Ausstellungsbesprechungen

Ich bin hier! Von Rembrandt zum Selfie, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, bis 31. Januar 2016

Ganz dem Ich hat sich die Ausstellung verschrieben; genauer gesagt dem gezeichneten Ich im Selbstporträt. Dabei erwartet die Besucher aber keineswegs eine Schau mit den bekanntesten, größten und schönsten Selbstporträts der Kunstgeschichte, sondern ein Konzept mit überraschenden Konfrontationen und einigen Entdeckungen. Günter Baumann hat es sich angesehen.

Wenn sich ein Museum ein Ausstellungsthema auswählt, das schon im ersten Gedankengang so überbordend ist wie die Unternehmung der Karlsruher Kunsthalle, das Selbstporträt zeiten- und länderübergreifend zu präsentieren – und dabei souverän genug ist, Lücken hinzunehmen und sogar mit offenkundiger Freude ans Werk zu gehen – dann kann man schon vorab konstatieren: Die Ausstellungsmacher haben alles richtig gemacht. Was anderen Häusern oft nur mühsam gelingt, wenn sie auf wesentliche Bestände des eigenen Hauses zurückgreifen, wird hier zum kulturellen und intellektuellen Genuss. Denn die Kunsthalle hat sich mit dem Musée des Beaux-Arts in Lyon und den National Galleries of Scotland in Edinburgh zusammengetan, um nicht nur Bewährtes und Bekanntes in neuem Kontext, sondern auch vertraute Themen aus nicht für jeden bekannten Kunsthäusern zu sehen. Diese außergewöhnliche Dreier-Kooperation macht ein Projekt der EU möglich: Die Ausstellung ist Teil des Programms »Kreatives Europa« der Exekutivagentur Bildung, Audiovisuelles und Kultur der Europäischen Kommission.

So kann man Entdeckungen zuhauf machen. Gleich im ersten Raum wird der Besucher – geschickt eingefädelt – in seiner Sehgewohnheit verunsichert: hier Gipsköpfe nach antiken Originalen, dort ein Selbstporträt von Ken Currie, das bei genauer Betrachtung ein Selbstbildnis als Porträt des eigenen Vaters ist. Geschichte und persönliche, ja intime Vergangenheit machen den Pfad zur Gratwanderung. Die Unmöglichkeit, die Geschichte des Selbstporträts linear oder gar lückenlos zu erzählen, veranlasste das Kuratorenteam, Kunstgeschichte »zwar in einer breiten europäischen Perspektive, aber nur in Bruchstücken« vorzustellen. Und es sind Kabinettstücke darunter, nicht nur von Rembrandt, der in der Schau als Zugpferd eingespannt ist. Über erfreulich locker besprochene Audioguides erfährt auch der Rembrandt-Verehrer Interessantes, etwa über die Neigung des niederländischen Altmeisters für die Selbstkostümierung und für den – selbst geschlechterbezogenen – Rollentausch. Der Sprung zu Ai Weiweis Selfie-Serie bezüglich etlicher Repressalien, die ihn gerade durch ihre Öffentlichkeitswirkung vor weiteren Nötigungen schützte, ist enorm. Doch genau darin liegt die Besonderheit der Ausstellung: nie ist man nur in einer historischen Epoche, und nie werden die alten und modernen Künste gegeneinander ausgespielt. Das macht die alten Werke fit für den heutigen Blick, während die zeitgenössischen Antworten auf althergebrachte Fragen dennoch in die Tradition eines Genres eingebettet werden. Aber nicht nur hier gibt es Überraschungen. Die geniale Ausstellungslenkung, die sich nie aufdrängt, aber doch herausfordernde Wegmarken setzt, schärft die Sinne: Jan Fabres autodestruktive Videos inmitten der musealen, bildungsbeflissenen Einrichtungsarchitektur ist schon gewagt. »Unsere Präsentation«, so sind die Kuratoren Pia Müller-Tamm, Dorit Schäfer und Alexander Eiling einig, »gleicht einer eigenwilligen Versuchsanordnung, die den Besucher animieren soll, die eingeübten Sehpfade zu verlassen.«

