Ausstellungsbesprechungen

Jens Klein, JVA Magdeburg

Eine Annäherung an das Projekt > JVA Magdeburg <. Ein Jahr lang verfolgt Jens Klein im Projekt JVA Magdeburg eine Auseinandersetzung mit einem Ort, der die Strukturen, Hierarchien und Abhängigkeiten unserer Gesellschaft in einem eigenen Mikrokosmos widerspiegelt, der sich aber am Rande dieser befindet.

Diese Beschäftigung kann als eine thematische Fortführung der Arbeit des Künstlers gesehen werden, die sich in die sozialdokumentarische Traditionslinie der Fotografie einordnen lässt. Bereits mit der Serie Menschen in Taboras (2003) – Fotografien, die in einem Roma-Dorf, nahe der litauischen Hauptstadt Vilnius, entstanden sind – widmet er sich einem Ort, an dem Menschen leben, die Außenseiter der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind. Das JVA-Projekt thematisiert eine andere soziale Gemeinschaft, deren Dasein wir ebenso aus unserem alltäglichen Leben auszublenden versucht sind. Oft existiert von solchen Randgruppen im öffentlichen Bewusstsein ein Bild, das durch Vorurteile oder Ignoranz geprägt ist. In beiden Arbeiten ist der Fokus auf den Menschen und sein räumliches Umfeld gerichtet – ohne den Ort zu werten, ohne ihn zum Schau-Platz werden zu lassen.

 

Im Ergebnis der Auseinandersetzung mit dem Lebensraum Gefängnis stehen zwei autarke Komplexe: die Fotografien und die Gesprächsprotokolle. Ihre Eigenständigkeit spiegelt sich vom Einsatz der verschiedenen Medien bis hin zur Präsentation wider. Bei den Fotografien wird auf einen kommentieren Begleittext verzichtet, hingegen erscheint der Katalog mit den Gesprächsprotokollen gänzlich ohne Bilddokumente. Der Zusammenhang zwischen Text und Bild ist aufgehoben, damit wird die Dekonstruktion zu einem bestimmenden Prinzip der Arbeit.

 

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I.

 

Die Fotografien, circa 40 C-Prints, sind Handvergrößerungen vom Mittelformat. Es handelt sich um Portraits der Inhaftierten und Bediensteten, Sachfotografien persönlicher Gegenstände sowie Innen- und Außenansichten der Justizvollzugsanstalt.

Die Aufnahmen wirken ruhig, fast statisch. Das Moment der Bewegung vermittelt nur ein einziges Mal in dieser Serie eine durch das Bild laufende schwarze Katze.

Das Prinzip der Dekonstruktion findet sich in der einzelnen Aufnahme wieder. Es stellt sich  unter anderem in der Isolation der einzelnen Sujets dar; aufgenommen mit einer analysierenden Kamera, die eine sachlich Distanz und zugleich eine große optische Nähe zum Gegenstand hat. Nirgends gibt es eine eindeutige Zuordnung, Zusammenhänge und Verbindungen können beliebig gebildet und zu einem Gesamtbild verdichtet werden. Die Besonderheit liegt in der Verweigerung einer verifizierbaren Zuordnung. Ein mit Beliebigkeit zu variierendes Bild lässt sich denken – kein Puzzle, bei dem jedes Teil einen ganz bestimmten Platz einnehmen muß.

 

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Der Eindruck von Authentizität, die der dokumentarische Stil vermittelt, wird durch den Einsatz der Farbe verstärkt. Die auf den ersten Blick sehr sachlich erscheinenden Fotografien sind aber mehr als bloße Abbildung der Wirklichkeit, sie fordern den Betrachter auf subtile Weise zum Dialog heraus. Nicht moralisierend, nicht bewertend zeigen sie ohne technische Manipulation und aufwendige Inszenierung den Ort und die Menschen mit der ihnen eigenen Würde. Die konzeptuell angelegte Gleichwertigkeit der Darstellung unterstreicht den künstlerischen Aspekt der Arbeit. Sie findet sich in fast allen Fotografien wieder. Die Umsetzung gelingt Jens Klein durch die zentralperspektivische Kameraposition, den Verzicht auf zusätzliche Lichtquellen, das Nutzen der gleichmäßigen Ausleuchtung der Innenräume mit Kunstlicht, welche das Ausschließen eines dramatisierenden Licht-Schatten-Spiels bedingt, und die mehrfach wiederkehrende symmetrische Bildkomposition.

