Ausstellungsbesprechungen

Im Lichte der Medici - Barocke Kunst in Italien, Arp Museum Bahnhof Rolandseck bis 8. September 2019

Während Florenz als Wiege der Frührenaissance seit langem Gegenstand breit angelegter kunsthistorischer Forschungen ist, hat die Kunstgeschichte von den künstlerischen Hervorbringungen der Stadt am Arno unter den letzten Medici, also im 17. und 18. Jahrhundert, nur am Rande Kenntnis genommen. Eine Ausstellung im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zeigt nun Florentiner Kunst des Barock aus der amerikanischen Privatsammlung Haukohl, ergänzt durch Bestände der Kunstkammer Rau, die zur intensiveren Auseinandersetzung mit dieser bisher eher stiefmütterlich behandelten Facette italienischer Kunst vom Seicento zum Settecento anregen kann. Rainer K. Wick hat sich die Ausstellung angesehen.

Justus Suttermans: Bildnis des Giovan Carlo de’ Medici (vor 1644) © Haukohl Family Collection Foto: Tom Lucas / MNHA Luxembourg
Justus Suttermans: Bildnis des Giovan Carlo de’ Medici (vor 1644) © Haukohl Family Collection Foto: Tom Lucas / MNHA Luxembourg

 Terra incognita
Nimmt man eine der einschlägigen Überblicksdarstellungen zur italienischen Kunstgeschichte zur Hand, so wird man in der Regel ausführlich über die bedeutende Rolle von Florenz in der Zeit der Frührenaissance, also im 15. Jahrhundert, unterrichtet. Ghiberti, Brunelleschi und Donatello, Masaccio, Botticelli und Ghirlandaio, Andrea del Castagno und Leon Battista Alberti – um nur einige namentlich zu erwähnen – stehen stellvertretend für eine Epoche, die ins Geschichtsbewusstsein als das »goldene Zeitalter« der Stadt am Arno eingegangen ist. Politisch wurde das Florenz des Quattrocento maßgeblich von der Familie der Medici geprägt, die zum bedeutendsten Förderer von Kunst und Kultur im Italien der Frührenaissance avancierte – eine Entwicklung, die im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts mit Lorenzo de‘ Medici, der auch den Beinamen Il Magnifico trug, ihren Höhepunkt fand. Nach Lorenzos Tod im Jahr 1492 folgten für Florenz unruhige Zeiten. 1494 marschierten die Franzosen ein, die Medici wurden aus der Stadt vertrieben und der fanatische Bußprediger Girolamo Savonarola verwandelte Florenz für einige Jahre in einen fundamentalistischen Gottesstaat. 1530 eroberten kaiserliche Truppen die Stadt, 1531 konnten die Medici nach Florenz zurückkehren und 1537 nahm Cosimo I. aus der jüngeren Linie der Medici als Herzog, später als Großherzog, die Geschicke der Toskana in die Hand. Seinem großzügigen Mäzenatentum war im Zeitalter des Manierismus eine enorme kulturelle Blüte zu verdanken, und Künstler wie Bronzino, Salviati und Cellino Cellini trugen dazu bei, den Ruhm der Metropole am Arno als Stadt der Künste zu mehren. Auch unter den Nachfolgern Cosimos (die Familie der Medici erlosch im männlichen Stamm mit Gian Gastone de‘ Medici im Jahr 1737) befand sich die Florentiner Kunst auf einem beachtlichen Niveau, doch hat die Kunstgeschichte davon kaum Kenntnis genommen, so dass fast von einer Terra incognita die Rede sein kann. Punktuelle Einblicke in Florentiner Ausprägungen dieser Epoche, die vom Manierismus über den Barock bis zum Rokoko reicht, bietet nun die Ausstellung »Im Lichte der Medici« im Arp Museum Bahnhof Rolandseck.

