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Ines Goldbach: Wege aus der Arte Povera. Jannis Kounellis im Kontext internationaler Kunstentwicklung, Gebr. Mann Verlag 2010

Jannis Kounellis (geb. 1936 in Piräus) ist einer der bedeutendsten unter jenen Künstlern, die ab den späten 1960er Jahren, subsumiert als Vertreter der Arte Povera, weltweite Berühmtheit erlangten. Doch die Rezeption seines künstlerischen Schaffens leidet bis heute unter dieser einschränkenden Etikettierung. Unsere Autorin Susanne Gierczynski hat sich die Sache genauer angesehen.

Goldbach © Cover Gebr. Mann Verlag
Goldbach © Cover Gebr. Mann Verlag

Wenn ein kunsthistorischer Topos -»Arte Povera«- und eine monografische Werkbetrachtung - Jannis Kounellis (geb. 1936) - zusammengeführt werden, um schließlich in eine »internationale Kunstentwicklung« eingepasst zu werden, erfordert es eine klare Konturierung der eröffneten Problemkreise.

Ines Goldbach sucht in ihrer Dissertation nachzuweisen, dass Jannis Kounellis‘ Werk in einem Zeitraum von vier Dekaden aus dem »unmittelbaren Nebeneinander mit europäischen und amerikanischen Strömungen eine Erneuerung der künstlerischen Sprache entwickelte, die - mit grundsätzlich neuen Mitteln - an die europäische Kunst und Tradition anknüpft«.

Jannis Kounellis‘ künstlerischer Werdegang wird exemplarisch für ein europäisches Werkkonzept genommen, das in den 1950er bis 1980er Jahren »von Rom aus […] sein spezifisches Vokabular herausgebildet hat«. Und dies, so Goldbach, »in einer Zeit, in der amerikanische Strömungen wie die Pop-Art oder die Minimal-Art sich in den USA etablierten «.

Kounellis Werk allein aus dem Kontext der Arte Povera heraus zu interpretieren fasse zu kurz, so Goldbach. Amerikanische Strömungen wie der Abstrakte Expressionismus, die Pop-Art und die Minimal Art, »Malertraditionen des eigenen Landes«, sowie das Theater, der neorealistische Film oder »Kontakte zur cinecittà« hatten Anteil an Kounellis‘ Werkentwicklung. Der »Wunsch [...], sich vom transatlantischen Nachbarn abzusetzen und die eigene (kulturelle) europäische Identität zu stärken« führe zu einer Kunstsprache, die »am kulturellen Gedächtnis« und »an der Stärkung des Individuums« orientiert war. Theatergleiche und »oft dramatisch anmutende Werkinszenierungen« holen den Betrachter in begehbare Passagen oder Labyrinthe hinein, so dass sich »der Besucher [...] als Teil des Werks und damit als Teil einer großen kulturellen, lebendigen Einheit« erlebt, »die ihn unmittelbar betrifft «. »Die künstlerische Relevanz und die grundlegend neuen künstlerischen Ansätze« von Kounellis‘ Werk will Goldbach nun a tempo und nachgewiesenermaßen »losgelöst von Gruppenvorstellungen und nationalen Zuschreibungen« erörtert wissen, als da sind:

Werke, die »kunstuntypische Materialien [...] wie Feuer, Kohle, Baumwolle oder lebende Tiere […] mit industriell hergestellten und modulartigen Einheiten aus Eisen oder Stahl« kombinieren bzw. kontrastieren, sollen »die Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung für alltägliche Tätigkeiten, Materialien, Stoffe und Zusammenhänge« erreichen, »die der Selbstentfremdung« entgegenzuwirken suchen.

Die vorgefundene »räumliche Disposition« bestimme die »Voraussetzung für das Werk selbst und [...] dessen Form« bei Kounellis ab den 1970er Jahren.

»Sinnlich erfahrbar«, »auf den Menschen bezogen«, »an das kulturelle Gedächtnis« appellierend, sowie »aktuelle Bezüge« aufweisend, zeichne sich ein neues Formvokabular ab, das sowohl europäische als auch US-amerikanische Künstler jener Jahre gemeinsam haben. Kounellis konfrontiere »den Betrachter mit seiner leiblichen Präsenz und setze zusätzlich auf die evokative Kraft von Musikpassagen« und »antikisierende Gipsabgüsse«.

Kounellis‘ »eurozentrische Sicht« trete in den 1970er Jahren deutlich hervor, was sich auch in der »mangelhaften institutionellen und literarischen Rezeption« seines Werkes in den USA bis heute widerspiegele.

Ines Goldbach hat mit ihrer 2008 vorgelegten Dissertation die Werkentwicklung des Künstlers Jannis Kounellis erstmals überblicksartig aufgearbeitet. Dabei wird Kounellis‘ Œuvre und Werkgedanke sowohl anhand thematischer Werkkomplexe wie »Flaschen, Zahlen, Buchstaben«, »Feuer, Vogel, Kohle« und »Körper auf Metall, musikalische Erinnerung«, als auch über kulturpolitische Interferenzen zwischen europäischen und US-amerikanischen Kunstentwicklungen zu fassen gesucht. Dass es Goldbach dabei nicht um »eindeutige Formen von Aktion und Reaktion zwischen einem europäischen Künstler und seinen amerikanischen Künstlerkollegen« geht, sondern um »das räumliche Nebeneinander von künstlerischen Handlungen und die Komplexität von Situationsbeschreibungen, Netzwerken und Reaktionen sowie die Teilhabe an internationalen kulturellen Prozessen« spiegelt eine bedauerliche Furcht vor Festlegung und einen gewissen Mangel an Methodik wider, wodurch die Arbeit an Boden wissenschaftlicher Nachhaltigkeit vergibt.

Demzufolge wird der Leser einem thematisch breit angelegten Wissens- und Schreibfluss ausgesetzt, der zwar jeden Teil der Arbeit mit einer Zusammenfassung begleitet und eine Schlussbetrachtung anfügt, doch die »grundlegend neuen künstlerischen Ansätze« in Kounellis‘ Werk, die die Untersuchung erarbeitet hat, bleiben schwach konturiert und eben deshalb nur schwer erkennbar im großen Gewebe internationaler Kunstströmungen.

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