Ausstellungsbesprechungen

Jahresschau Lübecker Künstler 2018, Kunsthalle St. Annen Lübeck, bis 25. März 2018

Auch die Provinz kann mitunter anspruchsvolle Kunst hervorbringen. In Lübeck reichten 106 Künstler nicht weniger als 360 Arbeiten ein, von denen die Jury 114 von 72 Künstlern akzeptierte. Jetzt kann man einen bunten und abwechslungsreichen Überblick über die Kunst des südlichen Schleswig-Holstein auf gleich vier Stockwerken anschauen. Stefan Diebitz ist durch die Räume gegangen.

Eine Jahresschau schon im Februar? Das ist mehr als ungewöhnlich, aber erzwungen, denn im Herbst wird die Hansestadt Lübeck ihren 875sten Geburtstag feiern – nicht zuletzt mit einer sehr, sehr großen Ausstellung, vor der die Künstler in den Februar ausweichen mussten.

Könnte man in einigen Jahren, wenn man verschiedene Jahresschauen miteinander vergleicht, auf die Zeit tippen, in der die Bilder, Plastiken und Fotos entstanden sind? In aller Regel ist das sehr schwierig, denn bei vielen Arbeiten wäre es sogar fast unmöglich, auch nur das Jahrzehnt mit Sicherheit zu bestimmen. Insbesondere gilt das natürlich für abstrakte Arbeiten. In diesem Jahr aber findet sich nicht nur mehr Figürliches als sonst, sondern es gibt auch einige Bilder, die ziemlich direkt auf das politische Geschehen reagieren. Und was könnte da wichtiger sein als ein schrecklicher Krieg mitsamt seinen Folgen? Zweimal ist es den Künstlern gelungen, die Problematik auf eine anspruchsvolle und reflektierte Art einzufangen.

Ulrike Traub zeigt eine mit leichter Hand und Filzstiften hingezauberte Gouache, die unter dem Titel »Angekommen?« Flüchtlinge vor der Lübecker Silhouette zeigt, als müssten sie nicht das Mittelmeer, sondern die aufgestaute Wakenitz überqueren. Die Flüchtlinge sind etwas schattenhaft – man muss schon etwas genauer hinschauen – im Vordergrund zu sehen, dort, wo sich sonst Spaziergänger ergehen, um auf die vieltürmige Altstadt zu blicken. So hat die Künstlerin eine internationale Problematik sehr direkt und anschaulich auf die Lübecker Verhältnisse projiziert. Denn was wäre, wenn die afrikanischen Flüchtlinge hier an Land gingen, nicht in Italien oder Griechenland? Dabei macht das Bild mit seinen fast durchsichtigen Pastellfarben einen leicht träumerischen Eindruck – als wäre es eine Vision. Und im Grunde ist es das ja auch.

Ganz anders, aber vielleicht noch beeindruckender ging der sich als realistischer Künstler verstehende Rainer Wiedemann vor, der ein Pressefoto von einer in Trümmer geschossenen Straße in Syrien als Vorlage nahm, um nicht allein den Schutt, das Elend und die Verzweiflung abzubilden, sondern mit einem von oben hereinbrechenden hellen Streifen Lichtes auch die »Hoffnung auf einen Neubeginn«. Ein ambitioniertes Vorhaben! Aber das Bild überzeugt mit seiner anspruchsvollen Technik, denn sowohl das Licht als auch die Farben der Steine und des Schutts darzustellen ist Wiedemann mit einem mehrschichtigen Farbauftrag (Öl auf Acryl) gelungen. Der Gegensatz von bräunlichem Staub und Schmutz und dem fast transzendenten Strom eines durchsichtigen weißen Lichtes in der Mittelachse des Bildes – der Maler ist ein großer Verehrer William Turners – nimmt den Betrachter gefangen. Und wie Traubs Bild führt Wiedemanns Straße in die Tiefe des Raumes.

