Ausstellungsbesprechungen

Ich, Christian Buddenbrook. Skizzen eines Lübecker Kaufmannssohns, Buddenbrookhaus Lübeck, bis 28. Mai 2017

Christian Buddenbrook, dem jüngeren Bruder von Thomas Buddenbrook, sind die schönen Blätter gewidmet, die Heinz-Joachim Draeger in diesen Tagen im Lübecker Buddenbrook-Haus ausstellt. Stefan Diebitz hat sich die Ausstellung angesehen.

Anders als sein pflichtbewusster Bruder Thomas ist Christian Buddenbrook ein Filou; schon als Kind liebt er das Theater, später den Club, er macht als Schüler Faxen und die Lehrer nach, verschwindet später erst nach London, anschließend nach Südamerika und arbeitet nach seiner Rückkehr eine Weile in der von seinem Bruder geleiteten Firma, wo er sich schon bald zurückzieht. Immer wieder leidet er unter allerlei eingebildeten Krankheiten, von denen er nur zu bereitwillig erzählt. Obwohl später wirklich rheumatisch und dazu, am Ende seines Lebens, gemütskrank, überlebt er seinen Bruder.

Heinz-Joachim Draeger ist ein in Lübeck und Umgebung renommierter Künstler und Autor, dessen »Torstraße«, die pädogisch geschickt aufgearbeitete Geschichte einer fiktiven Lübecker Straße, sich seit buchstäblich Jahrzehnten gut verkauft: ein echter Longseller. Draeger, ein sehr guter Zeichner und dazu offensichtlich ein intimer Kenner des Romans, hat sich in seinem neuen Projekt nicht etwa an Illustrationen des Romans versucht, sondern sich eine eigene fiktive Geschichte ausgedacht, eigentlich eine Ergänzung des Romans. Er lässt Christian Buddenbrook im Kontobuch, das mit Zahlungsaus- und -eingängen zu füllen er keine Lust mehr hat, allerlei Zeichnungen anfertigen. Das erste Blatt in Ausstellung und Katalog enthält noch Zahlenkolonnen, die aber mit zwei großen Kreuzen durchgestrichen sind; darunter steht ausdrücklich »ungültig« und »abgeschlossen«. Auf der nächsten Seite kann man von seinen Absichten lesen: »Ich, Christian Buddenbrook, führe dieses Rechnungsbuch der Firma weiter – auf meine Weise. […] Meine Heimatstadt und meine ehrenwerthe Familie bilden den Hintergrund. Meinen Leiden kann ich hier Ausdruck geben.«

Das Ergebnis ist ein überaus unterhaltsamer und amüsanter Bilderbogen aus Karikaturen, Reiseerinnerungen, Charakterstudien und ernsthaften Porträts. Die Bilder wirken nicht zuletzt des Hintergrundes wegen – Draeger wollte keinesfalls weiße Blätter – sehr einheitlich. Dazu trägt auch die überall gleiche Schrift bei, aber die Lebendigkeit der einzelnen Seiten rührt von den vielen Einzelheiten her, von den vielen in sich stimmigen Details. So lohnt es sich tatsächlich, jedes einzelne Blatt genauestens anzuschauen.

Die letzten Bilder sind eher düster, denn nach der Heirat mit der etwas halbseidenen Aline Puvogel, Grund des letzten Streits mit Bruder Thomas, zieht Christian nach Hamburg, wo es mit ihm weiter bergab geht. Weder hat er dort geschäftlich Erfolg, noch ist er mit seiner Angetrauten glücklich; schließlich lässt Aline ihren Mann in die Anstalt bringen. »Aline! Das kannst Du doch nicht tun«, heißt es auf der vorletzten Doppelseite, auf der sein eigenes Porträt, das Bild eines abgezehrten, fast haarlosen und hohläugigen Mannes mit dem Gesichtsausdruck eines tief deprimierten Menschen, neben dem einer bösen Frau steht, die schief aus ihrem hochgeschlagenen Kragen zur Seite linst.

Die letzte Doppelseite zeigt ein weiteres Porträt Christians in weißblau gestreifter Krankenhauskleidung, umgeben von den Fratzen der Irren, dazu ein verzweifeltes »ich will hier raus!« So sind diese Blätter doch nicht, wie man zunächst glauben könnte, einfach nur vergnüglich, sondern dieser Blick in die Leiden eines psychisch Kranken ist sehr ernst und gibt einen vielleicht ziemlich realistischen Eindruck. Und realistisch sind die Zeichnungen ja auch sonst, wenn sie Travemünde zeigen oder die Straßen von Lübeck: so wie in diesem Buch nämlich hat es tatsächlich ausgesehen.

Draeger hat nicht nur gezeichnet, sondern zusätzlich mit Collagen gearbeitet, also sich teils von Fotos der Vorbilder für die Figuren anregen lassen, teils diese Bilder wie auch Eintrittskarten oder andere Papiere in seine Bilder hineingenommen. Sauber gearbeitet und recherchiert sind auch die Ansichten, die man vom Lübeck des 19. Jahrhunderts bekommt, so dass seine Skizzen ein vielfältiges und differenziertes Bild verschiedener Personen wie der Umgebung entwerfen. Eine schöne und empfehlenswerte Ausstellung!