Buchrezensionen, Rezensionen

Jessica Nitsche: Walter Benjamins Gebrauch der Fotografie, Kulturverlag Kadmos 2011

Ein erster Blick auf den Nachlass von Walter Benjamin legt nicht unbedingt nahe, dass das Medium der Fotografie für sein Schreiben von grundlegender Bedeutung war. So schreibt Jessica Nitsche in der Einführung ihres Buches. Weder sei er Autor eines großen Werkes über Fotografie, noch habe er selbst fotografiert. Dennoch kann sie ausführlich darlegen, dass dieser Bezug auf multiple Weise, auf unterschiedlichen Ebenen Eingang in sein Schaffen fand: als theoretische Apparatur die weit über das rein Technische hinausging. Ulrike Schuster hat das Buch gelesen.

Die Medien-, Kultur- und Literaturwissenschaftlerin, die ihre Studie 2009 als Dissertationsschrift an der Goethe-Universität Frankfurt vorlegte, hat die Konvolute des Benjamin’schen Œuvres akribisch durchgearbeitet. Nur ein kleiner Bruchteil davon betrifft die Fotografie im engeren Sinne. Die ausführlichste Niederschrift zum Thema, die 1931 erschienene »Kleine Geschichte der Photographie«, umfasst gerade einmal 16 Seiten. Benjamins prominenteste Äußerungen finden sich zweifelsohne in seinem berühmten Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« (1935/36), der jedoch in dieser Hinsicht häufig missverstanden wurde. Dessen Kernaussage wird oftmals dahingehend interpretiert, dass er der Fotografie als künstlerischem Ausdrucksmittel kritisch gegenüberstand.

Doch Benjamin hatte das neue, schöpferische Potential der technischen Bildmedien sehr genau erfasst. Allerdings verurteilte er die Fotografie dort, wo sie mit falschen Mitteln operierte – etwa mittels optischer Eingriffe künstlerische Effekte erzielen wollte oder durch den Einsatz von Kulissen und Staffagen die Malerei imitierte. Beispiele hierfür fand er freilich in der gutbürgerlichen Salonfotografie seiner Kindheit reichlich, und sie kulminieren in seinen hinreißend tragisch-komischen Schilderungen eines Fotoateliers um 1900, die in der Analyse von Nitsche ausführlich zur Sprache kommen. Auf theoretischer Ebene sollte Benjamin daraus schließend konstatieren, dass die Fotografie nach einer kurzen Blüte im ersten Jahrzehnt nach ihrer Erfindung einen rapiden Verfall erlebt hätte.

Die sachliche, unprätentiöse Fotografie der 1920er und 30er Jahre schätzte er hingegen durchaus. Gerade in der Nüchternheit der modernen Aufnahmen fand er jenes »auratische« Vermögen der Bilder wieder, das seiner Auffassung nach der Kunst an anderen Orten abhanden gekommen wäre. Insbesondere faszinierten ihn die Bilder des kongenialen Pariser Fotografen Eugène Atget, der sich bereits seit der Jahrhundertwende auf Alltagsausschnitte und Stadtlandschaften spezialisiert hatte und dabei, so wie Benjamin selbst, die Faszination des Trivialen, Banalen und Peripheren für sich entdeckte.

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In den Fotografien von Atget, aber auch von Sascha Stone, Germaine Krull und anderer Geistesverwandter, fand Benjamin vor, was ihn selbst in seinen Forschungen in immer wiederkehrender Weise beschäftigte: das Lesen von Spuren aus der Vergangenheit, die sich in den scheinbar belanglosen Details eingeschrieben hätten. Nitsche führt aus, dass Benjamin großes Interesse an zeitgenössischen Detektivromanen besaß, was in seiner Rezeption des Stadtraumes auch wiederholt zum Ausdruck kommt. Nicht zuletzt aber unterlegt sie ihren Text mit den großartigen zeitgenössischen Aufnahmen und vergleicht die Arbeit der Fotografen der Moderne mit Beispielen aus der damals noch jungen Disziplin der Dokumentarfotografie in der frühen Kriminalistik.

Nach dieser manifesten optischen Annäherung konzentriert sich Nitsche auf Stil und Inhalt der Schriften Benjamins und dokumentiert, wie sich das Fotografische bei ihm auch als Strategie innerhalb seiner Arbeitsweisen niederschlägt. Das Spektrum reicht von der wortspielerischen Verwendung der Montage (die er sowohl als neues Bildmittel als auch als sprachliche Ausdrucksform schätzte), über die Ausleuchtung geschichtlicher Prozesse bis hin zu den Ansätzen einer eigenen Erkenntnistheorie, die so wie das nie geschriebene Hauptwerk, nicht über das Stadium einer Gedankensammlung hinauskommen sollte. Doch gerade das Fragmentarische erlaubt eine Vielzahlt von Anknüpfungspunkten.

Die schriftlichen Ausführungen Benjamins ergänzt Nitsche mit Querverweisen auf berühmte Denker und Zeitgenossen wie Bert Brecht, Sigmund Freud, André Breton, Sigfried Kracauer oder auch Roland Barthes. Sie versucht, Benjamins Positionen in der Gegenüberstellung im zeitgenössischen medientheoretischen Kontext zu verorten. Zwar ist nicht jeder Vergleich in dieser Hinsicht zwingend überzeugend und nicht jedes Kapitel frei von Längen und Wiederholungen. Doch man gewinnt dadurch zusätzliche profunde Einblicke in die Medientheorie der frühen Moderne, die bereits in vielerlei Hinsicht reich war an brillanten Beobachtungen.

Eine eindeutige theoretische Positionierung des großen Meisterdenkers zum Thema der Fotografie lässt sich anhand der vielseitigen und selten widerspruchsfreien Äußerungen nicht vornehmen. Gewonnen wird damit jedoch der Einblick in eine komplexe Beziehung zwischen der schriftlichen und der bildlichen Welt, die Walter Benjamin auf seinen philosophischen Abenteuern begleitete.