Ausstellungsbesprechungen

James Ensor, Bitte nehmen Sie Platz

Die eigentliche Eröffnung findet zwar erst im Frühjahr 2005 statt, doch bereits am Samstag, 6. November 2004, war der Andrang im ostwestfälischen Herford groß. Jan Hoet hatte vorab zu Vernissage, Performances und Soirée ins MARTa, dem neuen Haus für „Möbel. Art. Ambiente“ eingeladen. Am ursprünglichen Eröffnungstag - die baulichen Maßnahmen waren doch aufwändiger als gedacht – demonstrierte der künstlerische Leiter, dass sich auch das im Rohbau befindliche Museumsgebäude hervorragend als Ausstellungsfläche eignet.

Schon in der Vergangenheit fiel der Belgier durch die Wahl von ungewöhnlichen Ausstellungsorten auf: So richtete er etwa in einer umgebauten Festhalle aus den vierziger Jahren das Stedelijk Museum voor Actuele Kunst ein. Viel Beachtung fand auch sein Projekt „Chambres d\'Amis“ zur Förderung des Dialogs von Kultur und urbanem Leben, wofür einundfünfzig Genter Stadtwohnungen zu Ausstellungsräumen umfunktioniert wurden. Als künstlerischer Leiter der documenta IX zielte er auf „eine documenta der Orte,[...]die allein vom Künstler und seinem Werk“ ausgehe.

 

  

 

 

MARTa Herford

Nach knapp achtjähriger Vorbereitungszeit präsentiert er nun in Herford ein Kunsthaus, das zugleich als Museum, Forum und neues Zentrum der Stadt Herford dient. Dass die Bauzeit nicht genau kalkulierbar war, ist nicht verwunderlich, denn der Architekt des fantastischen Museums an der Goebenstraße ist niemand Geringeres als der Amerikaner Frank O. Gehry, der durch die gigantische „Museumsskulptur“ Guggenheim in Bilbao für Furore sorgte. Das Gebäude in Herford ist zwar weit weniger spektakulär als das in Spanien, dafür aber geht das Gebäude auf wunderbare Weise einen städtebaulichen Dialog ein.

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In der Nähe zum Bahnhof gelegen und an die Hauptstraßen Herfords anknüpfend,  schmiegt sich das wie eine Blume gegliederte Museum an die kleine Aa und öffnet sich zum Fluss mit einem in den Galerien mit Kupferplatten verkleideten Café und seinem Foyer. Gehry verwendet Materialien, die sich im Stadtbild wiederzufinden. Die Klinkerfassaden sind beispielsweise fast allen öffentlichen Gebäuden vorgeblendet, ein Edelstahl-Dach gibt dem Bauwerk Gehrys die unverkennbare Leichtigkeit und Beweglichkeit.

 

Seit Bekanntwerden der Pläne der Herforder Möbelindustrie, der Geldgeberin des MARTa, ein Museum einzurichten, steht dessen Direktor Jan Hoet unter dem Druck der Öffentlichkeit. Zum Beispiel anlässlich der Ausstellung des norwegischen Künstlers Bjarne Melgaard, dessen Ausstellung Ausstellung „Black Low“ vom Bielefelder Oberstaatsanwalt Baumgart wegen angeblicher Gewaltverherrlichung versiegelt wurde.

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Bitte nehmen Sie Platz

Darum ahnte wohl niemand, dass am ursprünglichen Eröffnungstag so viele Gäste der Einladung des MARTa folgten. Durch ein ambitioniertes Programm konnte das MARTa an diesem Tag in der „Stadt der Peripherie“, wie Hoet Herford auf einer Veranstaltung der Regionale 2004 nannte, Zeichen setzen.

 

Mit der Übergabe der Skulptur „Der Ball“ des italienischen Bildhauers Liciano Fabro wurde der ganztägige Kunstevents eröffnet. Mit einem Vers-Band von Rainer Maria Rilke, bestehend aus 320 ein Meter hohen Edelstahllettern, die eine Edelstahlkugel auf einer Verkehrsinsel umbinden, setzte der Künstler eine virtuose Geste.

