Ausstellungsbesprechungen

Ingrid Dahn – Skulpturen, Bilder, Zeichnungen, Fritz und Hildegard Ruoff Stiftung, Nürtingen, bis 8. Juli 2012

Ingrid Dahn begreift Plastik als Transformation. Ihre transluziden Arbeiten werden vom sie umgebenden Raum durchdrungen, nehmen ihn in sich auf und werden so selber Raum. Günter Baumann hat sich die Werke angeschaut und weiß mehr.

In den Ausstellungsräumen der Fritz-und-Hildegard-Ruoff-Stiftung in Nürtingen wird man als Besucher gebührend in Empfang genommen, nicht nur begrüßt. Die Hausherrin, eine feinsinnige ältere Dame mit der sanften Aura eines auf klassische Werte fußenden Geistes, legt sichtlich Wert auf eine stilvolle Atmosphäre im Museum, das sie im gemeinsamen Wohnhaus des 1986 verstorbenen Fritz Ruoff vor bald zehn Jahren eingerichtet hat. Hildegard Ruoff, selbst Fotografin, hat sich dem Lebenswerk ihres Mannes verschrieben, der in der Nürtinger Schellingstraße gegenwärtig geblieben ist.

Neben dem Gedenken an Fritz Ruoff werden hier auch Ausstellungen ausgerichtet, die thematisch bevorzugt der abstrakten Moderne gelten, ohne die zurückhaltende Figuration ganz außer Acht zu lassen. Im Frühjahr waren Collagen von Gabriele Straub zu sehen, die auch im Herbst in einer Gruppenausstellung mit so renommierten Namen wie Bramke, Calderara, Quinte, Winter u.a. vertreten sein wird – dem Titel nach »der Musik so nah«. Gegenwärtig präsentiert sich die Bildhauerin Ingrid Dahn mit einer äußerst gehaltvollen Werkschau, die vergessen lässt, dass die Räume eher durch ihren intimen als durch ihren weitläufigen Charme wirken.

Die Künstlerin bekam frei Hand bei der Gestaltung der Ausstellung – im Ergebnis schuf sie einen stringent durchkomponierten Raumdialog zwischen ihren Plastiken, den in den vergangenen Jahren erst hinzugekommenen Gemälden und Zeichnungen, die vom Entwurf bis zur grafischen Reflexion reichen. Die Transparenz ihres Schaffens kommt dem noch entgegen: Die aus Plexiglas oder glattem Metall bestehenden Plastiken nehmen den sie umgebenden Raum in sich auf bzw. reflektieren ihn, durchkreuzen ihn gleichsam nach innen wie nach außen. Die formal mit den streng abstrahierten, aber noch rein figurativen Arbeiten korrespondieren mit den lichten Farbräumen in der Malerei, aus denen sich schemenhaft die menschliche (und hier wohl die weibliche) Statur bewegt.

Die 1939 geborene Ingrid Dahn studierte an den Kunstakademien in Karlsruhe – bei Fritz Klemm und Hans Kindermann – und in Stuttgart – hier bei Rudolf Hoflehner –, wo sie zudem Seminare in Politikwissenschaften belegte. 1995 schloss sie sich mit ihrem Mann Max Schmitz und David Lauer zur Künstlergruppe ATARAXIA zusammen: Gemeinsam war ihnen der kontemplative, gerade noch figurative Reduktionismus, der sich einerseits auf eine lange Tradition seit dem alten Ägypten sowie der frühen Antike berufen konnte und darüber hinaus mit modernen Materialien umging.

Fortsetzung von Seite 1

Vage kann man in dieser quasi-ägyptischen Modernität so etwas wie eine Kindermann-Schule ausmachen (zu der in dieser Generation auch noch der Bildhauer Voré zu rechnen ist). Von daher rührt auch das primäre Interesse am Menschen, wenn auch weniger in seiner Abbildfunktion, sondern als Transformationskörper. »Meine Figuren«, so Dahn, sind »Visualisierungen einer Idee«, die unverkennbar ihre Begründung in der Informationsästhetik eines Max Bense sucht, also durchaus nüchtern und ideologiekritisch betrachtet wird.

Ingrid Dahn entwickelte ein parabelhaftes Sender-Empfänger-Verhältnis im Raum: »Meine Figuren breiten sich in unterschiedlichen Ansichten im Raum aus, z. B. als konvexe und konkave Formen in einer Gruppe von Plexiglasblöcken.« Entgegen den auflösenden Tendenzen der frühen Moderne (Kubismus) und in der figurativen Plastik eines Henry Moore ist die Bildhauerin bestrebt, den Menschen als artifizielles Gehäuse und räumliches Subjekt wieder zusammenzufügen. In der Zielsetzung der ATARAXIA-Gruppe heißt es: »Wir erarbeiten anthropomorphe Figurationen. Sie sind nicht der Natur unterworfen, sie haben eine eigene Gesetzmäßigkeit… Unser Ziel ist der Neuaufbau der Figur nach dem Ende der Figur«.

Die geglätteten Oberflächen der Dahnschen Glas- und Aluminium-Protagonisten bilden geometrische Körper: Kegel und Kugeln, Kreissegmente und Ovalformen, Fächer- und Röhrengebilde. Der zuweilen spröden Anmutung steht eine Asymmetrie gegenüber, die den Plastiken eine exorbitante Spannung verleihen, die durch die luzide Immaterialität noch ins Metaphysische gesteigert wird. Kein Geringerer als der bereits erwähnte Max Bense hat darauf verwiesen, dass Ingrid Dahns Parabel – als mathematische Form, nicht von ungefähr auch von literarischer Dimension – in einer Linie steht mit »Malewitschs Quadraten und Bills möbiusschen Flächen«. Hinter der unnahbaren Strenge und dem fast unerbittlichen Ordnungssystem erkennt Bense eine »abstrakte, rekonstruierbare Lichtmetaphysik«.

Die Begegnung mit Arbeiten von Ingrid Dahn ist grundsätzlich ein Raumerlebnis. Das machen auch die Titel deutlich: »Figur im Umraum«, »Ihr Raum«, »Prismatischer Raum« oder »Aus Parabeln « usw. lassen keinen Zweifel an der räumlichen Bezüglichkeit; doch »Frei und umschlossen« oder »Bild, Abbild, Scheinbild« verweisen zugleich über den bloß physikalischen Raum hinaus ins Transzendente. Diese Schnittstelle macht das Erlebnis zur Vision.