Buchrezensionen

Ina Boesch: Die Dada. Wie Frauen Dada prägten, Scheidegger & Spiess 2015

Im nächsten Jahr feiern wir 100 Jahre Dada! Höchste Zeit also, sich einmal der Weiblichkeit unter den Dadaisten zu widmen und Emmy Hennings, Hannah Höch, Sophie Taeuber-Arp und ihre Zeitgenossinen in den Focus zu nehmen. Genau das hat Ina Boesch getan und hat ihr sowohl den bekanntesten Protagonistinnen als auch kleineren Lichtern gewidmet. Marco Hompes hat ihr Buch gelesen.

»Hört auf, euch mit Männern zu vergleichen, um zu wissen, was ihr nicht seid«, schrieb die Malerin und Schriftstellerin Mina Loy 1914 in einem eigenen »Feminist Manifesto«. Sie reagierte damit nicht nur auf die frauenfeindlichen Schriften der italienischen Futuristen, sondern beschrieb auch das Kernproblem vieler Künstlerinnen jener Jahre, welche die Wahl zwischen »Parasitentum, Prostitution und Negation« hätten, so Loy. Dabei sollten, wie Hugo Ball einst sagte, bei Dada alle willkommen sein, die etwas leisteten. Es mag überraschen, dass trotz des dadaistischen »Jekami« (Jeder kann mitmachen), viele Frauen im Hintergrund blieben. Ina Boesch arbeitet in ihrem Buch nun heraus, wie wichtig genau diese Figuren für den Dadaismus waren. Ihr Ziel ist dabei, »die vergessenen, verniedlichten oder zu einer Fußnote degradierten Frauen, die Dada prägten, aus dem Dunkeln« zu holen.

Hierzu unterscheidet die Autorin in einem ersten Teil zwischen verschiedenen Genres und gliedert ihre Untersuchung in die Unterkategorien: Literatinnen, bildende Künstlerinnen, Tänzerinnen, Pianistinnen, Verlegerinnen, Mäzeninnen sowie Modelle und Musen. In den Kapiteln selbst stehen vor allem die etwas prominenteren Frauen im Fokus. Jeweils neben dem Text versuchte die Autorin ergänzend, alle an Dada beteiligten Künstlerinnen mit einer Biografie und einem Porträtfoto abzubilden. Im zweiten Teil widmen ein Autor und vier Autorinnen den bekanntesten Figuren (Elsa von Freytag-Loringhoven, Sophie Taeuber-Arp, Hannah Höch, Céline Arnauld und Angelika Hoerle) jeweils eigene Texte.

Boesch entschied sich dazu, ein äußerst niederschwelliges Buch zu verfassen, das oft sehr stark ins Erzählerische kippt. Passagenweise hat man das Gefühl, die Autorin wolle auf möglichst wenigen Seiten auch unbedarften Leserinnen und Lesern die komplette Geschichte der Avantgarde erklären. Dass der Stil dadurch oftmals etwas feuilletonistisch wirkt und dass viele Thesen ohne wissenschaftliche Verweise auskommen, ist schade. Schließlich werden immer wieder die immense Recherchearbeit und das große Wissen der Autorin erkennbar. Beachtlich ist vor allem, wie genau Boesch die Beziehungen der vorgestellten Persönlichkeiten kennt. Immerhin basieren die Avantgarde-Bewegungen, allen voran der Dadaismus, auf Kooperationen, Kontakten und dem dialogischen, interdisziplinären Austausch zwischen den Beteiligten. Bei einigen der beschriebenen Biografien wünscht man sich sehnlichst eine Grafik, welche die zahllosen künstlerischen Beziehungen und persönlichen Liebschaften visualisiert. Immerhin bestand die Stärke vieler Dada-Frauen darin, hervorragende Netzwerkerinnen zu sein. Beispielhaft kann Sophie Taeuber-Arp als Bindeglied zwischen dem Zürcher Dada und der tänzerischen Moderne um Rudolf von Laban gelten.