Sammlung Haukohl
Es handelt sich zum überwiegenden Teil um Arbeiten aus der amerikanischen Haukohl Family Collection, die als bedeutendste Sammlung Florentiner Barockmalerei außerhalb Italiens gilt und sich derzeit auf Europa–Tournee befindet. Nachdem sie von Oktober 2018 bis Januar 2019 im Schaezlerpalais in Augsburg unter dem Titel »Im Schatten der Medici« zu sehen war, kann sie nun in der Kunstkammer Rau im Neubau des von dem amerikanischen Stararchitekten Richard Meier entworfenen Arp Museums in Remagen–Rolandseck besichtigt werden, bevor sie anschließend nach Luxemburg und Brüssel weiter wandern wird. Ergänzt werden die Werke aus der Sammlung Haukohl durch einige geschickt ausgewählte Werke aus der Kunstkammer Rau. Diese Werke entstammen der Sammlung des 2002 verstorbenen Tropenmediziners und Kinderarztes Gustav Rau, der seinen Kunstbesitz schon zu Lebzeiten der Stiftung des Deutschen Komitees für UNICEF (UN–Kinderhilfswerk) vermacht hatte. Dessen Kern wird im Arp Museum wissenschaftlich aufgearbeitet und in wechselnden Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Sammlung der deutschstämmigen, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die USA ausgewanderten, außerordentlich kunstsinnigen Familie Haukohl ist über Generationen langsam gewachsen und thematisch breit gefächert. Der achtundsechzigjährige Mark Fehrs Haukohl aus Houston/Texas, erfolgreicher Investmentbanker und Finanzmakler, hat sich als leidenschaftlicher Kunstsammler seit Jahrzehnten ganz der Florentiner Barockmalerei des Seicento verschrieben. Mit der Ausstellung und dem begleitenden Katalogbuch verbindet er die Erwartung, ein »Fenster zu öffnen, wie Florenz im 17. Jahrhundert am Hof der Medici ausgesehen hat«.

Unter den letzten Medici
Dass dies nur mit einer methodisch konzipierten und systematisch erarbeiteten, umfangreich bestückten kunst– und kulturgeschichtlichen Ausstellung und nicht mit zweiunddreißig Werken aus einer Privatsammlung zu leisten ist, dürfte unstrittig sein. Dennoch bietet die Schau interessante Einsichten. Obwohl das Großherzogtum Toskana unter den Medici in der Nachfolge Cosimos I. im »großen Spiel« der europäischen Mächte keine sonderliche Rolle gespielt hat, profitierte das Land von einer stabilen Herrschaft mit einer funktionierenden Verwaltung, von ökonomisch günstigen Verhältnissen und einer langen Friedenszeit – Randbedingungen, die auch der Entfaltung der Künste zuträglich waren. Zwar war Rom im Barockzeitalter die unbestrittene »Kulturhauptstadt« Italiens, doch gab es auch in Florenz ein reges künstlerisches Leben, nicht zuletzt als Konsequenz der 1563 von Cosimo de‘ Medici begründeten Accademia delle Arti del Disegno, der ersten Akademie für Bildende Kunst europaweit.
Gleichwohl macht die Ausstellung deutlich, dass Florenz – anders als im Quattrocento – nicht mehr der Ort bahnbrechender künstlerischer Innovationen gewesen ist, sondern von seiner eigenen Geschichte und von Einflüssen von außen zehrte. In seinen »Unzeitgemäßen Betrachtungen« hat Friedrich Nietzsche drei Formen der Geschichtsbetrachtung unterschieden, die »monumentalische«, die »antiquarische« und die »kritische«. Demnach konzentriert sich das »monumentalische« Geschichtsverständnis auf die Heroen der Vergangenheit und erhofft von diesen Vorbildern Anregung und Ansporn in der eigenen als eher mittelmäßig empfundenen Gegenwart. Die »antiquarische« Historie ist fromme und ehrfurchtsvolle Verehrung der Vergangenheit, die man einfach achtet, weil sie alt ist, während der »kritischen« Geschichte die Funktion zukommt, die Vergangenheit »peinlich zu inquirieren«. Ein Blick auf vier Porträtreliefs von Antonio Monauti (1683–1746) im zentralen Raum des Ausstellung zeigt, wie sehr unter den späten Medici Formen des monumentalischen Geschichtsverständnisses gepflegt wurden, wird hier doch drei herausragenden und als leitbildhaft geltenden Figuren der Florentiner Renaissance, dem Humanisten Marsilio Ficino, dem politischen Philosophen Niccolò Machiavelli und dem Bildhauer, Maler und Baumeister Michelangelo Buonarroti sowie dem Universalgelehrten Galileo Galilei regelrecht gehuldigt.

