Ausstellungsbesprechungen

Ingrid Hartlieb - Totale, Kunsthalle Schweinfurt, bis 19. September 2010

Ingrid Hartlieb ist eine der herausragenden zeitgenössischen, auch international agierenden Bildhauerpersönlichkeiten in Süddeutschland. Sie bespielt 2010 die große Halle in der Kunsthalle Schweinfurt mit ihren unvergleichlichen Holzplastiken und wird den eindrucksvollen Raum der ehemaligen Schwimmhalle geschickt in Szene setzen. Günter Baumann hat sich in die Thematik vertieft.

Die Totale als Kategorie lässt einen zunächst stutzen: zwischen der locker-flapsigen Nullaussage und einem unerbittlichen Ganzheitsanspruch kann man dem Titelbegriff nur wenig abgewinnen, wenn man sich zum einen nicht in einen fast seltsam standhaften Fachbegriff im Bereich der Fotografie flüchten könnte, wenn man des weiteren nicht klar vor Augen hätte, dass die Skulpturen von Ingrid Hartlieb ihre faszinierende Größe im Detail erkennen lassen und wenn zudem der zur Verfügung stehende Raum in der Kunsthalle von Schweinfurt den Betrachter nicht einfach der Überwältigung hingeben würde. Bis zum 19. September bevölkern die zum Teil tonnenschweren plastischen Arbeiten neben Zeichnungen die sogenannte Große Halle des Museums, in der sich Kunst anders behaupten muss als in herkömmlichen Räumen - dabei geht es erfreulicherweise um ein ehemaliges Schwimmbad, nicht um einen Exerzierplatz.

Geht man mit der Optik einer totalen Einstellung – filmisch gesehen – an den Werkkomplex heran, baut sich das Panorama einer figurativen Landschaft auf, die menschliche Befindlichkeiten ahnen lässt, kommunikative Leerstellen aufreißt, verhältnismäßige Bezüge herstellt, die zwischen Kleinheit und Großheit, Einbindung und Distanz, Weite und Enge gegeneinander ausspielt und auch in eins setzt. Der Überblick ist im wahrsten Sinne total, er reizt aber zugleich, die Spur zum Detail aufzunehmen: Was geschieht mit der Monumentalität in der Nahsicht? Stehen die Objekte isoliert nebeneinander oder befinden sie sich in einem Bei- oder gar Miteinander? Die Zeichnungen machen schon deutlich, dass sich die Bildhauerin an den Gegenstand herantastet. Was auf dem Papier als Kopfgeburt mit Weitsicht entsteht, wird denn auch tatsächlich alsbald handgreiflich – Hartlieb hat nichts dagegen, wenn man dem Drang nachgeht, ihre Plastiken zu berühren. Stück um Stück verleimt sie ihre Hölzer zu klotzigen Konglomeraten, um ihnen dann mit der Kettensäge auf den Leib zu rücken, ihnen die Form zu geben, die wie es scheint bereits in ihnen steckt: geometrische Objekte, Pendel und Spindeln, Gefäße, Annäherungen an die menschliche Gestalt. Durch die Natur des Holzes, die Eigenstruktur der Einzelklötze und die lichtvolle Bemalung entstehen hier filigrane, optisch changierende, außerordentlich lebendige Geschöpfe, die sich einmal ihrer Schwere hingeben, ein andermal genau diese Schwere aufzuheben scheint.

Keineswegs geht es Ingrid Hartlieb um die abstrakte Form, auch wenn ihr primäres Interesse der Position der Plastik im Raum gilt. Sieht man sich die Titel der Einzelarbeiten an, begreift (!) man die sensible Hinwendung zum Menschen: »Menschenbild«, aber auch »Zwischenmensch« taucht begrifflich auf, dann »Rettungsring«, »Fluchtwerkzeug«. Nein, hier geht es nicht um bloß formale Problemlösungen, sondern um die menschliche Kreatur mit all ihrer Verletzlichkeit, mit dem Hölderlinschen Impetus: »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch« oder der existenzialistischen bzw. kafkaesken Gegenposition, wonach sich ein Rettungsring auch als mahlendes, malmendes »Zahnrad« oder »Räderwerk« erweisen könnte. Der Mensch bleibt dabei ein mal bemitleidenswertes, mal liebenswertes Rätsel. Hartlieb gibt keine konkrete Antwort auf die vielen Fragen, die ihre Arbeit - en detail wie en gros - aufwerfen. Sie lässt es sogar offen, ob die Assoziationen, die sie über die Titel nahelegt, der Weisheit letzter Schluss sind. Wie sagte doch auch Nietzsche: Man kann alles auch ganz anders denken. Die Künstlerin weiß zu genau, dass alles, was wir wissen können, nur Bruchstücke einer Ganzheit sind, womit wir wieder bei dem Titel der Ausstellung sind. Die 1944 geborene Bildhauerin Ingrid Hartlieb erweist sich mit dieser fulminanten Ausstellung als eine der wichtigsten Künstlerinnen ihrer Generation. Das wird auch deutlich in den Beispielen ihrer Skulptur im öffentlichen Raum, die im schönen Katalog abgebildet sind, darunter auch ausnahmsweise eine Stahlplastik im Eislinger Stadt-Kreisverkehr oder einem fünf-auf-fünf-Meter-Gefäß auf Long Island: »Only to the open sky«. Hartliebs Werk ist auf dem Boden verortet, mit Blick gen Himmel.