Fortsetzung von Seite 1

Doch auch die Geschichte der amerikanischen Dada-Bewegung ist ohne weibliches Engagement kaum denkbar: Die Zeitschrift »The Little Review« der Verlegerinnen Margaret Anderson und Jane Heap wurde zu einem erfolgreichen Organ avantgardistischer Autorinnen und Autoren. Durchaus inspirierend ist auch der Lebenslauf der legendären Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, die Irene Gammel in ihrem Gastbeitrag im zweiten Teil des Buchs wiedergibt. Die Künstlerin verfolgte nicht nur in ihrer Dichtung dadaistische Motive, sondern inszenierte sich auch selbst als Kunstwerk. Ihre selbstentworfenen, teilweise aus Alltagsgegenständen bestehenden Kostüme dienten der exzentrischen Persönlichkeit auch zur Hinterfragung von Genderzuschreibungen. Ihr Auftreten kann somit durchaus als Subversion im Sinne Judith Butlers verstanden werden und kommt Peters Bürgers Diktum einer Rückführung der Kunst in die Lebenspraxis durch die Avantgarde näher als kaum ein anderes Werk innerhalb der historischen Avantgarde-Bewegungen.

Das erklärte Ziel Boeschs, die vergessenen Dadaistinnen »aus dem Dunkeln« zu holen, mag etwas sehr ambitioniert klingen. Schließlich ist die Geschichte der Frau innerhalb der klassischen Moderne keine unerzählte. Die Reihe an Ausstellungen und Publikationen zu diesem Thema ist mitnichten besonders kurz. Zudem sollte bedacht werden, dass neben Künstlerinnen auch zahlreiche männliche Kollegen in der Versenkung verschwanden. Man kann sicherlich darüber streiten, ob die Rekonstruktion des Lebenslaufs einer Berufstänzerin, die an einer einzigen Dada-Soirée im Hintergrund tanzte, notwendig und sinnvoll ist. Spannend ist hingegen zu lesen, warum solch wichtige Gestalten wie Hannah Höch lange Zeit vergessen wurden. In seinem Beitrag hierzu beschreibt Ralf Burmeister, dass die Kanonisierung des deutschen Dada in die Kunstgeschichte Ende der 1950er einsetzte und dies zu einem Ringen der ehemaligen Protagonisten um die Deutungshoheit von Dada führte. In diesem Zusammenhang wurde Höch nun primär zur Freundin von Raoul Hausmann erklärt. Ihre künstlerischen Leistungen fielen aus unterschiedlichen Gründen gerne unter den Tisch. Andere Frauen verfolgten nicht einmal das gerne zitierte Ideal der »neuen Frau«, sondern verharrten in den patriarchalen Strukturen der Kaiserzeit, wie Boesch es formuliert. Konkret bedeutet dies, dass es nur wenige weibliche Selbstzeugnisse gibt, Künstlerinnen nur selten Manifeste verfassten und dass sie häufig ihre Karriere hinter die des Ehemannes stellten. Bei einigen bildenden Künstlerinnen sind zudem auch nur wenige Werke erhalten, sodass ihr Fehlen in retrospektiven Werkschauen schon alleine aus rein praktischen Gründen erklärbar ist.

Insgesamt ist Ina Boeschs Buch ein interessanter Beitrag zu den Netzwerken und Strategien des Dadaismus aus weiblicher Perspektive. Was im ersten Hauptteil der Publikation hingegen fehlt, sind Werkabbildungen. Einige wenige finden sich in den Analysen der Gastautorinnen und des Gastautors. Darin zeigt sich das eigentliche Manko des optisch sehr ansprechenden Werks: Am Ende der Lektüre weiß man viel über Liebschaften und berufliche Kontakte, aber wenig über die eigentlichen künstlerischen Leistungen der Vorgestellten. Somit ist »Die Dada – Wie Frauen Dada prägte« vor allem ein Lesebuch für alle biografisch Interessierten.