Ausstellungsbesprechungen

Joakim Eskildsen, Die Romareisen

Mit der Ausstellung »Die Romareisen« präsentiert die Robert Morat Galerie bis zum 8. April 2008 die fotografischen Arbeiten des 1971 in Kopenhagen geborenen Künstlers Joakim Eskildsen. Sechs Jahre lang, zwischen 2000 und 2006, reiste der Fotograf gemeinsam mit seiner Frau, der Schriftstellerin Cia Rinne, mit Roma– und Sinti–Familien durch Europa und Indien. Die Roma, Sinti, Calé und andere Volksgruppen, die häufig unter dem Begriff »Zigeuner« subsumiert werden, bilden die größte ethnische Minderheit Europas.

Sie wurden in ihrer Geschichte diskriminiert, verjagt, versklavt und ermordet – sogar heute begegnet man ihnen noch, wie der meist negative Gebrauch des Wortes »Zigeuner« beweist, im besten Fall mit Argwohn.

Indem Joakim Eskildsen und Cia Rinne viel Zeit mit diesen Familien verbrachten, konnten sie einfühlsam vom Leben, vom Alltag und von der Kultur eines Volkes berichten, das über den ganzen Globus verteilt lebt. Die dabei entstandene Fotoserie ist somit ein sehr persönliches Dokument der Annäherung.

Die Fotografie »Venus und Mucusoara« demonstriert dieses vorsichtige Herantasten und die offene Begegnung Eskildsens mit den Menschen. Eine vergilbte Schwarz–Weiß–Fotografie, die in einer geöffneten, von Arbeit gezeichneten Hand zum Vorschein kommt, zeigt zwei einander gegenüberstehende Mädchen. Ihr Blick ist leicht zum Betrachter gewand, doch schweifen die Augen in die Ferne, nehmen uns gar nicht wahr. Unter einem Tuch, das um den Kopf gewunden ist, kommen glatte, schwarze beziehungsweise gewellte, braune Haare zum Vorschein und fließen über die Schultern der beiden im Brustbild Fotografierten. Während das Mädchen zur Rechten unter einem verhaltenen Lächeln seine weißen Zähne zeigt, blickt das Mädchen zur Linken ernst und nachdenklich.

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Was aber macht die Arbeit so anziehend für uns? Ist es das Bild im Bild, dem sowohl nostalgische als auch surreale, experimentierfreudige Züge eingeschrieben sind? Oder ist es die zaghafte Annäherung an die Vergangenheit, das vorsichtige Erkunden der tiefen Spuren eines Volkes? Joakim Eskildsen hat einen ästhetischen Weg gefunden, die gegenwärtige Realität im Bild doppelt zu hinterfragen: In der von ihm selbst gefertigten Fotoarbeit und in dem vor seiner Linse befindlichen, alten Foto. Diese Dopplung der Wirklichkeitsebene, die den Betrachter zunächst irritiert, führt schließlich zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem visuell Erfahrbaren.

Persönlicher, vertrauter und irgendwie »realer« präsentiert sich dem Betrachter die Aufnahme der vom Leben gezeichneten Frau und den vier sie umgebenden Mädchengesichtern. Die Frau ist dem Betrachter direkt zugewandt, so dass ihr von Falten gezeichnetes Antlitz markant hervor sticht, das von grauem Haar und einem um den Kopf gebundenen Tuch gerahmt wird. Obgleich die Zeit ihre Spuren in diesem Gesicht hinterlassen hat, zeugt es nicht nur von der vergangenen, sondern auch von der gegenwärtigen, ausgeglichenen Schönheit. Es ist eine lebendige Schönheit, die nicht in die von Werbung vorgefertigten Schablonen passt, aber sie ist nicht minder eindrucksvoll in den blauen Augen, dem von Fältchen umspielten Mund, dem grauen, bisweilen weißen Haar, das einen Kontrast zu dem braun gebrannten Gesicht bildet, vorhanden.

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Den sie in einem Halbkreis umgebenden vier Mädchengesichtern wohnt demgegenüber eine Jugendlichkeit inne. Doch blicken sie nachdenklich, fragend, wenden die Augen vom Betrachter ab, lassen den Blick auf den Boden wandern oder aber lächeln ihm mit kindlicher Offenheit entgegen. Eskildsen gewährt mit dieser Aufnahme Einblick in eine intime, sehr persönliche Welt der von ihm fotografierten Menschen. Die Gesichter erzählen einerseits ganz offen Geschichten des Lebens, andererseits wissen sie ihre Geheimnisse vor den Augen der Betrachter zu bewahren.

Neben den fotografischen Arbeiten, die sich auf Menschen konzentrieren, wendet sich Joakim Eskildsen zugleich deren Lebensraum zu. Bei der Aufnahme von der »Romasiedlung Hevesaranyos« etwa blicken wir auf gemauerte, zum Teil weiß getünchte Häuser, wobei aus drei Schornsteinen im Bildzentrum Rauch aufsteigt. Im Hintergrund erstrecken sich lang gezogene Hügel vor einem von Wolkenbändern durchflochtenen abendlichen Firmament. Die Szenerie ist vollkommen menschenleer und erscheint in dem Abendlicht friedlich, ja beinahe idyllisch. Doch nähert sich der Betrachter dem Bild, wird er den einfachen Lebensverhältnissen gewahr.

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Mit den auf seinen Romareisen entstandenen Fotoarbeiten öffnet Joakim Eskildsen dem Ausstellungsbesucher eine Welt zu Menschen, denen unsere Gesellschaft mit Vorurteilen, Ablehnung und Skepsis begegnet – wie oberflächlich diese Haltungsweise ist, beweist nun seine Fotoserie. Durch die Linse der Kamera beobachtet der Fotograf mit einem interessierten, freundschaftlichen, vor allem aber weltoffenen Auge die Menschen. Intensiv, aber keineswegs voyeuristisch trifft Eskildsen auf eine Welt, die er in ästhetisch wirkungsvollen Aufnahmen festhält. Fazit: Die Robert Morat Galerie überzeugt – wie gewohnt – mit einer hochrangigen, absolut sehenswerten Präsentation dänischer Gegenwartsfotografie!

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr

Samstag 11-16 Uhr und n. V.

 

Eintritt

Frei

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