Ausstellungsbesprechungen

In nachbarlicher Nähe – Bauhaus in Jena. Noch bis 7. Juni in der Kunstsammlung Jena

Die Ausstellung zeigt das Bauhaus nicht als Schule und nicht als Theoriekonstrukt (und ist weit entfernt davon, es zu glorifizieren), sondern sie zeigt das Wirken der einzelnen Künstler in der Stadt. In Jena wurde das Werk u.a. von Paul Klee und Lyonel Feininger ausgestellt und gesammelt, hier hielten die Künstler Vorträge, Jahre bevor sie nach Weimar zogen und zum Bauhaus gehörten. Die Bauten Walter Gropius’ und die Tätigkeit von Gerhard Marcks und Wilhelm Wagenfeld für die Jenaer Schott-Werke (man denke an den Designklassiker die SINTRAX – Kaffeemaschine) sind Zeugnisse für die Umsetzung der Bauhausideen.

“Spurensuche“ nennt Ulrike Pennewitz, Kuratorin der Ausstellung, die Intention ihrer Ausstellung und meint die Spuren, die die Bauhauskünstler in der Stadt Jena hinterlassen haben.

Die Beziehung der Stadt Jena zu den Künstlern des Bauhauses begann schon vor der Bauhausgründung. Der Jenaer Kunstverein, 1903 ins Leben gerufen, entwickelte bald ein bemerkenswertes Ausstellungsprogramm, vor allem von Expressionisten, wie Kirchner und Nolde, die auch persönlich enge Beziehungen zu Jena pflegten. Die Sammlung des Vereins, die bis 1937 (als ihr Bestand als „entartet“ eingestuft und versteigert wurde und seitdem größtenteils verschollen ist) beherbergte bedeutende Konvolute Ernst Ludwig Kirchners, Emil Noldes, Paul Klees und vieler anderer Künstler. Walter Dexel, Gebrauchsgrafiker, Maler, Konstruktivist und Ausstellungsleiter des Kunstvereins prägte die Arbeit des Kunstvereins bis zu seinem Weggang aus Jena zum Ende der zwanziger Jahre maßgeblich. Es ist im Grunde seine Arbeit, seine Rezeption der Kunst, der in dieser Ausstellung nachgespürt wird, das Bauhausgründungsjubiläum ist dabei nur kalendarischer Anlass.

Schon 1917 stellte Paul Klee gemeinsam mit Albert Bloch das erste Mal in Jena aus; 1920, wenige Monate vor seiner Berufung an das Bauhaus nach Weimar, war er der erste Künstler, der in Jena mit einer Einzelausstellung geehrt wurde. Über die Gründung des Bauhauses äußerte sich Walter Dexel Jahre später: „Etwas leichter wurde die Arbeit, als in den allerersten zwanziger Jahren, das Bauhaus in nachbarliche Nähe gekommen war. Man verlor das Gefühl, sozusagen auf einem einsamen Außenposten zu stehen, und sah sich bald in freundschaftliche Verbindungen verflochten.“ Mehr als 20 Sonderausstellungen, viele durch Vorträge begleitet, fanden in den folgenden Jahren statt, so mit Werken von Karl Peter Röhl, Gerhard Marcks, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky. Zu einem auf die Bauhaus-Künstler konzentrierten Programm entschloss sich der Kunstverein erst 1923: als  Solidaritätsbekundung für das von der Schließung bedrohte Bauhaus zeigte er von 1924 bis 1925 zehn Ausstellungen mit Bauhauskünstlern und nahm viele ihrer Werke in seine Sammlung auf.

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Dieses Ausstellungsprogramm in Teilen heute nachzuempfinden, ist ein wesentliches Anliegen der Jenaer Kunstsammlung. Nicht zuletzt durch die Zerschlagung der Sammlung des Kunstvereins waren die Kuratoren dabei zu 100 Prozent auf Leihgaben angewiesen, ihre Auswahl jedoch kann sich sehen lassen.
Die Ausstellung umfasst alle künstlerischen Bereiche des Bauhauswirkens in Jena: Malerei Grafik, Fotografie, Plastik, Architektur, Produktdesign und Werbegrafik.
Der Rundgang zeigt Oskar Schlemmers „Geteilte Halbfigur nach rechts“ in Nachbarschaft der Konstruktivisten Fritz Stuckenberg („Mechanik“ um 1920) und Willi Baumeister („Astrale Konstruktion“ um 1919) - und der Betrachter kann (in Dexelscher Tradition) den Vergleich selbst anstellen: Gab es den Bauhausstil wirklich?
Die erste Bauhausmappe mit Grafiken, wie auch die Grafikmappe von Johannes Itten (und damit die einzigen Grafiken des Künstlers) sind vollständig zu sehen. Das Werk Paul Klees ist umfangreich vertreten, was die enge Beziehung des Künstlers zur Stadt betont. Sein Gemälde „Fenster und Dächer (Gelb-Rot)“ von 1919 steht in diesem Ausstellungszusammenhang sinnbildlich für die Verbindung von Kunst und Architektur, so Ulrike Pennewitz.
Eine Rarität in der Ausstellung sind sicherlich László Moholy-Nagys Fotogramme von 1922 und  1925, die mit großer Wahrscheinlichkeit auch 1927 in Jena schon ausgestellt wurden, auf der ersten deutschen Fotografieausstellung. Den Plastiken Gerhard Marcks’, der in der abseits von Weimar gelegenen Keramikwerkstatt des Bauhauses in Dornburg wirkte, ist ein ganzer Raum gewidmet, und auch hier steht nicht der Bauhausmeister im Vordergrund, sondern der einzelne Künstler und sein Werk.

