Ausstellungsbesprechungen

Irdische Paradiese – Meisterwerke aus der Kasser Art Foundation. Augsburger Schaezlerpalais, bis 31. Dezember 2009 (verlängert)

Vor rund 15 Jahren machte die Barnes Collection viel Aufsehen – von Washington über München bis Tokio staunten die Menschen über bis dahin selten oder nie öffentlich präsentierten Meisterwerke von Cézanne & Co. Dass es noch weitere Schätze zu heben gibt unter den amerikanischen Sammlungen, zeigt eine Schau im Augsburger Schaetzlerpalais: Dort sind in der Verlängerungsrunde bis Ende des Jahres Arbeiten aus der Sammlung Alexander Kasser zu sehen. Günter Baumann hat diese Ausstellung für PKG gesehen.

So manche Einzelwerke bleiben dem Besucher stark im Gedächtnis: das »Porträt von Maria Lani« des Malers André Derain etwa oder eine keramische Arbeit von Alexander Archipenko, die einen »Rosa Torso« verewigt, gleich mehrere hinreißende skulpturale, malerische und grafische Werke von Marino Marini sowie ein ganz und gar ungewöhnlicher »Männerkopf« von Pablo Picasso. Den Berichten zufolge hatte der Sammler vor 80 Jahren eine Art Initialerlebnis im Musée Rodin: Er wollte eine von Rodins erotischen Plastiken haben, musste dann aber vier Jahrzehnte warten, bis er einen Nachguss erwerben konnte. In derselben Zeit wuchs die Leidenschaft des Sammelns und die Sammlung selbst. Augsburg ist nicht München, und die Medien haben Kasser noch nicht so prominent in den Blick genommen wie einst den wenig zugänglichen Sammlerkollegen Barnes – der in Ungarn geborene Alexander Kasser ist zumal schon seit 1997 tot, seine Frau, die Kunsthistorikerin Elisabeth Kasser, starb 2002 – so dass die Ausstellung zwar regionales Lob und Interesse, aber darüber hinaus relativ wenig Echo fand. Das ist zu bedauern, denn von den rund 400 Kunstwerken, die die Kassers sammelten, sind in dem allein schon wunderschön-barocken Augsburger Palais über 100 Arbeiten zu sehen – unter dem Motto »Irdische Paradiese«, die zur Zeit auch noch auf der Wunschliste unserer Projektionen stehen (die Stuttgarter Burne-Jones-Ausstellung firmiert auch unter dem Titel »Das irdische Paradies«). Für die Kassers hätte dieser Titel seine eigene Bedeutung gehabt – sie mussten vor den Nazis fliehen und fanden in den USA ein neues Zuhause. Die Yad-Vashem-Stätte ehrt Alexander Kasser als »Gerechten unter den Völkern«.

Ausgehend von Rodins »Ewigem Idol« (L'éternelle idole, 1893), dem begehrten Sammlerobjekt der frühen Begierden, entfaltet sich locker chronologisch und thematisch über ein Dutzend Räume hinweg ein kunsthistorischer Reigen, der nicht immer in engen Grenzen hält, was der Ausstellungstitel verspricht, dafür aber erfreulich weit über das Paradies im irdischen Dasein hinausgeht. Rodin ist üppig vertreten, doch obwohl sein Werk für Alexander Kasser eine zentrale Rolle gespielt hat, ist es nicht die eigentliche Sensation der Schau: Manche Plastiken sind zu bekannt (»Adam«, »Mann mit zerbrochner Nase« u.a.) oder geraten ins Süßliche (»Mutter und Kind in der Grotte«), so dass gerade bei diesem Meister das potentiell Belanglose und Kitschige des Themas hervortritt, oder seine besten bzw. überraschendsten Bronzen (»Der weinende Löwe«) weichen dem Thema aus. Die Stärke der Sammlung liegt in der Fülle wichtiger Freundschaften, die das Ehepaar Kasser in Ungarn, Mexiko, den USA und anderswo pflegte. So kam es, dass nun Marini neben Rivera oder Lipchitz neben Pollock auftreten, die allenfalls so viel miteinander zu tun haben, als der Sammler sich für sie stark machte. Dieser Zu(sammen)fall verschiedenster Positionen macht die Frische und Vielfalt der versammelten Kunst aus. So wird aus dem Thema ein Fernziel, das zu erreichen aus allen Himmelsrichtungen und Beweggründen herrührt. Dass privates Interesse, Gefühl und ästhetisches Urteil vereint sind – noch vor einer finanziellen Wertorientierung – macht die Ausstellung auch für den Betrachter zum Erlebnis und zur Entdeckungsreise.

Die Liste der über 50 Künstler ist dafür ein schöner Beleg: Alexander Archipenko, Hans Arp, Emile Bernard, Emile Bourdelle, Georges Braque, Nino Caffè, Alexander Calder, Mary Cassatt, Paul Cézanne, Marc Chagall, Henri Edmond Cross, Jóseph Csáky, Honoré Daumier, Giorgio de Chirico, Edgar Degas, André Derain, Léon Detroy, Kees van Dongen, Jean Dufy, Henri Fantin-Latour, Alberto Giacometti, Juan Gris, George Grosz, Henri Joseph Harpignies, Alfred Hrdlicka, Jozef Israëls, Alexej von Jawlensky, Moïse Kisling, Georg Kolbe, Henri Lebasque, Jacques Lipchitz, Aristide Maillol, Giacomo Manzù, Marino Marini, Henri Matisse, Jean-François Millet, Amedeo Modigliani, Lászlo Moholy-Nagy, Claude Monet, Henry Moore, Jules Pascin, Max Pechstein, Pablo Picasso, Jackson Pollock, Pierre-Auguste Renoir, Diego Rivera, Auguste Rodin, Paul Signac, Alfred Sisley, Maurice Utrillo, Maurice de Vlaminck, Fritz Wotruba, Ossip Zadkine.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Di und Do 10 – 20 Uhr
Mi / Fr / Sa / So 10 – 18 Uhr
Mo geschlossen

Katalog:
Christoph Trepesch / Tilo Grabach / Angela Gratzl (Hrsg.): Irdische Paradiese. München: Deutscher Kunstverlag, 2009.