Ausstellungsbesprechungen

I'm Isa Genzken, The Only Female Fool, Kunsthalle Wien, bis 7. September 2014

»I´m Isa Genzken, The Only Female Fool« ist ein Ausstellungstitel, den sich die Künstlerin selbst gewählt hat. Im Zentrum der Schau in der Kunsthalle Wien stehen ihre Faszination für das Urbane, die Auseinandersetzung mit Architektur und der Raum als Sphäre des Sozialen. Sie bietet einen einzigartigen Überblick über die künstlerische Entwicklung Isa Genzkens von den Anfängen in den 1960er Jahren bis hin zu aktuellen Arbeiten. Petra Augustyn hat sie sich angesehen.

Kaum ein anderes zeitgenössisches Werk strahlt so viel Eigenständigkeit aus wie das der deutsche Künstlerin Isa Genzken (geboren 1948). 2007 war sie mit der Gestaltung des Deutschen Pavillons auf der Biennale von Venedig beauftragt und nahm dreimal (1982, 1992, 2002) an der documenta in Kassel teil. Das umfangreiche Werk der Bildhauerin umfasst Skulpturen und Installationen, Projekte im öffentlichen Raum, aber auch Fotos, Collagen und Filme sowie Arbeiten auf Papier. Die Werke stehen im aktuellen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Kontext und beeindrucken durch mediale Vielfalt.

Die am Boden liegenden, eleganten Ellipsoiden aus lackiertem Holz sind raumgreifend und monumental. Bei genauer Betrachtung transformieren sie sich zu schlanken, glattgeschliffenen Flugkörpern, bei denen Schwerpunkt und Auflagestelle in ein Spannungsverhältnis geraten, das von den geschwungenen Linien der Skulptur aufgenommen wird. Als Einflüsse entdeckt man die konstruktivistischen Modellen von El Lissitzkys Proun-Raum, die lapidar-romantischen Objekte Palermos, oder – auf der Ebene der Bemalung der Ellipsoide – den Streifen von Barnett Newman. Dennoch ist Genzkens Werk ein spätmodernistischen Erbe der Minimal Art. Die Ausstellung in der Kunsthalle Wien zeigt treffsicher, wie sehr sie aus der künstlerischen Konvention selbstbewusst heraustritt und eigene Gesetze formuliert. Mit jeder neuen Werkphase formuliert die Deutsche erneut den Anspruch, als singuläre, aus den bisherigen Erklärungszusammenhängen ausgenommene Erscheinung wahrgenommen zu werden.

Dass es Isa Genzken auf die einzelne künstlerische Arbeit ankommt, die sie zu den ihr eigenen Bedingungen gewürdigt wissen wollte, geht auch aus dem Spektrum der Oberflächenbehandlung hervor. Mal wird das Material selbst mit seinen ausgeprägten Holzmaserungen zur Oberfläche, dann wieder finden sich Holz- oder gelöcherte Eisenplatten auf Säulen (Stelen) montiert. Auch die Bemalung gleicht einem Erinnerungsraum für malerische Gesten. Neben Reminiszenzen an Barnett Newman finden sich auch expressivere Sprühtechniken mit grellen Farben, die man so auch auf dem Cover einer Techno-CD finden könnte, sowie abstrakte Zonen, die an Gerhard Richter erinnern. Ihre Säulen gleichen modernistisch-trashigen Tempeln, die persönliche Vorlieben versammeln. Jede dieser sentimentalen Anwandlungen wird von der minimalistischen Gestalt der Säulen in Schach gehalten. Sie erinnern an moderne Architektur, besonders an die Wolkenkratzer in New York.

Die weniger konfrontative Natur der Säulen, ihre sentimentalen Züge sind etwas, das sich Isa Genzken jetzt leisten kann, da der Ausnahmecharakter ihrer Arbeit bewiesen und anerkannt ist. Ihre erste Einzelausstellung fand 1976 in der Düsseldorfer Galerie Konrad Fischer statt. Sie war die zentrale Anlaufstelle für die amerikanischen Vertreter der Minimal Art und galt als eine Art Epizentrum der Avantgarde. Hier hatten nicht nur Gerhard Richter und Gerhard Rückriem, sondern auch Carl André oder Hanne Darboven ausgestellt. Die ersten Reaktionen von Mitgliedern der fortschrittlichen Kunstwelt des Rheinlands sollen, so der Kunsthistoriker Benjamin Buchloh, eher negativ ausgefallen sein. Man habe ihre Ellipsoiden nur als „das typische Produkt weiblicher Hysterie“ betrachtet; mit anderen Worten: Man nahm sie als Bildhauerin nicht ernst. Die formale Herausforderung, die die Ellipsoiden und Hyperbolos darstellten, wie auch das ungeheure Selbstbewusstsein, das ihre schiere Größe ausstrahlte, konnten damals schlicht nicht gesehen werden.

Die Schwierigkeiten, mit denen sich Genzken in den achtziger Jahren konfrontiert sah, müssen allerdings auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass sie mit Gerhard Richter verheiratet war. Als Frau an der Seite eines Künstlers seines Renommees war es keine leichte Aufgabe, die Aufmerksamkeit des Kunstbetriebs auf die Singularität ihrer Arbeit zu lenken. Was es künstlerisch bedeutete, als „Frau von ...“ zu gelten und auf diese Identität gleichsam festgelegt zu werden, hat Genzken nur ein einziges Mal – mit einer Selbstinszenierung – in ihrer künstlerischen Arbeit angedeutet. Eines ihrer Hyperbolos nannte Genzken »Meister Gerhard« (1983). Derartige Initiativen sollten allerdings eher Ausnahmen bleiben und die Person Richter tauchte in ihrem Werk nur peripher auf.

Mit einer erstaunlichen Beiläufigkeit schafft es Isa Genzken immer wieder, künstlerische Konventionen im Bewusstsein ihres künstlerischen Stellenwertes zu zitieren und spielerisch hinter sich zu lassen. So auch in ihrem Werk »Hemden«, das erstmal in der Wiener Ausstellung gezeigt wird: Objekte, die durchaus auch zum Anziehen gedacht sind, übertragen die Idee der Skulptur in ein Feld sozialer Begegnung. Damit werden alltägliche Dinge zum zeitgenössischen Spiegel des Selbst erhoben. Vor dem Glaskubus am Wiener Karlsplatz platziert sich Isa Genzkens Skulptur »Haare wachsen wie sie wollen«. Diese Haare sind ein gelungenes Plädoyer für den Wildwuchs im Urbanen, der dem steigenden Konformitätsstreben entgegenwirkt und als wichtige Brücke zwischen den beiden Standorten der Kunsthalle dient.

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