Call for Papers

Interdisziplinäre Herbstschule: Distanz und/oder Close-up: Visualität, Gemeinschaft und Affekt in Geschichtsdarstellungen, vom 4. bis 9. Oktober 2015 in Mainz

Das Romanistische Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz veranstaltet gemeinsam mit dem Zentrum für Interkulturelle Studien eine interdisziplinäre Herbstschule, die sich Geschichtsdarstellungen in Kunst und Literatur widmet. Angesprochen sind Doktoranden und Postdoktoranden (in einem frühen Stadium nach ihrer Promotion) der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte etc. Bewerbungsschluss: 30. Juni 2015.

Geschichtsdarstellungen bieten, so argumentiert Hayden White in seiner einflussreichen Studie »Metahistory«, Erzählungen an, die narrative Mittel einsetzen, um bestimmte Versionen historischer Ereignisse zu präsentieren. Benedict Anderson seinerseits betont, dass die Entwicklung der modernen Nationalstaaten ohne die Rolle, die den Schrift- und Printmedien und damit dem Erzählen und Lesen der nationalen Geschichte zukommt, nicht zu denken sei. Imagined communities konstituieren sich allerdings in ihrem Verhältnis zur Geschichte nicht nur über geteilte Praktiken oder geteiltes Wissen, sondern auch über geteilte Affekte, die bedeuten, dass die Mitglieder einer imagined community die Wahrheit und Realität ihrer eigenen Geschichte tatsächlich zu fühlen meinen. So sind es affektisch besetzte, politisch wirksame und ‚mythisch‘ gewordene Narrative der Geschichte, die der Zeit einer imagined community Form und ‚Realität‘ verleihen können, und dies nicht nur im Kontext der modernen Nationalstaaten, die Anderson untersucht, sondern bereits seit der Frühen Neuzeit. Erzählungen, die erlebbare Nähe zur Geschichte eines Kollektivs evozieren, arbeiten dabei unabhängig davon, ob es sich um ein Bild- oder Textmedium handelt, mit Visualisierungseffekten. Visualität, Gemeinschaft und Affekt gehen also in Bilddarstellungen oder auch in durch die Vorstellungskraft generierten Bildern von Geschichte funktionale Interdependenzen ein. Sie können ein identifikatorisches Close-up oder aber eine kritische Distanz zur Geschichte produzieren. In den Sektionen der Herbstschule soll dieses Verhältnis in historischer Linie – von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart – abgesteckt und mit Blick auf neuere Theorien zum politischen Affekt, wie sie etwa Jon Beasley-Murray (Posthegemony, 2010) vorgeschlagen hat, diskutiert werden.

Wenn der aus den antiken pathemata ableitbare „Affekt“ diejenige emotive Qualität ist, die primär ‚zustößt‘, dann aber – sei es in Bild oder Text – eine bewusst einkalkulierte ästhetische Wirkung entfalten kann, so lässt sich hier aus der Warte der Literatur- und Kunstwissenschaft anschließen. Denn Affekte werden in textuellen und visuellen Narrationen aktiviert oder aktualisiert, deren Darstellung auf Wirkung abgestellt ist. Sie sind deshalb aktuell immer wieder im Fokus von Untersuchungen, die der Schnittstelle von Repräsentation, Politik und Affekt und damit dem Verhältnis der Macht der Gefühle und ihrer Gemachtheit gewidmet sind. Auch zur Ideologie der imagined community gehört es, dass deren ‚Gemachtheit‘ verschleiert oder gar geleugnet werden muss, so dass im Bereich politischer Affekte ein Grenzbereich unkontrollierbarer oder ambivalenter Affektwirkungen nicht auszuschließen ist. Beasley-Murray spricht hier vom affektischen escape: Der Affekt geht zwar Hand in Hand mit der Emergenz von sozial-politischen Strukturen, muss aber nachträglich zur Vorstellung eines Staates transzendiert werden. Dieser leugnet die eigene, irrationale Entstehungs-‚Geschichte‘, ohne deren affektisches Erbe jedoch ganz eindämmen zu können.

Man könnte allerdings auch von einer Reaktivierung der affektischen Entregelung sprechen, die diese offizielle Geschichtsdarstellung begleitet: Denn die Aktivierung eines affektiven Ressorts nationaler Geschichte zählt zu denjenigen immanenten Prozessen, die der Institutionalisierung von Gemeinschaft nicht vorgängig, sondern zeitgleich oder nachträglich sind. Je nach Kontext und Intention kann diese Identifikation mit Geschichte sowohl libidinös-fundational, ja nachgerade pädagogisch wirken, oder phobisch-destruktiv. Ein historisches Beispiel dafür sind die Darstellungen der revolutionären Liberté in Frankreich, die sich mit Delacroix’ visuellem Code in ein westliches Bildgedächtnis eingeschrieben haben – und bei der Marche républicaine in Paris nach den Anschlägen vom Januar 2015 wieder evoziert werden konnten. Dabei ist jedoch nicht zu vernachlässigen, dass bereits zeitgleich zur Revolution 1789 von Seiten französischer Konterrevolutionäre zahlreiche Karikaturen und Pamphlete folgen, die einer Identifikation des französischen Volkes mit der eigenen Staatsform zuwider laufen. Ganz im Gegenteil verbreiten die bildlichen Darstellungen der Revolution, die ihre Kinder frisst und ein starkes monarchisches Frankreich ‚entmannt‘ hat, Schrecken und mithin: phobos.