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James Ensor

Als „großen Außenseiter der Moderne“ bezeichnete Joachim Heuinger den belgischen Künstler James Ensor. Das MARTa zeigt zur Eröffnung die Ausstellung „Bitte nehmen Sie Platz, Herr Ensor“. In Kooperation mit dem Herforder Kunstverein findet parallel im Daniel-Pöppelmann-Haus die Schau „Kathedralen, Triumphe, komische Teufel und neckische Masken“ statt. Der visionärere Pionier des Expressionismus und Surrealismus galt als Einzelgänger, dem nie die angemessene Anerkennung zuteil wurde. In Herford werden nun das Druckgrafische Werk und 80 Gemälde präsentiert. Verbunden wird die Ausstellung im MARTa mit epochemachenden Stühlen aus der Schaffenszeit Ensors, um so die Verbindung von Architektur, bildender Kunst und Design in dessen Werk zu betonen.

 

Marina Abramovic

Eine vierstündige Performance sorgte in Herford für eine weitere Attraktion. Marina Abramoviæ machte Jan Hoet ihre Aufwartung und lud die IGP (Independent Performance Group) als Geschenk an Hoet ein. Unter dem Titel RaumKonzepte hatte die an der Braunschweiger Kunstakademie lehrende Performance-Künstlerin 16 junge Künstler gebeten, das Museum mit lebenden Bildern zu füllen.

 

Amanda Coogan wurde von der Allegorie der Gerechtigkeit, einer Skulptur im Zentrum Dublins, angeregt. Diese Plastik war ursprünglich von der britischen Besatzung so aufgestellt worden, dass sie dem Bürger den Rücken zukehrte. Coogan übernahm beim Betrachter die Haltung der Figur mit den Waagschalen in der Hand, lüftete dabei aber ihren Hintern, um die Haltung, zum Leitwesen der Arbeit, zu ironisieren.

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Iris Selke beabsichtigte Unsicherheit, Schwerelosigkeit und Balance künstlerisch darzustellen, indem sie sich als Fallschirmspringerin inszenierte. Leider wirkte die in der Dachkonstruktion des Gehry-Baus Baumelnde wie eine unglückliche Figur, die im Geäst eines Baumes hängen geblieben war.

 

Anna Berndtson liess sich mit männlichen Gummipuppen auf einer Plattform nieder. Durch ihre Nacktheit und dem gewagten Spiel von Erotik und Pornografie gelang es, die Besucher zu Voyeuren zu machen, die vor ihr stehen bleiben und auf „die nächste Einstellung“ warten.

 

Hervorragend ist die Arbeit von Melati Suryodarmo „Boundaries that lie“. Sie schnürt ihren Körper an der Wand in sieben schwarze Gummibänder, die zwischen zwei Stangen gespannt sind. Der Körper hat fast keine Chance sich frei zu bewegen und überträgt gegenüber dem Betrachter so das Gefühl von Furcht und im wahrsten Sinne des Wortes Anspannung.

 

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Die in Belgrad geborene Künstlerin Marina Abramoviæ ist durch an die Grenzen der physischen und psychischen Belastung gehenden Performances bekannt geworden. Für ein Projekt ass sie beispielsweise rohe Zwiebeln, um ihre Jugenderlebnisse in Jugoslawien zu verarbeiten. In Herford setzte sie sich mit der mittelalterlichen Darstellung vom „Tod und das Mädchen“ auseinander. Abramoviæ nahm unbekleidet auf einem, zu einer Art Altar überhöhtem Podest Platz und begann zu weinen, leise zu singen und ein Skelett zuliebkosen.

 

"As solid as a Family", so zuverlässig wie eine Familie, lautete der Titel von Ivan Civics Arbeit. In einer projeziierten Gebirgslandschaft nahm der Künstler die Position eines Bergsteigers ein und versuchte sein Gesicht und das seiner Eltern auf die Berge zu malen.

 

Mit einem Gespräch zwischen Gehry und Hoet sowie einer Party auf dezibelfreundlichem Niveau klang der Tag schliesslich aus. Kultur findet nicht nur in den Metropolen statt, sie hat auch in der Peripherie eine Chance. Ein guter Anfang ist gemacht.


 

Eintritt in beiden Ausstellungen über ein Kombi-Ticket, das vom 6. November bis 19. Dezember 2004 gilt.
5,- €, 3,- € ermäßigt

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