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Inside Amsterdam #5: Wahre Kunstschätze

Flohmärkte sind für manche wahre Fundgruben, für andere einzige Müllkippen. Doch tatsächlich kann man dort Designklassiker und Kunst entdecken – so wie in den Amsterdamer IJ-Hallen. Nina Zöpnek war dort unterwegs und hat sich Gedanken über das bunte Angebot gemacht.

Inside Amsterdam
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Ein Flohmarkt hat, streng genommen, nicht sehr viel mit Kunst zu tun.

Doch oft, wenn man von den üblichen Trampelpfaden abweicht, entdeckt man tatsächliche Schätze – die eigentliche Kunst. Es ist die Kunst des lautlosen Schleichens, die Kunst des aufmerksamen Beobachtens, die Kunst der vorsichtigen Annäherung und die Kunst des blitzschnellen Zuschlagens, welche man eventuell mit Flohmärkten in Verbindung bringt. Doch es ist auch eine kunstvolle Magie, welche Märkte dieser Art umgibt, die auf so viele Menschen anziehend wirkt wie ein Lichtkegel auf Nachtschwärmer.

Am vergangenen Wochenende war ich einer jener Nachtschwärmer unter vielen anderen, die sich auf Fähre und Fahrrad in Richtung Amsterdam Noord treiben ließen, dem Lichtkegel namens IJ-Hallen Market entgegen. Eigenen Angaben zufolge handelt es sich hierbei um den größten Vintage-Flohmarkt in ganz Europa – und den kilometerlangen Reihen an Flohmarktständen nach zu schließen, entspricht dies auch der Wahrheit. Zum ersten Mal in diesem Jahr befand sich der Markt nicht tatsächlich in den IJ Hallen, den ehemaligen Hallen der Schiffsbauwerft aus den 1920ern, sondern auf dem großzügigen Platz davor. Die Sonne wärmte den Asphalt, eine leichte Brise trieb den Geruch des Wassers im Ij durch die Luft und Jung und Alt schlenderten langsam, aber zielstrebig durch die endlosen Flohmarktstände, um Kleidung, Einrichtungsgegenstände, Geschirr und anderen Krimskrams feilschend.

Vieles, das angeboten wurde, war tatsächlich nur das – Krimskrams. Doch mitten unter all diesem Chaos und den Bergen aus eigentlich unnötigen Dingen kamen auch unerwartete Schätze zum Vorschein – oder sollte ich sagen: unerwartete Kunst?

Nicht umsonst hat das Stedelijk Museum in Amsterdam eine gesamte Abteilung, die sich ausschließlich Kunst- und Designgegenständen der vergangenen Jahrzehnte widmet. Unter Objekten wie dem berühmten Eames Chair oder dem Marshmallow Sofa von George Nelson befinden sich auch das farbenfrohe Lilienthal Porzellan, Thonet Sessel und gebrannte Vasen aus den 1950er Jahren. Dinge, die man bei Oma zu Hause oder eben auf dem Flohmarkt finden kann. Dinge, die Geschichten erzählen, über den Stil der jeweiligen Zeit, in der sie entstanden, Geschichten über Visionen von Designern und Geschichten von den Ereignissen, an welchen sie in den vergangenen Jahren teilnahmen. Kaffeetassen könnten uns stundenlange Gespräche zwischen unzufriedenen Hausfrauen nacherzählen, Stühle würden uns berichten, wie ihnen die Beine bei Bombenanschlägen des Zweiten Weltkriegs zitterten und Coca-Cola Fläschchen wären ganz aufgeregt beim Erzählen von ihrer ersten Ankunft in Europa.

Natürlich sind diese Objekte nicht Kunst, nur weil ein Museum sie dazu auserkoren hat, Teil seiner Sammlung zu werden und natürlich besteht die Frage, ob alles in den Bereich der Kunst erhoben werden darf und soll. Doch es ist eben nicht nur ihr unverkennbares Design, das sie zu Design- und Kunstklassikern werden lässt, sondern eben auch die historische Aura, die sie und somit auch den Flohmarkt umgibt. Und vielleicht, vielleicht, ist es die Fähigkeit Geschichten zu erzählen und sie in der Fantasie des Betrachters wachsen zu lassen, die diese Gegenstände zu Kunst macht.

Denn ist nicht Kunst auch eine Form der Geschichte?