Ausstellungsbesprechungen

Ingrid Dahn - Räume. Skulpturen. Bilder. Zeichnungen

Die Figur und die Parabel: Das sind zwei wesentlichen Elemente, die das Schaffen von Ingrid Dahn seit Jahrzehnten prägen. Einen Überblick über ihr Oeuvre gibt es im Galerieverein Leonberg. Anlass ist der 70. Geburtstag der Warmbronner Künstlerin.

Ingrid Dahn. Liegende. H 65cm. Acrylblock©Ingrid Dahn
Ingrid Dahn. Liegende. H 65cm. Acrylblock©Ingrid Dahn

Die Plastiken von Ingrid Dahn – bevorzugte Werkstoffe sind Acrylblöcke, Plexiglas und Aluminium – vereinen die Leichtigkeit des Materials mit einer formalen, zuweilen unnahbaren Strenge, die den altägyptischen Ewigkeitskult nachvollziehbar. Doch wer dabei eine womöglich abweisende Sprödigkeit erwartet, wird schnell eines besseren belehrt: Ohne es gleich rational zu begreifen, erliegt man der Faszination einer Sinnlichkeit, die noch unterstrichen wird bei der Betrachtung der malerischen Arbeiten, die an poetischem Reiz kaum zu überbieten sind. Im gesamten Werk dominiert eine »abstrakte, rekonstruierbare Lichtmetaphysik« (Max Bense über Dahn, 1980), die den konkret bzw. gegenständlich begreifbaren Menschen zu einem Geistwesen werden lässt.

Die Ausstellung in Leonberg bei Stuttgart ehrt die Künstlerin zu ihrem 70. Geburtstag mit einer umfassenden Präsentation ihres Schaffens, das mit den Begriffen »Räume, Skulpturen, Bilder, Zeichnungen« die über den bildnerischen Anspruch hinausgehende Dimension knapp umschreibt. Die Schau kommt vergleichsweise spät: Nach etlichen Gruppenausstellungen in den vergangenen zehn, zwölf Jahren, die Ingrid Dahn als Mitglied der Gruppe ATARAXIA auswies, gab es keine nennenswerte Einzelausstellung. So wird es höchste Zeit, dass diese bedeutende Künstlerin ihren Platz zugewiesen bekommt, wobei hier wohl noch zusätzlich viel Nachholbedarf nötig ist. Auch wenn man den Gemälden sehr diskret ansieht, dass Ingrid Dahn in Karlsruhe bei Fritz Klemm in die Schule ging, und auch wenn die bildhauerische Hoflehner-Schule in Stuttgart durchaus erkennbar ist, wären noch der erste akademische Lehrer Hans Kindermann und sein Kreis zu entdecken: Dazu gehören nicht nur die ATARAXIA-Künstler Dahn, ihr Mann Max Schmitz und David D. Lauer, sondern auch so großartige Künstler wie Voré, die allesamt etwa gleichaltrig sind und jeweils auf ihre Art einen Zugang zur ägyptischen Symbolkunst gefunden haben. Ingrid Dahn hat für sich eine fast semiotisch-klare Sprache entwickelt, die sich in Titeln wie »Von innen nach außen«, »Geöffnet« oder »Bild, Abbild, Scheinbild« widerspiegeln. Doch »in all meine Arbeiten ... geht es um ein Bild vom Menschen«, beschrieb sie ihr Werk. »Meine Figuren (meist weiblich) sind keine Abbilder der Natur, sondern Visualisierungen einer Idee. Ich sehe den Menschen als eine Art Sender und Empfänger mit vielfältigen Beziehungen zum Raum um ihn herum und vielfältigen ›Ausweitungen‹ seines physischen Körpers« und der Sinne, deren Gestaltungselement die Parabel ist, »eine Kurve, die sich bekanntlich unendlich im Raum fortsetzt«. Der philosophisch-metaphysische Hintergrund wird auch in dem Gruppennamen ATARAXIA nach der griechischen »Ataraxie« deutlich, was soviel wie Seelenruhe oder Gleichmut bedeutet und sich an die Lehre des antiken Denkers Epikur anlehnt.

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Der Katalog zur Ausstellung ist nur im Galerieverein erhältlich.