Ausstellungsbesprechungen

In Sand gezeichnet - Entwürfe von Alvar Aalto, Alvar-Aalto-Kulturhaus Wolfsburg, bis 8. Dezember 2010

Die Ausstellung präsentiert mit Zeichnungen, Modellen und Animationen eine Auswahl der nicht verwirklichten Projekte des berühmten Architekten aus über fünfzig Jahren. Im Nebeneinander der Skizzen wird deutlich, wie Aalto Bauten und Räume aus der Zeichnung heraus entwickelt und wie dabei Ideen und Motive aus früheren Projekten immer wieder neu aufgriffen und modifiziert werden. Bettina Maria Brosowsky hat sich die Sache einmal angesehen.

Es gibt Architekten, beispielsweise unter den aktuellen globalen Starentwerfern, die schlagen bei jeder neuen Aufgabe ein anderes Thema an. Und dann gibt es Architekten, nicht weniger international orientiert, nicht minder viel erschaffend, die scheinen ihr ganzes Arbeitsleben an ein und demselben Projekt gearbeitet zu haben. Der große finnische Architekt Alvar Aalto (1898 bis 1976) gehörte zu den letzteren. Was aber könnte eine Grunddisposition sein zu dieser Art Kreativität? Und: gab es eine spezifisch Aalto'sche Entwurfsmethodik? Derartigen Fragen kann man bis zum 8. Dezember in einer Ausstellung des Aalto Museums Jyväskylä anhand von Zeichnungen und Modellen ungebauter Projekte Aaltos nachgehen. Ausstellungsort ist eine originale und weitgehend noch bauzeitliche Aalto-Architektur: das Kulturhaus in Wolfsburg, das Aalto 1962 fertig stellte.

Rund 250 Bauten hat Alvar Aalto – weltweit – realisiert, und an gut noch einmal so vielen Projekten ohne bauliche Umsetzung gearbeitet. Ein Konvolut von 200.000 Zeichnungen und Arbeitsdokumenten, zurückreichend bis 1917, verwaltet das Aalto Museum, lediglich ein Bruchteil, die Arbeiten nach 1958 betreffend, sind bislang chronologisch archiviert. Im Gegensatz zu der geradezu überbordenden zeichnerischen Produktion stehen die eher raren Äußerungen Aaltos zu seiner Arbeitsweise in Vorträgen, Interviews oder Artikeln. »Wenn ich persönlich ein architektonisches Problem zu lösen habe«, schrieb Aalto 1947, »so treffe ich – fast immer – auf ein Hindernis, das sich schwer überwinden lässt (...). Die unendliche Vielfalt der verschiedenen Ansprüche und Teilprobleme ballt sich zu einem Hindernis zusammen, das zu durchdringen die architektonische Grundidee Mühen hat. Dann tue ich – sei es, dass es nicht gezielt getan wird – folgendes: ich vergesse den ganzen Wust von Problemen für eine gewisse Zeit, nachdem die Atmosphäre der Arbeit und zahllose unterschiedliche Ansprüche schon in mein Unterbewusstsein eingedrungen sind. (...) Ich zeichne, nur vom Instinkt geleitet, nicht architektonische Synthesen, sondern zuweilen direkt kindische Kompositionen, und auf diesem Wege entsteht allmählich auf abstraktem Grund und Boden die Hauptidee, eine Gesamtsubstanz, mit deren Hilfe die zahllosen, widerspruchsvollen Teilprobleme ausgeglichen werden können«.

Der Zeichnung kommt somit die zentrale Funktion bei der Ideenfindung und Formgebung zu, manchmal suchen simultane Skizzen zu zwei zeitgleichen Projekten auf einem einzigen Blatt Papier nach der Lösung. So etwa, wenn Fächerform und Silhouette des Wohnhochhauses in der Neuen Vahr in Bremen als Impulsgeber für die verstaffelte Kontur der Hörsäle in den Skizzen zum Wolfsburger Kulturzentrum am Blattrand erscheinen. Aber dieser genialische „courage de trois heures du matin“ ist nur eine Seite der Aalto'schen Produktivität. Denn er verlangte eine weitere – heute so sehr seltene – Bedingung für das Werden seiner Werke: ausreichend Zeit! »Und wie die Entwicklung des Rogenkorns zum erwachsenen Fisch Zeit fordert, so ist auch für das Zusammenwachsen der Einzelheiten zu dem Gesamtergebnis Zeit nötig für all das, was sich in unserer Gedankenwelt entwickelt und kristallisiert. (...) Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ein scheinbares Spielen mit Formen mich nach einer langen Zeitspanne zuweilen zur Erschaffung einer praktischen architektonischen Form geführt hat«.

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