Der Erfolg ist spürbar. Kaum ermüdend absolviert man den Parcours durchs Haus, gleichsam lernend und genießend. Dabei wird deutlich, wie gut das Thema geeignet ist, das man zur Genüge verinnerlicht zu haben scheint: Gut aufbereitet ist es und so eröffnen sich unzählige Gedankengänge, die sich auch bei wiederholtem Besuch weiter verzweigen. Man denke an die Quodlibet-Darstellung von Samuel van Hoogstraten. Beim Vorbeigehen denkt man, man sei nun eben im Normalbestand der Kunsthalle gelandet. In der Tat sind diese sogenannten Steckbrett-Stillleben im 17. Jahrhundert beliebte Augenbetrügereien, mit der die Künstler ihre Bravouresse demonstrierten. Was haben diese täuschend echt gemalten Utensilien mit den Selbstporträts zu tun? Raffiniert lädt der südholländische Maler alle Details mit persönlichen Bedeutungen auf – er mag physisch nicht abgebildet sein, aber das Gemälde ist gefüllt mit seinem Geist. Eine andere Form der Selbstdarstellung findet sich in zahlreichen Stillleben, wo in manchem Zinnkrug, in manchem Glas die Gestalt des Malers auftaucht, wie etwa in dem Prunkstillleben von Abraham van Beyeren.

140 Arbeiten von rund 100 Künstlern aus sechs Jahrhunderten sind zu sehen. Nicht zu allen hat der Audioguide einen Text parat, doch genügen auch die Informationen der Wandkärtchen, um den Spannungsbogen der Schau zu halten. Es reichen Andeutungen. Franz Xaver Winterhalter, dem zur Zeit in Freiburg eine große Ausstellung zuteil wird, ist mit einem Doppelselbstporträt zu sehen – er selbst, zusammen mit seinem Bruder Hermann, der im gemeinsamen Atelier für die Repliken zuständig war, wofür er sich den Stil von Franz Xaver aneignete. Das realistische Brüderporträt gipfelt in der glimmenden Zigarre in der lässig drapierten Hand Hermanns – eine Petitesse, aber ein malerisches Highlight.

Die neusachlichen Maler dürfen in Karlsruhe natürlich nicht fehlen, sie sind hier schließlich zu Hause. Max Beckmann ist auch ein Muss, zur Kür gehören Bildnisse wie das von Paul Klee. Dann steht man plötzlich vor einem Porträt des japanisch-schweizerischen Künstlers Léonard Tsuguharu Foujita, der Ost und West früh, in den 1920er Jahren, zu einer Einheit verschmelzt. Eines der schönsten Selbstporträts ist das von Fritz Klemm, der sich hinter einem stilisierten Maltisch als Silhouette zeichnet – wer hier ein genaues Bildnis erwartet, ist enttäuscht, wer sein Werk kennt, weiß, es ist gerade in der bloßen Andeutung ein vollendetes, gültiges Bild des Malers.

Die Ausstellung wäre unzureichend beschrieben ohne die zeitgenössischen weiblichen Stimmen, die eigenwillige Interpretationen des Selbstbildnisses zeigen: das Hirnbild von Helen Chadwick und das von Angela Palmer gehen in die Tiefe. Das weibliche Selbstbild hat nichts mehr zu tun mit den traditionellen Eigenporträts. Aber war es je traditionell? Max Beckmann schrieb: »Da wir immer noch nicht genau wissen, was nun eigentlich dieses ›Ich‹ … ist, muss alles getan werden, um das ›Ich‹ immer gründlicher und tiefer zu erkennen. – Denn das ›Ich‹ ist das größte und verschleiertste Geheimnis der Welt.«