Rezensionen, Buchrezensionen

Imi Knoebel: Buntglasfenster für die Kathedrale von Reims, Kerber 2011

Neo Rauch, Gerhard Richter und Markus Lüpertz haben ihre Spuren in der zeitgenössischen Kunst der Kirchenfenstergestaltung hinterlassen und größte Aufmerksamkeit dafür erhalten – Lüpertz kam am dichtesten an die traditionelle Fenstermalerei heran, Richter zog am radikalsten die Register seiner Kunst (doch Willi Baumeister ließ grüßen), und Rauch blieb seiner Malerei treu, die er nur aufs Glas verlegte. Doch der Clou war 2011 die Präsentation der neuen Kirchenfenster der Kathedrale von Reims, die Imi Knoebel geschaffen hat. Den zugehörigen Bildband hat Günter Baumann näher unter die Lupe genommen.

Knoebel? Jener Künstler, der bekannt ist für seine Sperrholzobjekte und verschraubte Hartfaserplatten, deren vor allem in jüngster Zeit auffallende Farbigkeit auf den ersten Blick schräge Assonanzen evoziert? Um es gleich vorweg zu nehmen: Imi Knoebel hat – nach Marc Chagall – die schönsten Buntglasfenster zuwege gebracht und seinen Kollegen den Platz Nr. 1 streitig gemacht, zumindest hat er gleichgezogen. Freilich hätte man es dem besten Schüler von Joseph Beuys längst zutrauen dürfen, in die Sakralkunst einzusteigen – man denke an die Bronzetüren, die Beuys und sein Lehrer Mataré für den Kölner Dom schufen. Aber eine Überraschung war es dann doch, den Namen Knoebel mit dem Glanzstück des französischen Weltkulturerbes, der Kathedrale von Reims, in Verbindung zu bringen. Der von Jean-Paul Ollivier herausgegebene Bildband »Imi Knoebel. Buntglasfenster für die Kathedrale zu Reims«, erschienen im Bielefelder Kerber Verlag, gibt die Faszination wieder, die diese Arbeiten im Chor der Kathedrale (Nord- und Südkapelle) auslösen. In souveräner, buchgestalterischer Dramaturgie und spektakulären Fotos erscheinen die Fenster wahrhaftig als Wunder, gemessen an der sie umgebenden Architektur, die in Zeiten entstand, als die Kirchen noch als reale Gotteshäuser betrachtet wurden: Eingebettet in den Sternenhimmel geht der Leser von außen an die Fenster von Imi Knoebel heran – der Bau präsentiert sich in voller Pracht, blätternd tritt man nach innen. Nach einem filmreifen Schnitt wendet sich das Buch einer Bildfolge zu, die Knoebel in den 1970er Jahren schuf, rot-gelb-blaue Messerschnitte, die er nun als Grundlage zu seinen rein abstrakten Fensterentwürfen heranzog.

Es ist eine Lust, jenen Farbspielereien zu folgen, um zunächst bei den Reliefobjekten, die daraus entstanden, innezuhalten und um mit einem optisch eleganten Sprung bei den Fensterentwürfen von 2008/09 zu landen. Eine grandiose Idee war es, eine Bildfolge mit den technischen Details samt Werkstattimpressionen zwischenzuschalten, bevor Ivo Faber, der Fotograf an der Seite von Imi Knoebel, das ganze Lichterspiel der fertigen Fenster in Szene setzt. Selten gelingt es, ein Kunstwerk zu glorifizieren, ohne dabei in eine Kitschfalle zu treten oder esoterisch zu wirken, im Gegenteil: Knoebel kommt selbst ins Bild und steht da als Staunender, nicht als genialer Schöpfertyp, sondern als abgeklärter Mensch, der sich selbst wundert, dass seine Kunst hier einen grandiosen Höhepunkt feiert. Immerhin schließt das Buch nach einer doppelten Blindseite mit einer bildunterstützten Werkbiographie, die den Leser auch wieder in das an sich spröde Schaffen des Künstlers zurückbringt. Nur wird man das Werk nach der Lektüre dieses Buches – und wie erst nach einer Besichtigung der Fenster selbst – mit anderen Augen sehen. Nebenbei bemerkt ist das Buch, das hoffentlich bald auf den Listen der schönsten Bücher des Jahres 2011 erscheinen wird, auch in einer englischen und in einer französischen Ausgabe erhältlich, was sicher daran liegt, dass die Fenster im öffentlichen Auftrag durch das Ministerium für Kultur und Medien, DRAC Champagne-Ardenne, entstanden, dessen regionaler Leiter der Herausgeber Ollivier ist.