 

Inhaftierte wie Bedienstete werden ohne Unterschied gleichartig abgelichtet. Zusätzlich verstärkt das bewusste Auslassen der Namen der Portraitierten das Ausblenden jeglicher von außen gegebener Individualität und Identität. Diese erhalten sie einzig durch ihre formatfüllende Abbildung zumeist in Frontalansicht. Die Dekonstruktion erfolgt hier durch eine Herauslösung der Personen aus ihrem konkreten räumlichen Umfeld: Bildhintergründe bleiben als reine Farbflächen unbestimmbar beziehungsweise tiefe Raumfluchten und anonyme Spindtüren lassen keine nähere Bestimmung zu – der Lebensraum Gefängnis wird nicht vordergründig thematisiert. Diese kontextuelle Isolation negiert eine Narration und fordert eine Konzentration auf die Person. Einzig der Mensch steht im Mittelpunkt.

Zusätzlich führen dieser Aspekt sowie der direkte Blick in die Kamera, die leichte Untersicht, die Präsenz der Fotografierten und ihre offene Haltung die Arbeiten über eine reine Dokumentarizität hinaus und verleihen ihnen einen Ausdruck von stiller Intensität und Eindringlichkeit, ohne beim Betrachter an ein Gefühl persönlicher Betroffenheit zu appellieren.

 

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Die Sachfotografien der persönlichen Gegenstände im Stil von Werbeaufnahmen verwehren durch ihre ästhetisierende Inszenierung des Bildobjektes die Verknüpfung mit einer individuellen Geschichte oder Person. Der weiße Bildhintergrund steigert bis zur Absolutheit den Eindruck von Isolation.

 

Nichts Voyeuristisches haben auch die Aufnahmen der Zellen. Sie zeigen verschiedene Räume, ohne deren Intimsphäre preiszugeben. Kleine Details, wie unter dem Bett stehende Schuhe, die Rose neben der Tabakdose auf dem Tisch, die Pinnwand mit Fotos und Zeichnungen verstärken die Wahrnehmung des Raumes als einen persönlichen Ort. Die Situation des Eingesperrtseins wird auch hier nicht ausdrücklich thematisiert. Die Fenster sind Quelle des natürlichen Lichtes, das Gitter vor ihnen wird durch das starke Gegenlicht nur als verschwommene, sich auflösende Struktur wahrnehmbar.

Die anderen Innenraumaufnahmen zeigen ebenso wie die Bilder des mit Grün belebten Hofes weitere herausgelöste Einzelheiten des Gesamtbildes, ohne dem Betrachter einen Rahmen oder eine Verortung vorzugeben.

Die Fotografien sind Zeugnisse einer subjektiven Sicht auf den Gegenstand.

 

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II.

 

Die Idee einer Befragung gehört von Beginn an zum Konzept des Projektes. Die Gesprächsprotokolle sind als Ergänzung zu den Fotografien gedacht. Sie sind Träger von Information, die die Bilder nicht geben können und auch nicht wollen. Der Ort wird so greifbarer und gegenwärtiger. Entstanden sind sie parallel zu den fotografischen Aufnahmen. Dokumentiert auf Mini-Disk erscheinen die Protokolle in einer vorliegenden Publikation als Transkription des gesprochenen Textes. Reduziert auf die Berichte und Antworten der Befragten, gehen sie, ebenso wie die Fotografien, über das reine Dokumentieren hinaus und vermitteln ein hohes Maß an Authentizität. Dieses wird durch die Aufzeichnungen sehr persönlicher Anschauungen und vor allem den individuellen sprachlichen Ausdruck erzielt. Die Berichte von Inhaftierten und Bediensteten sind Schilderungen der Lebenswege und des Haftalltags - reflektiert werden das eigene Handeln, die unterschiedlichen Meinungen zum Strafvollzug und die Wirkung der Institution Gefängnis nach außen. Es sind sachliche Aussagen, emotionale Äußerungen, kritische Wertungen, das eigene Verhalten, die Gesellschaft oder den Vollzug betreffend. Der Erzählmodus selbst scheint eine offene Gesprächssituation widerzuspiegeln. Einen feststehenden Fragekatalog gibt es nicht. Auch wenn bestimmte Themen wiederholt auftauchen, z. B. die Frage nach dem Begriff von Freiheit oder der Motivation der eigenen Beteiligung an diesem Projekt. So hat sich der inhaltliche Verlauf der Unterhaltung oft situationsbedingt entwickelt, das momentan Wichtige und Bedeutende gibt dem Interview die Richtung.

