Ausstellungsbesprechungen

Im Japanfieber. Von Monet bis Manga, Arp Museum Bahnhof Rolandseck, bis 20. Januar 2019

Die Bedeutung der Kunst Japans für die Entwicklung der europäischen Moderne in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und zu Anfang des 20. Jahrhunderts kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ihn kunstwissenschaftlich zu untersuchen und in Ausstellungen darzustellen, scheint Autoren und Kuratoren stets aufs Neue in ihren Bann zu schlagen. Die Liste einschlägiger Fachliteratur ist umfangreich, beachtlich ist auch die Zahl großer Ausstellungen zum Thema. Erwähnt seien nur die spektakuläre Schau „Van Gogh & Japan“ in Amsterdam und die Ausstellung „Japonismes / Impressionismes“ im Musée des Impressionismes in Giverny, beide im Frühjahr/Frühsommer diesen Jahres. Letztere ist in veränderter, deutlich verkleinerter Form nun ins Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen gewandert und kann dort, erweitert um eine Abteilung zum Phänomen „Manga“, noch bis Anfang 2019 besichtigt werden. Rainer K. Wick hat sich in der Ausstellung umgesehen.

Claude Monet: Die japanische Brücke, um 1918-1924 © Foto Rainer K. Wick
Claude Monet: Die japanische Brücke, um 1918-1924 © Foto Rainer K. Wick
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Am 5. Juni 1888 schrieb Vincent van Gogh aus Arles an seinen Bruder Theo in Paris: „Sieh mal, man liebt die japanische Malerei, man steht jetzt unter ihrem Einfluss, das ist allen Impressionisten gemein, und wer ginge da nicht nach Japan, das will heißen, in den Süden, der einen durchaus für Japan entschädigt? ... Der Blick ändert sich, man sieht mit einem japanischen Auge, man spürt die Farbe ganz anders...“ Nachdem er schon in seiner Pariser Zeit japanische Holzschnitte nicht nur gesammelt, sondern auch kopiert hatte, erfüllte sich für Van Gogh in Südfrankreich sein Traum von Japan – eines Landes, das er nie gesehen hat, ebenso wenig wie seine Künstlerkollegen, die vom damals zeittypischen „Japanfieber“ befallen waren.

Nachdem die USA im Jahr 1854 die Öffnung japanischer Häfen erzwungen hatten und damit die mehr als zweihundert Jahre dauernde Isolation Japans zu Ende ging, strömten ungeahnte Mengen an japanischen Kunstgegenständen, kunsthandwerklichen Erzeugnissen und Objekten des alltäglichen Gebrauchs nach Europa. Diese Entwicklung steigerte sich noch ab 1868 im Zuge der sog. Meiji-Restauration, also der Abschaffung des feudalistischen Shogunats und der Erneuerung der Macht des Tenno im Sinne einer „aufgeklärten Herrschaft“, zu deren Agenda auch ein intensiverer Austausch von Waren und Ideen mit dem Westen zählte. Unter dem Eindruck der Importe aus Japan kam es vor allem in Frankreich, aber auch in anderen europäischen Ländern, zu einer geradezu überschwänglichen Japanbegeisterung, die sich in der bildenden Kunst als sogenannter Japonismus manifestierte – ein Begriff, der 1872, als sich der Impressionismus entfaltete, von dem französischen Kritiker, Sammler und Radierer Philippe Burty geprägt wurde und schnell die Runde machte. Von größter Bedeutung für die ästhetische Revolution der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich als Abkehr von der Akademie und als Überwindung des Historismus beschreiben lässt, war in Europa die Entdeckung des japanischen Farbholzschnitts und die Orientierung progressiver Künstler an dessen Gestaltungsprinzipien, etwa starke Farbigkeit, Flächenhaftigkeit, Perspektivlosigkeit, kühne Bildausschnitte. Diese Bilder, Ukiyo-e auf Japanisch, etwa von Utamaro, Hokusai und Hiroshige, um nur die bekanntesten Namen zu nennen, waren zur damaligen Zeit überaus populär. Sie wurden öffentlich ausgestellt, von Kunsthändlern wie Siegfried (Samuel) Bing in Paris käuflich angeboten und waren in Künstlerkreisen ein beliebter Sammelgegenstand. Claude Monet besaß eine beachtliche Sammlung japanischer Druckgrafik, und zahlreiche Werke, die bis heute die Wände seines Domizils in Giverny schmücken und nun erstmals außerhalb Frankreichs zu sehen sind, bilden gleichsam das Rückgrat der aktuellen Ausstellung in Remagen-Rolandseck. Im fensterlosen und damit höchster Konzentration förderlichen Schauraum der Kunstkammer Rau des Arp Museums wird das „Japanfieber“ in drei thematischen Blöcken durchdekliniert.

Im Zentrum des ersten Teils der Ausstellung stehen Innenraum- und Atelieransichten impressionistischer (Berthe Morisot), neoimpressionistischer (Théo van Rysselberghe) und postimpressionistischer Maler (Pierre Bonnard, Felix Edouard Vallotton). Stilistisch sehr unterschiedlich, ist ihnen gemeinsam, dass sie – zum Teil exakt identifizierbare – japanische Farbholzschnitte zeigen, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert offenbar zur Standardausstattung der Künstlerateliers gehörten – sei es als modische Zutat, sei es als Quelle der Inspiration oder als sichtbares Bekenntnis, „modern“ zu sein.