Imi Knoebel, der 1940 als Klaus Wolf Knoebel in Dessau geboren wurde, ist heute eindeutig einer der großen Stars der gegenwärtigen Kunst in Deutschland. Sein Ausstellungsverzeichnis ist beeindruckend, die Museen ehren ihn reihum. Dieser Tage geht die fulminante Werkschau im Schauwerk Sindelfingen zu Ende. Auch hier zeigen sich Imi Knoebels Arbeiten in einer vielgerühmten (Museums-)Architektur, wenn auch jüngeren Datums, und wenn man im rein musealen Umfeld keine universelle Inszenierung erwarten kann, so bekommt man hier doch einen wunderbaren Einblick in das tendenzielle Gesamtkunstwerk des Künstlers, der es versteht, mit einfachsten Mitteln und feinsten Nuancen in den Farben und Formen hochartifizielle und materialästhetisch vielseitigste Meisterwerke vorzulegen, deren philosophischer Horizont den seines einstigen Lehrers übersteigt. Die Werkschau, die sich wesentlich aus der Sammlung Schaufler speist – Knoebels Werk, so ist zu lesen, »(verkörpert) idealtypisch wichtige Grundmotive der Sammlung« - zeigt die ganze Bandbreite der poststrukturalistischen Kunst. Die schlichten Materialobjekte und die auf Schwarz, Weiß und bräunliche Farben reduzierte Palette der frühen Arbeiten sind genauso vertreten wie die streng abstrahierten »Figurenbilder« und gegenstandslosen, wenn auch außerordentlich sensibel komponierten »Porträts« aus den 1990er Jahren. Mit purer Freude geht Knoebel ans Werk, in der doppelten Bedeutung des Wortes: »Pur« meint einmal den Reduktionismus, wie ihn auch die Arte povera pflegte, zum anderen auch die alleinige, nicht durch den Gegenstand abgelenkte Freude am Schaffensprozess. Ob Sperrholz oder Aluminium, der Künstler entlockt jedem Material einen zunächst versteckten sinnlichen Reiz, der jedoch immer der Klarheit und dem entschieden Abstrakten verpflichtet bleibt.

Mitten in die Schauwerk-Ausstellung fiel die feierliche Einweihung der sechs Knoebel-Fenster in Reims anlässlich des 800-jährigen Bestehens der Kathedrale. Spätestens von diesem Moment an – es war allerdings vielen schon vorher aufgefallen – erweist sich die spezifische Magie im Minimalismus von Imi Knoebel, und selbst die hermetische Verweigerung, die manche vor seinem Werk empfinden, erscheint in anderem Licht angesichts der Zahlen- und Ordnungsmystik, die eine gotische Kathedrale auszeichnet, an der unweigerlich auch die künstlerischen Details beteiligt sind und werden. Selbst der in dieser Hinsicht strenge Knoebel hat den abstrakt-rhythmischen Formen figurative Anklänge zugestanden, die man allenfalls erahnen kann, insofern der Künstler am menschlichen Sein Maß nimmt. Genau das, und dabei muss man noch gar nicht in Reims gewesen sein, macht den atemberaubenden Charme seiner Kunst aus. Denjenigen, denen es weder nach Frankreich noch ins schwäbische Sindelfingen reicht, sei eine Ausstellung ans Herz gelegt, die im Museum der bildenden Künste eben begonnen hat: »Imi Knoebel«, fast selbstredend ist der Name auch hier Programm. Wo immer dieser Name auf den Fahnen geschrieben steht, ist karge und zugleich spannungsgeladene wie farbgewaltige Kunst vom Feinsten zu erwarten.

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