Buchrezensionen, Rezensionen

Joachim Elias Zender: Geliebte alte Bücher. Sammeln - Pflegen - Schätzen. Thorbecke Verlag 2010

Es gibt Bücher, bei denen reicht ein Blick in die Angaben des Verlages zur Ausstattung und Umfang und man bekommt eine Vorstellung davon, was einen erwartet. Das Werk „Geliebte alte Bücher“, von dem in der buchwissenschaftlichen Szene nicht unbekannten Joachim Elias Zender, ist ein eben solches. Ein Halbleinenband im Format 21 x 28 cm, ausgestattet mit einem Lesebändchen, erinnert es in einer Reminiszenz an Zeiten, in denen Bücher noch Wertgegenstände waren und das Wegwerfen selbst des zerlesensten Schmökers als ein gesellschaftliches Unding galt. Jan Hillgärtner ist dem Autor auf seinen Spuren in die Geschichte des gedruckten Buchs gefolgt und berichtet für PKG.

Geliebte alte Bücher, Cover © Jan Thorbecke Verlag
Geliebte alte Bücher, Cover © Jan Thorbecke Verlag

Das Buch - man kann es nicht anders sagen - hat unter bestimmten Gesichtspunkten betrachtet in der Vergangenheit sehr leiden müssen. Wer jemals eine englischsprachige Taschenbuchausgabe eines beliebigen Autoren in der Hand hielt, wird feststellen, wie schwierig und mühsam einem das Gefesselt-Sein eines guten Textes auf rauem und ungestrichenem Papier fallen muss. Das physische Objekt Buch ist die Schnittstelle zwischen dem Inhalt und dem Leser. Betritt man heutzutage eine Buchhandlung und betrachtet das Einerlei an Covern und die vielfach grassierende Lieblosigkeit in der Gestaltung dieser Knotenpunkte, kann einem der Genuss der Literatur oft schwierig vorkommen. Wer möchte es also denjenigen verdenken, die ein ausgelesenes Taschenbuch nach dem Verzehren des Inhalts in den Papierkreislauf wieder zurückführen?
Dass der studierte Papierkurator Joachim Elias Zender einen anderen Zugang zu einem der Leitmedien unserer Gesellschaft hat, leuchtet fast ein. Nachdem er sich in seinem ersten Buch in der Form eines Lexikons mit dem Papier auseinandergesetzt hat, erweitert er nun seinen Fokus auf das historische Produkt Buch. In seiner Abhandlung über die vielen wertvollen Werke der Vergangenheit spannt er einen thematischen Rahmen von der engen Geschichte des Buchs und des Drucks bis zu einem Überblick über Ausstattungsmerkmale, Druckformen und einer Einführung in die Bewertung alter Drucke. Bei der Lektüre ist die Leidenschaft, die Zender gegenüber dem alten Buch als Gegenstand hegt, spürbar. Immer wieder bricht der Ton des Liebhabers und Sammlers in dem informativ gehaltenen Sachbuch durch. Die Liebe, die er gegenüber einem oftmals Jahrhunderte altem Gegenstand aufbringt, ist weder verstaubt, noch ergraut.

Interessant ist sein Ansatz, die Geschichte des Mediums Buch eng an die Geschichte des jeweiligen Beschreibstoffs zu koppeln. So leistet er hier als Fachmann einen nicht zu unterschätzenden Wissenstransfer von der Fachwelt in die Allgemeinheit. Das Material, auf dem Text gespeichert wird, bedingt immer die Form des Buchs, ob nun als Rolle, Codex oder als Massenware, die es mit dem Aufkommen der Druckerpressen und der Industrialisierung wurde. Und immer sind auch an dem Beschreibstoff eine Reihe von Bedingungen im Umgang mit Büchern geknüpft: Lagerung, Pflege und Handhabung haben einen engen Zusammenhang und wer sich für das begeistert, was ihm als Erbstück oder auf Flohmärkten zufiel, der ist immer gut beraten, über den Inhalt hinweg auch auf das Papier zu schauen. In einer logischen Konsequenz führt Zender diesen Gedanken hin zum Thema Bestandserhaltung. Oft genug gehen Bücher nicht nur dadurch verloren, dass sie zerlesen in die Ecke geworfen und vergessen werden, sondern einfach aus dem Grund, dass sie falsch gelagert werden. Was zunächst simpel erscheinen mag, ein Buch hochkant in ein Regal einzustellen, entpuppt sich nach Lektüre von Zenders Hinweisen als nicht mehr so selbstverständlich. Hinweise zum Gebrauch und der Handhabung von Altbeständen und das sachgerechte Entnehmen und wieder Zurückstellen eines Buchs in das Regal sind Dinge, die dem unerfahrenen Besitzer älterer Werke häufig Schwierigkeiten und Ängste bereiten, die der Autor ihm durch sorgfältig erstellte Anleitungen und Zeichnungen nimmt.

Neben einer falschen manuellen Handhabung alter Bücher ist aber auch der biologische Verfall ein großes Problem für diejenigen, die einen solchen Bestand haben und ihn pflegen und erhalten wollen. Ist im ersten Fall lediglich die Kenntnis spezieller Handgriffe und Umgangsformen vonnöten, um die Bücher zu sichern, muss man im zweiten Fall tiefere Kenntnisse von den biologisch-chemischen Vorgängen haben, die das Papier im Zusammenspiel mit Luft, Staub und anderen Umwelteinflüssen dazu bewegen, sich in Stadien der Auflösung zu begeben. Eine knappe Darstellung dieser Prozesse liefert Zender, ohne auf die nötigen Details zu verzichten aber auch ohne die Sachverhalte künstlich zu erschweren. Popularisiert, aber nicht trivialisiert oder verkürzt ist das, was er aus dem bibliothekswissenschaftlichen Diskurs extrahiert und in diesem Sachbuch zur Verfügung stellt.

Für einen historisch und naturwissenschaftlich ausgebildeten Fachmann ist es von großer Schwierigkeit eine allgemeine überblickenden Einführung in die Frage zu entwickeln, welches alte Buch denn wirklich wertvoll ist und welches nicht. An einigen Stellen scheinen diese Hinweise durch, etwa wenn Zender darauf hinweist, auf welche Ausstattungsmerkmale man achten sollte und welche man eher vernachlässigen kann. Hier jedoch eine umfassende Antwort zu geben, ist schlechterdings unmöglich, ist doch der reine Wert eines Kunstwerks, als welches man alte Bücher gerechterweise auch betrachten kann, nur sehr schwer genau zu bemessen. Und für Bücher gilt wohl das gleiche wie für Kunstwerke auf dem Markt: Der Wert ist immer eine variabler, abhängig von "äußeren" Faktoren wie der kunstgeschichtlichen Einordnung des Künstlers, dem Zustand, und aber auch der persönlichen Bedeutung, die man dem Gegenstand zumisst. Eine Investition in dieses Buch jedoch ist auf jeden Fall lohnenswert.