Ausstellungsbesprechungen

Idyllenjäger - Gottfried Keller als Maler, Günter Grass-Haus, Lübeck, bis 31. August 2012

Eine deutschlandweite Premiere kann man in diesen Tagen im Lübecker Günter Grass-Haus bewundern, das mit Gottfried Keller einen der wichtigsten deutschsprachigen Erzähler des 19. Jahrhunderts erstmals als Maler vorstellt. Zu entdecken ist ein Talent, das nie gefördert wurde und sich deshalb nie wirklich entfalten und zu sich selbst finden konnte. Stefan Diebitz hat die anregende Ausstellung besucht.

Merkwürdigerweise ist es vielen Lesern ganz unbekannt, dass Gottfried Keller (1819 – 1890) für einige Jahre ein Maler war. Das ist deshalb seltsam, weil er in seinem »Grünen Heinrich« aus der Sicht eines intimen Kenners der Probleme davon erzählt, wie ein junger Mann vergeblich versucht, ein Landschaftsmaler zu werden und damit Anerkennung und Auskommen zu finden. Natürlich ist das Buch kein als Autobiografie verkleideter Roman und Heinrich Lee nicht einfach der junge Gottfried Keller, aber trotz aller Differenzen enthält das dicke Buch eine ganze Reihe autobiografischer Reminiszenzen, und es fällt ziemlich leicht, Maler, denen er in seiner Münchner Zeit oder zuvor in Zürich begegnete, im Roman wieder zu erkennen oder die Eigenarten und Schwächen, die der Autor Heinrich Lee zuschreibt, bei ihm selbst wieder zu finden.

Von insgesamt 97 Werken, die es heute noch aus der Hand Gottfried Kellers gibt, haben es 24 bis nach Lübeck geschafft. Das ist ziemlich genau ein Viertel des Gesamtbestands, und dieses Viertel umfasst das ganze Werk von Kinderzeichnungen und ersten Versuchen des Jugendlichen an bis hin zu den Blättern, die er malte, nachdem er jeden künstlerischen Ehrgeiz auf diesem Gebiet aufgegeben hatte, um sich ganz auf die Literatur zu konzentrieren.

Keller wollte Landschaftsmaler werden, aber ihm wurde immer die Unwahrheit seiner Darstellungen vorgeworfen, und ein Zug zum Fantastischen, Grotesken und Skurrilen findet sich wohl tatsächlich in allen seinen Arbeiten. Auch die Kuratorin Andrea Fromm schließt sich diesem Vorwurf an, der seine Berechtigung findet, wenn man sich die Zeichnung einer Kopfweide aus der Hand des fünfzehnjährigen Keller ansieht: tatsächlich ist das Blatt eminent unwahr, denn eine solche Kopfweide hat es nie gegeben. Offenbar hat der junge Künstler nicht richtig hingesehen und nicht erkannt, wie frische Ruten aus einer geköpften Weide hervorsprießen. Über die Bilder einer Kiefer und einer Eiche lässt sich dasselbe sagen.

Fortsetzung von Seite 1

Keller, der ein unbestechlich selbstkritischer Künstler war, wusste das natürlich selbst am besten. Im letzten Kapitel des ersten Teils vom »Grünen Heinrich« findet sich die großartige Schilderung eines gewaltigen Baumes, an dem sich der erst fünfzehnjährige Heinrich als erstes versucht, nachdem er den Entschluss gefasst hat, ein Künstler zu werden. Keller schildert den Baum als ein Lebewesen, das ihm erscheint »wie ein König aus alter Zeit, der den Feind zum Einzelkampfe aufruft. Dieser Recke war in jedem Aste und jeder Laubmasse so fest und klar, so lebens- und gottesfreudig, daß seine Sicherheit mich blendete und ich mit leichter Mühe seine Gestalt bezwingen zu können meinte«. Lebendig wie ein Mensch wirkt der Baum mit all der Bewegung, die sich in ihm abspielt oder die der junge Mann in ihm zu beobachten glaubt: »bald«, so heißt es dort, »lächelte ein grauer Silberfleck, bald eine saftige Moosstelle aus dem Helldunkel«. Wenn man so etwas überhaupt malen kann, dann wohl allein als ein wirklicher Meister.

