Rezensionen

Jean–Philippe Delhomme, Jean–Marc Savoye: Die sonnigen Tage der Villa Savoye. Birkhäuser

Die Villa Savoye ist eine Ikone der modernen Architektur. Wer aber waren Eugénie und Pierre Savoye, die das Haus bauen ließen? Warum beauftragten sie Le Corbusier? Und wie lebten sie? Der Enkel Jean–Marc Savoye erzählt die Geschichte der Villa und der Bewohner anhand von Dokumenten und Familienerinnerungen. Jean–Philippe Delhomme illustriert die Baustelle, den Alltag, die Kriegszeit, die Nutzung als Scheune und die Rettung vor dem Abriss. Katja Weingartshofer hat sich auf Gedankenreise dorthin begeben.

Cover © Birkhäuser
Cover © Birkhäuser

 Wohnmaschinen und luxuriöse Stahlrohrmöbel, Fortschritt und Funktionalität. Le Corbusiers (1887–1965) Bauten bestärken die moderne Lebensweise ihrer Bewohner*innen. Seine Villen sind vom funktionalen Luxus geprägte Lebensräume, sofern erhalten, gelten sie heute als Ikonen der modernen Architektur. Eine davon ist die Villa Savoye in der nicht weit von Paris gelegenen Stadt Poissy. Für das vorliegende Buch hat sich Jean–Marc Savoye, Enkel der Auftraggeberin Eugénie Savoye, in die Geschichte des Hauses vertieft. Begleitet wird die persönliche Erzählung von Fotografien, Briefwechsel, Bauplänen und Zeichnungen. Jean–Philippe Delhomme illustriert die entscheidenden Phasen der Geschichte der Villa und macht das Buch somit zu einer ganz speziellen Monografie. Denn: Seine Zeichnungen sind mehr als schmückendes Beiwerk, sie sind Bestandteil der Geschichte, die Jean–Marc Savoye schildert.

Eugénie Savoye, die Großmutter des Erzählers, ist sich einer Sache sicher: das Haus ihrer Familie soll von Le Corbusier erbaut werden. Sie entscheidet sich bewusst für Modernität. Im Sommer 1928 beginnt sie ihr Auftragsersuch mit folgendem Satz: »Sehr geehrter Herr Le Corbusier, hier die wesentlichen Details, die ich im Landhaus vorzufinden wünsche. Zunächst einmal möchte ich das Haus in einigen Jahren vergrößern können, ohne es zu verunstalten (…)«. Eugénie Savoye weiß, was sie will. Als Bauherrin hat sie genaue Vorstellungen von dem Einfamilienhaus, das sie mit den Ihren bewohnen will. Diese Villa soll kein Mäzenatenwerk, sondern ein Landhaus für eine glückliche Zeit mit Familie und Freunden werden.
Jean–Marc Savoye beschreibt die Situation im Sommer 1928 folgendermaßen: »Meine Großmutter ist nun eine schöne Frau von 40 Jahren. Ihr Ehemann erfährt mit seinen 48 Jahren einen fulminanten Erfolg. (…) Der Himmel ist wolkenlos, die Zeit unbeschwert, und so werden sie auch ihrem Haus den Namen `Les Heures Claires´ geben.«
Im Sommer 1930 beziehen Pierre und Eugénie Savoye mit ihrem Sohn Roger das Haus. Die »sonnigen Stunden« sollten jedoch nicht lange anhalten: Bereits nach wenigen Jahren gibt es Probleme mit der Heizung, das Flachdach hat undichte Stellen. Le Corbusier verspricht zwar Reparaturen, unternommen wird allerdings nichts. 1940 wird die Villa Savoye von den Deutschen beschlagnahmt. Erst 1947 bekommt die Familie Savoye das Haus in komplett verfallenem Zustand wieder. Sie entscheiden sich gegen eine Sanierung, weil sie wissen, dass sich auch damit die schwerwiegenden Probleme des Heizens und der Dichtheit nicht bessern würden. So wird das Haus in einen landwirtschaftlichen Betrieb umgewandelt. Heute erlebt die Villa Savoye wieder sonnige Stunden: Seit 2016 ist sie in der Liste des UNESCO–Weltkulturerbe eingetragen.

Auch wenn das Buch keine Betrachtung in situ ersetzt, gibt es einen guten ersten Einblick in die Architektur und Geschichte der Villa Savoye. Le Corbusiers architektonische Formensprache, die er für bürgerliche Villen einsetzt, lässt sich an den ausgewählten Entwürfen und Zeichnungen deutlich ablesen, dazu zählen die Fensterbänder (fenêtre en longueur), die freistehenden Stützen (pilotis) und der Dachgarten. Der Architekt selbst wird mit seiner markanten schweren schwarzen Brille und seinen edlen Anzügen von Jean–Philippe Delhomme treffend illustriert. Ganz besonders ist der sowohl grafisch als auch fotografisch abgebildete legendäre Blick vom Schlafzimmer auf das Badezimmer mit dem in Mosaik ausgearbeiteten Bade– und Ruhebereich. Da das Haus auf Stelzen gebaut ist, gibt es ausreichend Platz für die Automobile der Familie (Le Corbusier teilt die Begeisterung für das moderne Fortbewegungsmittel mit der Familie Savoye). Zweifellos setzt der Architekt die Bedürfnisse dieser modern denkenden Familie um. Doch die Frage, ob sie mit dem Haus glücklich waren, lässt sich nur schwer beantworten. Dokumente in Form von Fotos oder Briefen, die sich dazu äußern, sind nicht erhalten.

»Die sonnigen Tage der Villa Savoye« ist ein wunderbarer Dreiklang aus persönlicher Erinnerung, Quellenaufarbeitung und kunstvoller Bebilderung. Durch die Schilderungen von Jean–Marc Savoye und die pointierten Illustrationen von Jean–Philippe Delhomme wird die Geschichte dieser Architekturikone lebendig erzählt. Das handliche Querformat, die charmanten Zeichnungen und die Kürze des Bandes machen die Lektüre zu einem kurzweiligen Genuss.

Die sonnigen Tage der Villa Savoye.
Autor: Jean–Marc Savoye
Illustrationen: Jean–Philippe Delhomme
Verlag: Birkhäuser
60 Seiten
ISBN/EAN 978-3-0356-2060-3

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