Eine Jenaer Besonderheit ist natürlich die Formgestaltung des Bauhauses, die hier den Weg in die industrielle Fertigung fand. 1924 suchte Gropius, gemäß seiner Forderung, die künstlerische Avantgarde soll sich in der Einheit von Kunst und Technik realisieren, den Kontakt zur Industrie. Entstand doch in Jena bei Schott & Gen. zu der Zeit ein neues, faszinierendes Material: das Borosilicatglas, das erste hitzebeständige Glas. Die feuerfesten Backschüsseln der Jenaer Glaswerke, zu dieser Zeit auf den Markt gekommen, gehörten 1923 zum Ausstellungsinventar in der Küche im Haus am Horn. Im Schott-Raum der Ausstellung sind die ersten Backschüsseln ebenso zu bestaunen wie das Ergebnis der ersten Zusammenarbeit zwischen Bauhaus und Schott - die SINTRAX-Kaffeemaschine. Dabei ist sowohl die „Urform“ von Gerhard Marcks zu sehen, als auch die nur etwas später von Wilhelm Wagenfeld umgestaltete Form, die 1926 in Produktion ging. Gerade diese Form, zwischen Versuchsanordnung und Haushaltsgerät changierend, begeisterte die Kunden der künstlerischen Moderne. Wilhelm Wagenfeld entwarf die ebenfalls zum Klassiker gewordene Teekanne, auch sie ist in der Ausstellung zu sehen.
Für die Werbegrafik bei Schott & Gen. arbeitete von Beginn der dreißiger Jahre an László Moholy-Nagy – Proben seiner Arbeit sind neben den beworbenen Produkten ausgestellt.

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Sehr anschaulich hat man sich in der Ausstellung der Architektur gewidmet. Das in achtziger Jahren abgerissene Jenaer Theater wurde als Modell für die Ausstellung nachgebaut, der Fassadenentwurf von Gropius ist zu sehen und, da dort keine Farbangaben enthalten, sind Putzreste ausgestellt, die einen Eindruck von der Farbgestaltung wiedergeben. Ein weiteres Modell ist das erste Haus, das nach dem Baukastenprinzip erbaut wurde - die Villa Auerbach von 1924, die Walter Gropius und Adolf Meyer für Felix Auerbach, Mitglied im Jenaer Kunstverein und Professor für Theoretische Physik an der Jenaer Universität, gebaut haben. Nach bereits drei Einfamilienhäusern war dies für Gropius das erste „Bauhaus“.
Der Bau der Villa Zuckerkandel wie auch der nicht realisierte Bau des Hauses für Walter Dexel von Mies van der Rohe bzw. Adolf Meyer sind ausführlich dokumentiert. Das Haus Dexel ist ebenfalls als Modell zu sehen und in diesem Fall ist die Baugeschichte besonders interessant: 1925 fand das Neue Bauen in der Stadtbaudirektion und im Thüringer Ministerium keine Unterstützung mehr, in einer langen und zum Teil öffentlich geführten Auseinandersetzung scheiterte dieses Projekt, letztendlich waren es auch die Personen Adolf Meyer und Walter Dexel und mit ihnen die Moderne, denen dieser Widerstand galt.


Die Kunstsammlung Jena hat mit dieser Schau einen wichtigen Beitrag zum Ausstellungsgeschehen im Bauhaus-Jubiläumsjahr geleistet. Sie zeigt das einzigartige Zusammenwirken der einzelnen Bereiche Bildende Kunst, Architektur und Formgestaltung in Jena - es zeugt wirklich von Bescheidenheit, die Präsentation dieses umfangreichen und bedeutenden Erbes als „Spurensuche“ zu bezeichnen.  

Weitere Informationen

Der Katalog zur Ausstellung im Museum erhältlich.

Begleitprogramm
Immer donnertags finden in der Reihe "Kunststück am Donnerstag" im Stadtmuseum Jena Einzelvorträge zu Bauhauskünstlern statt.