 

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Den Äußerungen der Inhaftierten lässt sich meist ihre Entwicklung und der Grund ihrer Haft entnehmen. Sie beschreiben aus der eigenen Sicht ihr „Ding“, ihr persönliches Schicksal. Das Spektrum der Darstellung reicht von unreflektierten Aussagen bis hin zu selbstkritischen Äußerungen. Familiäre Verhältnisse werden ebenso skizziert wie der Umgang mit der Situation des Freiheitsentzugs. Dabei nimmt häufig das Draußen einen wichtigeren Platz ein als die Auseinandersetzung mit den Haftbedingungen. Die schwer zu realisierende Trennung von der Familie, von Freunden, der Kontaktabbruch zur Außenwelt, der Umgang mit Drogen in und außerhalb der Justizvollzugsanstalt werden thematisiert - also sämtliche Probleme, die der Strafvollzug für sie mit sich bringt. Aber auch Gedanken an das, was nach dem Tag der Entlassung kommt, werden formuliert. Sie sind einerseits durch Skepsis an der eigenen Veränderungsfähigkeit und dem damit verbundenen Wissen um die Ausweglosigkeit einer beständigen Wiedereingliederung in die Gesellschaft und andererseits durch den Willen zu bestehen und neu zu beginnen charakterisiert.

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Bei den Bediensteten stehen die Fragen nach dem Besonderen ihrer Tätigkeit, dem Umgang mit den täglichen Arbeitsproblemen, ihren Strategien, Stresssituationen zu verarbeiten, nach der Lockerung der Beschränkungen für die Inhaftierten versus  härterer Reglementierung der Haftzeit im Zentrum. Ebenso werden die Differenzen im Strafvollzug der beiden unterschiedlichen Gesellschaftssysteme beleuchtet. Vorschläge für Veränderung innerhalb des Gefängnisalltags, die von einem Interesse an der eigenen Arbeit zeugen, werden diskutiert, die eigene Motivation für eine Tätigkeit im Justizwesen beschrieben und das Verhältnis zu den Straffälligen dargestellt. Unterschiedliche, zum Teil streitbare Positionen werden deutlich.

 

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In Korrespondenz zu den Fotografien ist auch bei den Gesprächsprotokollen formal durch die Art der Darstellung eine Gleichwertigkeit der einzelnen Personen gegeben. Die Funktion der kontinuierlich eingesetzten Zentralperspektive als Stilmittel übernimmt hier die immer gleiche Einleitung der Aufzeichnungen: Vorname, Name, Datum des Gesprächs. Diesen Angaben folgen weitere persönliche Informationen zu Alter, Familienstand, Geburts- beziehungsweise Wohnort, die der Interviewte selbst formuliert.

Dekonstruierende Momente finden sich auch in diesem zweiten Komplex des Projektes. Durch die Namenlosigkeit der fotografisch Portraitierten bleibt dem Leser die Zuordnung des Textes zu einer abgebildeten Person versagt. Des weiteren ist die Zusammenstellung der Interviews durch eine offenen Ordnung charakterisiert - in beliebiger Reihenfolge wechseln Aussagen von Inhaftierten und Bediensteten -, erst inhaltlich erschließt sich die Stellung der Befragten.

 

Dieses Prinzip der Dekonstruktion, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Projekt JVA Magdeburg von Jens Klein zieht, eröffnet Denkräume, die mit eigenen Assoziationen gefüllt werden können, vorausgesetzt man lässt sich auf einen Dialog mit den Fotografien und Texten ein. Es korrespondiert mit dem Prinzip der Akzeptanz des Anderen, der Wahrung von Würde und Achtung der Individualität.

Weitere Informationen

erste, nichtöffentliche Präsentation der Ausstellung

11.05. – 16.05.2006

JVA Magdeburg, Magdeburg, Halberstädter Straße 8a

 

öffentliche Ausstellung

18.05. – 19.06.2006, täglich 10 – 20 Uhr, Eintritt kostenfrei

Vernissage: 18.05.2006, 20 Uhr

MDR Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt, Magdeburg, Stadtparkstraße 8

 

Kontakt

Jens Klein

Telefon: +49 176 23515495

E-mail: jva.magdeburg@jensklein.com

Web: www.jensklein.com

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