Buchrezensionen

Jens Nolte: Aufwacken, Kerber Verlag 2016

Heute ist es wieder so weit: Das Wacken Open Air (W:O:A) beginnt und zehntausende Metalfans pilgern in das schleswig-holsteinische Kuhdorf. Denn das Festival ist längst Legende und eben nicht nur ein lautes Spektakel, sondern ein ganz eigener Kosmos. Fotograf Jens Nolte hat ihm ein Denkmal gesetzt und Stefanie Handke hat sich das Ganze angesehen.

»Los, aufstehen! Rucksack? Gepackt! Zelt? Verstaut! Bier? Kalt?« Damit umreißt Boris Kaiser from Rock Hard Magazin eigentlich schon die zentralen Aspekte des Phänomens »Metalfestival«. Sauber und ordentlich geht es dabei nicht zu, wichtig sind: Klamotten, die auch drei Tage Regen und Schlamm überleben, eine Schafgelegenheit, landläufig »Zelt« genannt und natürlich kühle Getränke. Und Jens Nolte nun setzt diesem Kosmos aus Musik, Bier und tagelangem Feiern in der schleswig-holsteinischen Provinz ein künstlerisches Denkmal. Dafür hat er einen Blog aufgesetzt und nun also auch ein Buch über DAS Metalfestival schlechthin: das Wacken Open Air.

Darin nähert er sich dem für Außenstehende wohl oft unverständlichen Phänomen W:O:A nicht nur an, nein Nolte taucht bildlich ein. Und so sind seine Bilder manchmal scharf, häufig unscharf, verschwommen – ganz wie eine laute Festivalnacht. Er porträtiert mal ein Einhorn beim Stagediving, mal die Menge vor der Hauptbühne, übermüdete, schlafende, feiernde Fans. Und so tauchen da oft reichlich zerstörte Gestalten aus dem Dunkel auf, ein einzelner Spot erhellt verschwommen die Dunkelheit, ein nicht klar zu erkennendes Wesen gibt sich ganz der Musik hin beim Headbanging. Und auch schlammverkrustete Beine, unendlich scheinende Pfützen, all der Schmutz an verregneten Festivaltagen taucht auf. Dixies sind unvermeidlich, natürlich. Oh, und es soll gar Fans geben – so sieht man es bei Nolte – die doch allen Ernstes mit einem Wohnwagen nach Wacken fahren.

Der Fotograf hat alles zu bieten: intime Nahaufnahme von Schlafenden, aber auch wache und einem bestimmten Konzert lauschende Fans sind da zu sehen. Manche lauschen andächtig, andere feiern, bangen, tanzen, schreien mit. Dann wieder finden sich Aufnahmen vom Zeltplatz, die das bunte Treiben mit spaßigen Tiermasken, mit Grill, Tinnef und kreativen Aufbauten dokumentieren.

Faszinierend sind dabei natürlich vor allem die Nachtaufnahmen. Da sieht man zuweilen ausschließlich Schwärze und zwei Augen tauchen daraus auf. Schlafende Schönheiten scheinen in ihrem eigenen Haar zu ertrinken. Langhaarige Wesen geben sich der Musik hin. Noltes Bildsprache ist eine unmittelbare, er ist ganz offensichtlich Teil der Menge, taucht ein, lebt das Phänomen. Anders kann sich Robert Scharf es sich im Vorwort auch nicht erklären, dass dem Fotografen solch intime und zugleich respektvolle Bilder gelungen sind.

Durchsetzt werden diese faszinierenden Nachtporträts von Aufnahmen aus dem Festival-Camping-Alltag. Da tauchen dann die unvermeidlichen Müllcontainer auf, ebenso wie das Meer aus Zelten, Autos und Wohnwagen, das jedes Jahr die Wackener Äcker flutet. Zwischendrin die nahezu lyrischen Aufnahmen eines windgeformten Baumes mit ineinander verworrenem Geäst und eine gekreuzigte Puppe. Alles irgendwo zwischen Radikalität von Bild (und Musik), Nähe und sogar einer feinen Prise Humor. Denn am Ende geht es doch vor allem um den gemeinsamen Spaß der Fans.

Und im Anhang? – Ja, es gibt tatsächlich einen Anhang! – dort ordnet Der Fotograf jedem einzelnen Bild das Konzert zu, vor, während oder nach dem (er lässt uns über den genauen Zeitpunkt im Unklaren) er es geschossen hat. Da ist die Verbindung zur Musik dann ganz präsent und doch bleibt das ein wenig surreal – was hat der halbnackte Typ da mit Steel Panther zu tun? Oder die fast schon als Trümmerfeld zu bezeichnende Landschaft, die die Fans am Ende des Wacken Open Air hinterlassen mit Black Label Society? Das klärt Nolte freilich nicht auf, das ist nicht seine Aufgabe.

Nolte gelingt mit »Aufwacken« die bildnerische Inszenierung eines Phänomens, das seines gleichen sucht. Das ist auf den ersten Blick natürlich für Fans interessant, aber auch Nicht-Metalheads könnten daran ihre Freude finden – an den intimen und unmittelbaren Bildern, an den oftmals absurden Sujets und Bezügen, etwa wenn der rosa Einhorn-Luftballon mit Pagan Blues, einer Indie-Band, in Zusammenhang gebracht wird und an den faszinierenden Porträts der Fans. Dafür muss man auch kein Fan sein – obwohl das natürlich hilft.