So groß die damalige Japan-Begeisterung war, so leicht konnte es zu Erscheinungen überschießender Phantasie kommen. Davon erzählt das zweite Kapitel der Ausstellung, das dem Thema „Geisha“ gewidmet ist. Natürlich waren seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa die Shunga genannten, oft derb-erotischen Holzschnitte von Utamaro, Hokusai und anderen japanischen Künstlern bekannt. Die Geisha wurde zum Inbegriff fernöstlicher Erotik. In dieser Figur kulminierten die Vorstellungen von Sinnlichkeit, Begierde und Verführung, so wie zuvor im Zuge des sogenannten Orientalismus der Harem und seine Bewohnerinnen die Männerphantasien angeheizt hatten. Maler wie Delacroix, Gérôme und Ingres bannten einen mit Erotik aufgeladenen Orient auf die Leinwand; nun, befallen vom „Japanfieber“, kleideten die Künstler ihre Modelle in Kimonos (William Merritt Chase) oder ließen sie nackt mit einem japanischen Fächer in der Hand (Louis Valtat) und japanischen Motiven im Hintergrund (Pierre Bonnard) posieren. Das Bild, das man sich im Westen von einer Geisha machte, hatte mit der Wirklichkeit allerdings kaum etwas zu tun. Traditionell ist die Geisha eine hochkultivierte, einen Kimono tragende, kunstvolle frisierte und aufwendig geschminkte Unterhaltungskünstlerin, die eine gute Sängerin und Tänzerin sein muss, zu einer anspruchsvollen Konversation fähig ist und die klassische Teezeremonie beherrscht. Erotik spielt dabei allenfalls eine untergeordnete Rolle. Insofern müssen die in Remagen ausgestellten Bilder eher als Zeugnisse männlicher Projektionen und als zeitgeschichtlich aufschlussreiche Dokumente eines kulturellen Missverständnisses betrachtet werden.

Der dritte Teil der Ausstellung in der Kunstkammer Rau thematisiert den durch die Erfahrung japanischer Kunst veränderten Blick französischer Künstler und die damit verbundene „ästhetische Revolution“. Hier finden sich neben einschlägigen Farbholzschnitten von Hokusai und Hiroshige, meist aus der Fondation Claude Monet in Giverny, vor allem Landschaftsgemälde und Naturansichten von Monet, Caillebotte, Seurat, Signac, Bonnard und Vuillard. Sie stammen aus Privatbesitz, der Sammlung Rau in Rolandseck, der Tate National in London, der Fondation Beyeler in Riehen, dem Musée des Impressionismes in Giverny und anderen Häusern. In einigen dieser Bilder ist der Einfluss Japans unmittelbar ersichtlich – das Flächenhafte, die scheinbar zufälligen Bildausschnitte, die hohen Horizonte, der asymmetrische Bildaufbau, die intensive Farbigkeit –, in anderen ist Japan eher unterschwellig spürbar. Besonders hervorzuheben sind zwei späte Gemälde von Claude Monet, und zwar „Seerosen und Weidenzweige“ (1916-1919) und „Die japanische Brücke“ (1918-1924), die im zauberhaften Garten des Künstlers an seinem Wohnhaus in Giverny entstanden sind. In beiden Bildern stößt Monet in Regionen vor, die das spätere Informel zu antizipieren scheinen.

Sofern den Besucher der Ausstellung trotz etlicher exquisiter Exponate das Gefühl einer gewissen Blutarmut beschleicht, so wird ihn ein Blick in den sehr schönen, informativen Katalog in dieser Hinsicht bestätigen. Denn er wird feststellen, dass dort zahlreiche Schlüsselwerke des Japonismus abgebildet sind, die in der ersten Jahreshälfte im Musée des Impressionismes Giverny gezeigt wurden, in Rolandseck aber fehlen. Bei genauerer Betrachtung erweist sich, dass hier nur rund vierzig Prozent dessen dargeboten wird, was zuvor in Giverny zu sehen war. Schmerzlich vermisst werden etwa Manets großartiges Porträt von Émile Zola (1868) mit einem gerahmten japanischen Farbholzschnitt und einem japanischen Paravent im Hintergrund, Auguste Renoirs „Stillleben mit Bukett und Fächer“ (1871), Vincent van Goghs „Italienerin“ (1887), Druckgrafik von Edgar Degas, Mary Cassatt, Paul Gauguin, Félix Vallotton und anderen, Plakate von Toulouse-Lautrec und Pierre Bonnard sowie Gemälde von Gauguin, Sérusier, Cross und Vuillard bis hin zu Matisse.

Ob sich alle Besucher der Ausstellung in der Kunstkammer Rau auch für Manga, die japanische Form des Comics, erwärmen können, deren Anfänge historisch auf Hokusai und andere Holzschnittkünstler zurückgeführt werden können, mag dahingestellt bleiben. Möglicherweise spricht der zweite Teil der Ausstellung im historischen Bahnhof Rolandseck unter den Stichworten „Manga“, „Anime“ (Zeichentrickfilm) und „Cosplay“ (Costume Play) eher ein ganz anderes, jüngeres Publikum an – sofern dieses überhaupt noch den Weg in ein Kunstmuseum findet. Wen Erscheinungsformen und Entstehungsprozesse derartiger alltagskultureller Massenphänomene, die in Japan überaus populär sind und auch hierzulande zahlreiche Anhänger haben, interessieren, wird in Rolandseck sicherlich auf seine Kosten kommen.