit Menschen ein, sich anzumelden und täglich bzw. regelmäßig ein Bild hochzuladen. Bereits in der Testphase zählte das »I am we«-Projekt 50 Teilnehmer zwischen Bali und den USA, zwischen Finnland und Ägypten, mit 2.000 hochgeladenen Bildern. Fünf Wochen nach dem Start im April 2012 gab es über 120 Nutzer aus über 30 Nationen, Tendenz steigend: Die letzte Messung im Juli zeigte rund 200 Teilnehmer an, etwa 7.000 Bilder und doppelt so viele Kommentare, die ausdrücklich zum Gesamtkonzept gehören. Der Clou ist weniger die unkalkulierbare Flut von Impressionen, die Helzle alle sichtet, sondern zum einen die dabei entstehende Kommunikation unter den ›Mitgliedern‹, und zum anderen das, was Helzle als Regisseur oder besser: als deus ex machina daraus macht – sein Programm generiert aus dem eingesandten Daten, je nach Helligkeitsmodus, Mosaikbilder, die etwa ein sich nach und nach wieder auflösendes Gesicht ergeben. So erfüllt sich manchem ein Traum, Teil und Ganzes, sprich: Gemeinwesen und Individuum zu sein.

Wenn man sich vorstellt, dass es genügend Gesellschaften gibt, bei denen das eine zwangsverordnet und das andere verboten ist, bietet sich hier im virtuellen Raum ein soziales Medium an, das jeder Gedankenpolizei ein Schnippchen schlägt. Was die Stuttgarter Galerie a+gallery macht ist so etwas wie ein Zwischenbericht: Ein paar Nutzer präsentieren, was sie so in das kollektive Tagebuch eingegeben haben. Auch hier geht es nicht um Gleichmacherei, sondern um die Erkenntnis intellektueller oder sagen wir transzendenter Verwandtschaft, die sich physiognomisch wie individualpsychologisch äußert. »Hatte ich am Anfang noch den Eindruck«, so Wolf Helzle, »das Individuelle würde das Kollektive überwiegen …, so wurde mir im Laufe dieser Zeit immer klarer, dass es genau anders herum ist. Wir sind gleicher als wir denken«. Individuum und Kollektiv verlieren hier ihr Profil, was weniger Verlust als Befreiung bedeuten kann, ist doch die Grenzziehung von vornherein Illusion. Helzle sucht weniger das Typische in der vereinigten Vielfalt – die er bewahrt wissen will – sondern das Besondere der Gemeinschaft, die Vermittlung des Bewusstseins, dabei zu sein: in erster Linie im kollektiven Kunstwerk der Virtualität, darüber hinaus aber auch im Leben und Denken der Spezies Mensch. In den Niederungen der wirklichen Welt bedurfte es eines iPhone-Orchesters, inszeniert von Masayuki Akamatsu, um weitere Neugierde für das weltumspannende und zeitlich offene Projekt zu wecken.

Wolf Nkole Helzle, Jahrgang 1950, kommt von der Malerei her, stellte allerdings seine künstlerische Kreativität, seine philosophische Ausrichtung und nicht zuletzt sein charismatische Ausstrahlung nach zwei Jahrzehnten Berufstätigkeit in der Hard- und Softwareindustrie in den Dienst der Medienkunst, wo sich Foto, Video und Installation begegnen. Seit 1996 ist Helzle als Künstler selbständig, hält seit 2000 eine Dozentur für Medienkunst in Schwäbisch Hall und übernahm 2006 einen Lehrauftrag für Videokunst an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Weitere Informationen

Sie gelangen unter http://interactive-image.org/de/ zum Kunstprojekt.