Ausstellungsbesprechungen

Im Detail die Welt entdecken (Adam Elsheimer 1578-1610)

"Diavolo per glie cose picole". „Gegenwärtig lebt in Rom ein hervorragender deutscher Maler, namens Adam, der als Sohn eines Schneiders zu Frankfurt geboren wurde. Als er nach Italien kam, war es um seine Kunst noch recht schlecht bestellt, aber er hat in Rom wunderbare Fortschritte gemacht.[…]"

"Doch gibt er sich nicht sonderlich mit dem Abzeichnen ab, sondern sitzt lieber in den Kirchen und anderwärts, wo er sich beständig die Werke guter Meister betrachtet und alles fest in seinem Gedächtnis einprägt.

Er versteht es wunderbar hübsch erfundene Kompositionen auf Kupferplatten zu malen und ist, obgleich er nicht sehr produktiv ist, doch außerordentlich geschickt darin. Er ist sehr gutmütig und jedem gern in allem zu Gefallen.“

 

Wenn im Vorraum der Ausstellung im Frankfurter Städel ein Zitat aus Carel van Manders „Schilderboek“ den Maler Adam Elsheimer vorstellt, dann gleicht dieses Porträt von 1604 in seinen Grundzügen den Darstellungen gegenwärtiger Kunstlexika: Da wird auf Elsheimers Geburt in Frankfurt am Main verwiesen, um dann an die Entwicklung vom solide ausgebildeten Handwerker zum eigensinnigen Geheimtipp der römischen Kunstszene zu erinnern. Außerdem klingen Elsheimers künstlerische Strategie, die Verbindung der „altdeutsch gegenständlichen Tradition“ mit dem „atmosphärisch Malerischen“ (Rüdiger Klessmann) sowie seine Begabung zu originellen Bildkompositionen, die ohne umfangreiche Vorzeichnungen direkt auf dem Bildträger entwickelt wurden, an. Und die Erwähnung der „Kupferplatten“ verweist auf Elsheimers Vorliebe für kleine, wenn nicht winzige Formate, die den Einsatz dieses teuren Materials erlaubten.

 

Den Nachgeborenen vorenthalten bleibt dagegen der enge, wechselseitig fruchtbare Austausch mit Peter Paul Rubens: Im sehr lesbaren Katalog legt Rüdiger Klessmann nahe, dass der „Großmeister“ konkrete Bildideen von Elsheimer übernahm, während dieser von Rubens zu antiken Bildzitaten angeregt wurde. Ebenfalls unerwähnt bleibt bei Carel van Mander Elsheimers Bedeutung für die Landschaftsmalerei.

 

Bereits in Frankfurt hatte ihn sein Meister, der – nach Sandrart ‑ „in den Regelen der Proportion, Geometria, Perspectiv und Anatomia wol erfahrene“ Philipp Uffenbach, für die Gesetze der Naturwissenschaft sensibilisiert. In Rom war Elsheimer dann einem Künstler und Gelehrtenkreis freundschaftlich verbunden, der sich sowohl für Botanik interessierte und sich über die Forschungen von Kepler sowie Galileo austauschte als auch die antike Literatur studierte und die Erforschung der römischen Katakomben verfolgte. Vermutlich führten diese Freunde aus der „Accademia dei Lincei“ Elsheimer nicht nur zu seiner Rezeption antiker Stoffe, sondern auch zu einer neuen Dimension in der Abbildung des Sichtbaren: Auf der nächtlichen „Flucht nach Ägypten“ (1610) sind sogar die Sternbilder korrekt wiedergegeben.

 

Doch auch wenn der Vorvater aller Kunsthistoriker die realistischen und poetischen Qualitäten „dieser wunderbar hübsch erfundenen Kupferplatten“ noch nicht benannte, sind es keine grundlegend neuen Forschungsthesen, die die Präsentation des nahezu vollständigen Werkes (40 Gemälde, 30 Zeichnungen) im Frankfurter Städel rechtfertigen. Von der in Format und Anzahl leicht zu überschauenden Arbeit Elsheimers überzeugt, verzichten Kurator Michael Maek-Gérard und Rüdiger Klessmann (Konzeption) auf konstruierte Begründungen. Sie appellieren an die Sehlust der Betrachter und dürfen sich durch die Ausstellungspraxis bestätigt fühlen. Selbst wenn sich das ikonografische Programm den heutigen Betrachtern kaum noch erschließt, bieten die Arbeiten einen atmosphärisch dichten Kosmos, der durch seine Detailfülle, seine kompositorische Spannung und nicht zuletzt durch die koloristische Eleganz zur ausführlichen Betrachtung reizt. So erweist sich die zeitlose Wirkung dieser Arbeiten: Wie die barocken Sammler in ihren „Raritätenkabinetten“ stehen die heutigen Besucher staunend vor den Bildern. Und vielleicht murmelt ja sogar einer, wie es die Römer getan haben sollen: Elsheimer – Il diavolo per glie cose picole. 

 

Öffnungszeiten

Dienstag, Freitag bis Sonntag: 10:00 - 19:00 Uhr

Mittwoch, Donnerstag: 10:00 - 21:00 Uhr

Montag geschlossen!