Ausstellungsbesprechungen

Jan Dibbets – Horizons, Kunstverein Heilbronn, bis 29. Mai 2011

Jan Dibbets zählt zu den Hauptvertretern der europäischen Konzeptkunst. Im Mittelpunkt seiner künstlerischen Strategie steht das Problem der Wahrnehmung, der Sinnestäuschung und Illusion. Besonders beschäftigt Dibbets die Frage der Perspektive bzw. ihrer Korrektur. So realisierte der Künstler im Rahmen der Land Art Ende der 1960er Jahre einige temporäre Interventionen, die das Problem der Wahrnehmung auf poetische Weise sichtbar machten. Günter Baumann hat sich seine erstaunlichen Werke angesehen.

Sicherheit ist nirgends: Das gilt in besonderem Maß für die Bilder von Jan Dibbets aus der Serie »Land-Sea: Horizon«. Dabei sind die Inhalte denkbar überschaubar, setzen sie sich doch allein aus einer Dünen – und einer Meerlandschaft zusammen – zwei getrennte Bildausschnitte, deren einzige Gemeinsamkeiten die Horizontlinie und der darüber liegende Himmel sind. Die Dünenbepflanzung zeigt keine Auffälligkeiten, das Meer ist von einem schmalen Wellenkamm durchzogen, der jedoch keine Anzeichen von einer unruhigen See gibt. Alles wäre vollkommen unspektakulär, wenn nicht das Format der Komposition oder die Horizontlinie jeweils gegen den Strich gebürstet worden wären. Liegt das Bildformat in einem ordentlichen Rechteck vor dem Betrachter, fällt die Linie abschüssig nach unten – einmal das Grasland, einmal das Wasser hälftig im raumfüllenden Bildfeld; oder der Horizont verläuft in der Waagerechten, während das Bildrechteck schief steht, wobei die Schräge unterschiedlich steil ausfällt, wie auch das Rechteck in Breite und Höhe differiert; oder das Bild besteht aus einem durch die Grenzlinie zwischen Land und See markierten Rechteck und einem im rechten Winkel dazu stehendem Quadrat; oder das Bildquadrat zerfällt in zwei Quadrate, die in der Senkrechten oder diagonal zueinander verschoben sind oder sich ganz voneinander gelöst haben, so dass aber sogar hier noch die Linie des Horizonts im Lot bleibt. Es scheint unzählige Varianten zu geben, die die Wahrnehmung irritieren, wohingegen dieser Horizont sich wie ein ehernes Naturgesetz zu erhalten versucht und selbst in der Schieflage die durchgängige Fassung nicht verliert.

Der Niederländer Jan Dibbets feiert in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. Über die Bekanntschaft mit Richard Long kam er mit der Land Art in Berührung, die leider etwas aus dem Blick der Öffentlichkeit geraten ist, obwohl die Einzelvertreter wie Walter de Maria, Mike Heizer oder Robert Morris immer wieder von sich reden machen. Als Vertreter einer Richtung nimmt man sie nur selten wahr, wobei Dibbbets insofern noch eine Sonderstellung einnimmt, als er das Land bzw. Wasser fotografisch bearbeitet, während die anderen jeweils auf eigene Art dortselbst Hand anlegen. Der documenta-Teilnehmer von 1972, 1977 und 1982 sowie Teilnehmer der Biennale in Venedig 1972 und 1988 ist durch seine Professur in Düsseldorf mit Deutschland verbunden, was sich viel zu selten auch in Einzelausstellungen hierzulande niedergeschlagen hat – da wurde er eher zwischen New York und Tokio wahrgenommen. Das macht die Ausstellungstour seiner New Horizons / Land + Sea umso wertvoller, die das Werk von Paris über Den Haag nach Chemnitz – wo man schon 1997 ein Auge darauf hatte – und nun nach Heilbronn kam. Bezeichnend allerdings, dass hier eher kleine Museen sich seiner angenommen haben.

Folgt man dem Werk von Dibbets in die Vergangenheit, entdeckt man einen Künstler, der Perspektivkorrekturen vor Ort vornimmt, in den 1960ern noch mit dem Bulldozer, später dann konzeptionell. Interessant ist für ihn die Horizontlinie, da sie innerhalb der Landschaftsdarstellung perspektivlos ist. Der Seriencharakter wird übrigens nicht nur über den minimalen inhaltlichen Konsens erreicht, sondern auch über Collagendarbietung über einem Blatt Papier, das mittels einer Bleistiftumgrenzung des Fotos den Anschein eines Passepartouts erhält. Dadurch wird Dauer signalisiert, die noch im stillen unbeugsamen Motiv des Horizonts wiederholt wird. So mag es denn nirgends wirkliche Sicherheit geben, einen Halt gibt es allemal – die bloße Existenz des Horizonts wird bei Dibbets zum Hoffnungsschimmer, auch wenn er nur eine teilnahmslose Linie ist.