Buchrezensionen

Jean Baptiste Henri Savigny, Alexandre Corréard: Der Schiffbruch der Fregatte Medusa. Ein dokumentarischer Roman aus dem Jahr 1818, Matthes & Seitz 2018

Der Bericht des Offiziers Jean Baptiste Henri Savigny und des Ingenieurs Alexandre Correard ist wohl einer der schaurigsten, den die Schifffahrt zu bieten hat. Obendrein beschreibt er ein Drama, das man sich schwerlich vorstellen kann und das zugleich eines der eindrücklichsten Gemälde der Kunstgeschichte inspirierte: Géricaults »Das Floß der Medusa«. Stefanie Handke hat die Neuausgabe des Berichts gelesen.

Man kann es wohl als ikonisch bezeichnen, das Bild Géricaults, auf dem keine zwanzig menschliche Wesen zu sehen sind; mit zerrissenen Kleidern verzweifelt, manche in stumpfer Depression harren sie auf einem Floß aus, einige winken einem winzigen Punkt am Horizont und auch Leichen sind unter den dargestellten Körpern. Ungeheuerlich ist auch heute noch der Hintergrund: Der Schiffbruch der Fregatte Méduse, in dessen Folge fast 150 Passagiere und auf einem eilig aus Schiffsplanken gezimmerten Floß ausharren mussten – und die Toten aßen, um zu überleben, bis schließlich nach annähernd zwei Wochen nur noch 15 Überlebende von der Fregatte Argus gerettet werden konnten.

Die Méduse das Flaggschiff eines Konvois, zu dem noch drei weitere Schiffe – die Loire, die Argus und die Echo – zählten und den die französische Regierung in den Senegal geschickt hatte, um die von England zurückgegebene Kolonie in Besitz zu nehmen und zu verwalten. Mit der Mannschaft befanden sich fast 400 davon auf der Medusa. Schon früh beschreiben Savigny und Corréard in ihrem Bericht wie der Schiffsverband auf See zerfiel, ebenso wie sie die maroden Befehlsstrukturen an Bord beschreiben und kritisieren, denn nicht der Erste Offizier beriet den Befehlshaber Hugues Duroy de Chaumareys, sondern einer der Passagiere, Antoine Richefort, keinesfalls ein Seemann. Darüber hinaus beschreiben sie verspätete Rettungsmanöver über Bord gegangener Matrosen sowie Navigationsfehler, und so verwundert es den Leser kaum, dass nach einer Reihe von Fehlentscheidungen die Fregatte Medusa auf der Arguin-Sandbank auf Grund lief.

Scheinbar wollten es de Chaumareys und Richefort nicht einsehen, nun doch einmal auf die Offiziere der Fregatte zu hören, und die Versuche das Schiff wieder flottzumachen, blieben so chaotisch wie die Navigation. Auch verboten die Befehlshaber Ballast wie die Kanonen der Fregatte über Bord zu werfen – es kam, wie es kommen musste: Das Schiff musste aufgegeben werden. Keinesfalls wollte man aber ein Beiboot in den kürzlich verlassenen Hafen von St. Louis senden, ebenso wurden weitere Möglichkeiten bis auf die völlige Evakuierung des Schiffes verworfen. Da die Beiboote nicht reichten, entwarf man ein Floß, das aus den Planken des Schiffes gefertigt wurde, sodass die sechs Beiboote und das Behelfsgefährt am Morgen des 5. Juli in See stießen. 17 Menschen wurden auf der Medusa zurückgelassen, weil sie sich weigerten das für 200 Mann viel zu kleine Floß zu besteigen – auch hier also Chaos. Die Boote, die es ziehen sollte, waren freilich nicht in der Lage, sie drohten sich zu rammen und kappten schließlich allesamt die Leinen zum Floß, sodass das Unglück seinen Lauf nahm. Bereits in der ersten Nacht gingen laut Savigny und Corréard 20 Mann über Bord, es gab Kämpfe um die einigermaßen sicheren Plätze in der Mitte des Floßes, irgendwann blieb Wein als einziges Lebensmittel übrig, sodass den immer weniger werdenden Überlebenden nichts anderes übrig blieb als ihre toten Kameraden zu essen. Correard und Savigny beschreiben fortan wie die Zahl der Passagiere des Floßes immer weiter abnimmt – wer soll denn auch so überleben? – bis die Argus schließlich nur noch 15 Überlebende retten kann, von denen weitere fünf innerhalb weniger Tage verstarben.

Der Bericht der beiden Mitglieder der Senegal-Reise ist hier noch nicht zu Ende; sie berichten weiter von den Bemühungen um die Inbesitznahme der Kolonie. Allein, dieser erschreckende Teil des Berichts bleibt wohl dem Leser am meisten in Erinnerung. Ergänzt wird er dankenswerterweise von zwei Essays. Johannes Zeilinger untersucht die politische Dimension der zahlreichen Verfehlungen an Bord der Medusa; bezeichnend etwa seine Einschätzung des Kommandanten de Chaumareys: »Königstreue war seine einzige Qualifikation« (S. 149), Erfahrungen als Kommandant hatte er nicht, er handelte entgegen seiner Anweisungen und und und. Obendrein beschreibt er das Nachbeben der Ereiignisse rund um den Schiffbruch: Der Gouverneur von St. Louis weigerte sich angesichts des Zustandes der Überlebenden aus den Beibooten und vom Floß die Verwaltung abzugeben, sodass eine neue Mission entsandt werden musste, Savigny forderte eine Entschädigung der Hinterbliebenen der Opfer und machte die Ereignisse öffentlich. Das Kriegsgericht verurteilte den Kapitän de Chaumareys immerhin zu drei Jahren Festungshaft und erkannte ihm seine bürgerlichen Rechte ab.

Jörg Trempler liefert eine kunsthistorische Einschätzung des »Floß der Medusa«. Seine Leitfrage, ob es sich hierbei um ein Nachrichtenbild handelt, untersucht er von verschiedenen Seiten her: Er belegt, dass nicht nur gemalter Kunst, sondern auch Pressefotos nicht immer unbedingte Authentizität attestiert werden kann, anhand der Diskussionen um Robert Capas »Tod eines Milizionärs«. Ebensowenig wie manches Pressebild kann auch Géricaults Gemälde authentisch sein – aber auch ebenso sehr. Insbesondere im Vergleich mit Joseph Vernets »Der Tod der Virginie« und Anne-Louis Girodet-Triosons »Die Sintflut« arbeitet er die hybride Stellung des Bildes jenseits von Genrebild, Historienmalerei und Tagesgeschehen. Nein, Géricault ging mit der Darstellung dieser unsäglichen Katastrophe über die Genregrenzen ebenso hinaus wie über klassische Darstellungsformen für derlei Ereignisse.

Mit der Neuauflage des Berichtes vom Schiffbruch der Medusa und den beiden Essays liefert Matthes & Seitz neben der gewohnten bibliophilen Qualität das Zeugnis schlechthin eines Mythos der Neuzeit. Erschreckend bleibt der Bericht auch beim erneuten Lesen; zugleich lässt er aber die armen Seelen auf dem »Floß der Medusa« lebendiger werden.