Manche Künstler stellen sich ein bloß ästhetisches Programm, das sich an Farben und Strukturen orientiert und so im Abstrakten hängen bleibt. Oft wird auch mit privaten, für den Betrachter ganz unverständlichen subjektiven Assoziationen gespielt, die sich in kryptischen Titeln ausdrücken. Dagegen spielt in den beiden Arbeiten zum Krieg und über die Flüchtlinge zwar die Farbe eine ganz wesentliche Rolle, ist aber doch einer größeren Thematik untergeordnet; so sind diese beiden Bilder perspektivenreicher und geben mehr zu denken. Das gilt auch für eine Reihe anderer Bilder, die samt und sonders zu erwähnen zu weit führen würde; aber es gibt allerhand zu entdecken, unter anderem einiges mit Insekten, den ästhetisch vielleicht reizvollsten Tieren.

Ähnliches wie über die Bilder Traubs und Wiedemanns, wenngleich sich seine Arbeitsweise deutlich unterscheidet, lässt sich über die Objekte Klaus Ammanns sagen, eines 1932 geborenen Künstlers aus dem Lübecker Umland. Er schreibt über sich selbst, dass er für seine Arbeiten »gern Fundmaterial« verarbeitet: »alte Holzteile, Plastikstücke, Blech, Vogelfedern. Ärmliche Materialien. Häufig setze ich Schrift-Ähnliches hinzu, wie es sich mir auf Reisen zu fernen Kulturen eingeprägt hat.« Vor zwei Jahren stellte er eine lateinamerikanische Arbeit aus, in diesem Jahr aber erinnert er mit einer Art überdimensionierten Setzkasten an Johann Gottfried Herder und dessen Auszug aus seiner Geburtsstadt Riga, den er selbst in einem Reisejournal beschrieben hat, der in die Geistesgeschichte eingegangen ist.

Die diesjährige Jahresschau bringt in ihrer überwiegenden Mehrheit Bilder, aber nur wenige Skulpturen. Dazu zählen die »Neuen Nachbarn« von Ingeborg Pieper, bei denen es sich um Rakubrand handelt, eine in Japan entwickelte Technik des Brennens von Keramik. Großen Anklang beim Publikum findet eine in Wachs getauchte, an einen Nagel gehängte Häkeldecke von Anse Roth, die ich aber ebenso zu einer ästhetisch zwar durchaus gelungenen, aber eben doch bloß ästhetischen Kunst rechnen möchte wie Renate U. Schürmeyers »… das muss sich doch mal ändern«, eine große Anzahl bunter Schalen, die irgendwie auf dem Boden verteilt wurden. Fotogen ist so etwas wirklich, aber sonst? Sehr rätselhaft (und natürlich gewollt rätselhaft), aber auch bemerkenswert realistisch ist eine Installation im Holzkasten von Ingrid Mohr, die unter dem Titel »Entkommen« Insekten zeigt, die eben gerade ihre unterirdische Bruthöhle zu verlassen scheinen. Oder wovor fliehen sie? Die Künstlerin hat die Fluchtgründe wie die Art der Tiere absichtsvoll im Dunkeln gelassen, aber es ist ihr durchaus gelungen, das Krabbelnde und Wimmelnde dieser Tiere einzufangen.

Wie die Lübecker Possehl-Stiftung eben gerade bekannt gegeben hat, wird vom nächsten Jahr an alle drei Jahre ein internationaler Kunstpreis verliehen: »Mit dem Internationalen Possehl-Kunstpreis«, heißt es, »werden lebende Künstlerinnen und Künstler mit nationalem und internationalem Renommee für ihr Lebenswerk oder eine herausragende Arbeit beziehungsweise Werkgruppe ausgezeichnet. Für die Würdigung stehen eine außerordentliche künstlerische Auseinandersetzung und eine mindestens über ein Jahrzehnt hinaus andauernde kontinuierliche Leistung im Vordergrund, die eine besondere Anerkennung verdienen.; und in den beiden Jahren dazwischen gedenkt man einen Lübecker Künstler mit einem Preis auszuzeichnen.«