Breites Themenspektrum
Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden qualitätvolle, oftmals geradezu delikat gemalte Tafelbilder mit allegorischen Darstellungen, so zum Beispiel Cesare Dandinis raffiniert rot–blau kontrastierende, vom römischen Naturalismus beeinflusste »Allegorie des musikalischen Ruhms« (Mitte 1630er Jahre) sowie »Die heilige Dorothea von Kappadokien« (Ende 1640er Jahre), ferner Bilder mit religiösen Themen, mit Porträts und mit Genreszenen.
Herzstück der Präsentation sind die Gemälde der Künstlerdynastie Dandini, die über mehrere Generationen im Dienst der letzten Medici stand. Begründer dieser Malerfamilie waren der erwähnte Cesare Dandini (1596–1657) und sein Bruder Vincenzo (1609–1675), gefolgt von dessen Neffe Pietro Dandini (1646–1712). Von ihm findet der Besucher der Ausstellung die mit barockem Pathos gesättigte alttestamentarische Szene »Esther und Ahasverus« (1690er Jahre), ein Bild, dessen Kolorit deutlich den Einfluss von Veronese und anderen Venezianern erkennen lässt. Die zahlreichen Gemälde mit religiösen Inhalten dokumentieren das Bestreben der römischen Kirche, im Zuge der Gegenreformation dezidiert auf die Kunst einzuwirken, indem sie in einem »Bilderdekret« versuchte, die Künstler auf ihre Maximen zu verpflichten. Dazu gehörte die Eindämmung von Motiven aus der antiken Mythologie und die Favorisierung biblischer und kirchengeschichtlicher Themen, vorzugsweise von Szenen aus dem Leben der Märtyrer. In diesem Zusammenhang stellt sich beispielsweise das achteckige Gemälde »Der heilige Sebastian wird von der heiligen Irene gepflegt« (1630er Jahre) von Felice Ficherelli (1605–1660) dar, das nicht den geschundenen Körper der Heiligen vorführt, sondern die physische Qualen ausblendet bzw. gleichsam idealisierend verklärt und eher Sinnlich–Erotisches betont. Erwähnt seien in diesem Zusammenhang auch die Gemälde von der Hand Onorio Marinaris (1627–1716), der als einer der bedeutendsten Florentiner Künstler des späten 17. Jahrhunderts gelten darf und dessen »Kleopatra« erst kürzlich bei Lempertz für 148.000 Euro zugeschlagen wurde. Die Sammlung Haukohl besitzt von Marinari eine »Judith enthauptet Holofernes« (1680er Jahre) sowie als Ensemble »Apoll« und den »Heiligen Sebastian« (1690) – Bilder, die durch das makellose Inkarnat und die sinnliche Ausstrahlung der Dargestellten beeindrucken.
Neben eindringlichen Porträts, etwa dem »Bildnis des Giovan Carlo de' Medici« (vor 1644) des aus Antwerpen stammenden Hofmalers der Medici Justus Suttermans (1597–1681), gehört zu den Highlights der Ausstellung das reizende Gemälde »Arlecchino und seine Dame« von Giovanni Domenico Ferretti (1692–1768), ein tänzerisch leichtes, heiteres Genrebild mit der in Italien populären Figur des Narren in der Commedia dell‘Arte, das schon das Rokoko aufscheinen lässt. Der prachtvolle Rahmen steigert nicht nur den ästhetischen Genuss, sondern verleiht diesem Bild einen historisch authentischen Auftritt, ein Aspekt, der dem Sammler Mark Fehrs Haukohl ganz besonders am Herz liegt. So präsentieren sich dem Betrachter auch die anderen Bilder der Ausstellung entweder in historischen Originalrahmen oder in aufwendigen Nachschöpfungen, die stilistisch dem Formenkanon der Barockzeit entsprechen.
Der bei Silvana Editoriale erschienene, von Federico Berti herausgegebene, 288 Seiten umfassende Hardcover–Katalog mit dem Titel »Florenz unter den letzten Medici« bietet neben einleitenden Essays Einzelbeiträge zu allen Exponaten, die über Bildinhalte, formale Besonderheiten und den aktuellen Forschungsstand informieren.