Das Fantastische, das den Zeichner und Maler auszeichnete, findet sich also ebenso in den Schilderungen des Romans. Während dem Maler Gottfried Keller jede Anerkennung versagt blieb, wurde der Roman eines der populärsten Bücher seiner Zeit.
Ist das nicht seltsam? Vielleicht hängt das damit zusammen, dass der Dichter seine poetische, das Bizarre und Fantastische betonende Beschreibung durch die perspektivische Schilderung bricht: der Leser des Romans weiß jederzeit, dass es die Fantasie des Grünen Heinrich ist, die den Baum als einen Ritter erscheinen lässt, der Betrachter eines Blattes hingegen hätte ein anthropomorphes Mittelding gesehen - wenn denn jemand imstande gewesen wäre, die großartige Vision Heinrich Lees, von der ich nur einen kurzen Ausschnitt zitiert habe, tatsächlich malerisch umzusetzen.

Zu einem solchen Bild hätte also noch die Gestalt dessen gehört, der den Baum anschaut und einen Menschen in ihm imaginiert. Gottfried Keller aber war kein Figurenmaler – die meisten Figuren, die in seinen Bildern auftauchen, haben seine Freunde für ihn eingesetzt –, und deshalb hätte er seine Vision als Maler niemals bewältigen können. So musste er zur Dichtung finden.

Dem Maler Gottfried Keller wurde auch seine Armut zum Verhängnis, denn er erhielt niemals eine richtige Ausbildung. In Zürich lernte er eine Weile bei einem Drucker namens Peter Steiger, der sich überhaupt nicht um die Ausbildung des Jungen kümmerte, sondern diesen in den Produktionsprozess einband und ausnutzte, wo und wie es immer ging. Keller hat diese Zeit in seinem »Grünen Heinrich« eindrucksvoll und sehr bitter geschildert. Später lebte er für Jahre in München, aber an der Akademie gab es keine Klasse für Landschaftsmalerei, und die einzige Ausbildung, die er Zeit seines Lebens als Maler genoss, gab ihm ein halbes Jahr lang ein Maler, der kurz darauf an Schizophrenie erkrankte und später in einer Irrenanstalt starb. Trotzdem machte Keller in dieser kurzen Zeit erhebliche Fortschritte, und man fragt sich angesichts einiger schöner Blätter, ob er nicht mit einer soliden Ausbildung ein fähiger Landschaftsmaler hätte werden können. Der Dichter allerdings wäre dann wohl nie zum Vorschein gekommen.

Kellers Ehrgeiz richtete sich – sehr zu seinem eigenen Schaden – auf große Ölbilder. In Lübeck kann man eine »Heroische Landschaft« ganz unter dem Einfluss Carl Rottmanns betrachten, in dem er eine Landschaft aus dem »Ossian« zu schildern versucht – Keller war eben ein hoffnungsloser Romantiker. Zu seinem eigenen Schaden war das, weil Ölmalerei teuer war und er vielleicht mit Aquarellen hätte überleben können.

Auf dem Ausstellungsplakat ist das vielleicht schönste und ganz gewiss bedeutungsvollste Bild der Ausstellung zu sehen, ein Aquarell, das einen Wanderer auf einem Sandweg unter einem Gewitterhimmel zeigt. Der tiefe Horizont, die dunklen Regenwolken, aber auch der Lichtschein am Ende des Weges lassen die Landschaft tief und weit erscheinen. Das Bild erklärt sich selbst, denn wenn man es nicht schon wüsste, so würde man wohl ahnen, dass das Blatt den Aufbruch eines Menschen in eine neue Lebensphase schildert. Das Aquarell hat Keller wahrscheinlich noch in München gemalt, und so muss man es als den Abschluss seiner Laufbahn als Maler sehen, als der es wahrscheinlich wohl auch gemeint war: er ging nach Zürich zurück und wurde bald erst Lyriker, dann der Autor eines der meistgelesenen Bildungsromane unserer Literatur.

Die kleine Ausstellung ist überaus anregend und interessant, und man kann eine Reihe sehr schöner und stimmungsvoller Bilder eines erstaunlich begabten Malers sehen.