An dieser Stelle gilt es auch das Verhältnis von Bild-Darstellung, Vorstellungsbildern und ihren Narrationen zu klären. So lässt sich etwa kaum leugnen, dass Zolas Neuauflage der Liberté von Delacroix in La fortune des Rougon (1871) beinahe visuelle Qualität entfaltet: Hier ist es die junge Miette, die 1851 noch einmal das Volk gegen die Soldaten von Louis-Napoléon Bonaparte anführt, dabei aber einen detailliert beschriebenen, schmählichen Tod sterben muss. Die Ästhetik der exzessiven Beschreibung, wie sie der französische Naturalismus bei Zola entwickelt, steht also gewissermaßen im Zeichen einer affektisch besetzten Visualisierung französischer Geschichte. Daran ließe sich beschreiben, wie Geschichte und ihre Verwandlung in ideologische Mytheme im Sinne einer Ermöglichungs- und/oder Verhinderungsstruktur ästhetischer Formen wirken – so dass ästhetische (Text-)Bilder keineswegs einfach im ideologischen Mythos aufgehen.

Wir wollen uns daher aus dezidiert interdisziplinärer Perspektive mit der Frage beschäftigen, wie Texte Bilder erzeugen, wie Bilder Geschichte(n) erzählen, wie mit Bildern Politik gemacht wird und welche Bedeutung hierbei dem Affekt zukommt. Es werden ausgewählte Theorietexte diskutiert und im Anschluss an Themenreferate einzelne Text- und Bildbeispiele gemeinsam analysiert. Die interdisziplinäre Ausrichtung unserer Veranstaltung wird auch dadurch gewährleistet, dass für jede Sektion externe Spezialisten aus Politikwissenschaft, Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte eingeladen wurden, die durch Impulsreferate und die Diskussionsleitung eigene Schwerpunkte setzen.

Die Ausschreibung wendet sich an DoktorandInnen sowie PostDocs in einer frühen Phase nach der Promotion in den Fächern Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Geschichtswissenschaft, Kulturwissenschaft, Ethnologie, Medienwissenschaft, Politikwissenschaft. Von den TeilnehmerInnen wird die Übernahme von Referaten (je 30 min. zzgl. 30 min. Diskussion, anschließend weitere 30 min. gemeinsames close reading von Text-/Bildbeispielen) erwartet. Um eine aktive Beteiligung an den Diskussionen zu ermöglichen, wird eine gute passive Kenntnis von mind. zwei der Veranstaltungssprachen (Deutsch, Englisch, Französisch) vorausgesetzt. Den TeilnehmerInnen wird ein Reisekostenzuschuss in Höhe von maximal 500 Euro (Anreise aus Deutschland) bzw. von 800/1500 Euro (Anreise aus dem europäischen Ausland/von Übersee) gewährt.

Das Programm sieht vor, dass die Teilnehmer sich an allen Sektionen beteiligen, die nicht parallel sondern in Folge stattfinden. Die Bewerbung allerdings erfolgt für eine bestimmte Sektion und mit einem Abstract des geplanten eigenen Beitrags (bis zu 400 Wörter), einem akademischen Lebenslauf mit Kontaktdaten und evtl. Publikationsliste, sowie einem kurzen Motivationsschreiben, in dem erläutert werden soll, in welchem Zusammenhang das Vortragsthema mit der eigenen Forschung steht und wie sich der/die TeilnehmerIn im Gesamtkonzept der Herbstschule bzw. der Sektion verortet. Eine längere Version des Konzepttextes der Veranstaltung können Sie zur Orientierung gerne vorab anfordern (Kontakt: peterska@uni-mainz.de).

Sektionen:

I. Leitung: Jon Beasley-Murray – Theorie & übergreifend
II. Leitung: Karin Peters – Frühe Neuzeit
III. Leitung: Bertrand Tillier & Susanne Mersmann – 19. Jahrhundert
IV. Leitung: Philip Manow & Lisa Zeller – 19. Jahrhundert
V. Leitung: Stephanie Wodianka & Julia Brühne – 20./21. Jahrhundert

Bitte senden Sie Ihre Unterlagen bis zum 30. Juni 2015 (Datum des Poststempels) an:

Dr. Karin Peters
Romanisches Seminar
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Welderweg 18
55099 Mainz

oder an: peterska@uni-mainz.de (mit dem Vermerk „Herbstschule 2015“).

Die Auswahl wird voraussichtlich bis Anfang August getroffen.

Organisation:
Dr. Karin Peters (Romanistik)
gemeinsam mit Dr. Julia Brühne (Romanistik), Dr. Susanne Mersmann (Kunstgeschichte) und Lisa Zeller, M.A. (Romanistik)

Fächer: Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Geschichtswissenschaft, Kulturwissenschaft, Ethnologie, Medienwissenschaft, Politikwissenschaft

Gefördert von der VolkswagenStiftung.