Rezensionen, Literatur zur Karriere

JOB DESCRIPTIONS. KünstlerInnen in einer veränderten Berufswelt, hrsg. v. Montag Stiftung Bildende Kunst Bonn u. Akademie der bildenden Künste Wien, Verlag für moderne Kunst 2009

Man könnte die Publikation mit dem Motto „Nur Mut zu alternativen Konzepten!“ betiteln, da sie KünstlerInnen, die frisch aus der Akademie kommen, einen Einblick in verschiedene Gegenmodelle zum Bildenden Künstler gibt.

Im ersten Abschnitt „Round table“ werden drei Diplomkünstler vorgestellt, die jetzt als Vizepräsidentin an einer Fachhochschule, als Kurator und als Modedesigner tätig sind. Allen gemein ist der Gedanke von Kreativität und Flexibilität im Beruf geblieben – Werte, die der moderne Arbeitsmarkt schon seit Jahren fordert. In den Beiträgen unter „Lectures“ wird die heutige Arbeitssituation für KünstlerInnen detaillierter von Fachleuten beleuchtet. Angela McRobbie, Professorin für Kommunikation am Goldsmiths College der Universität London, hat in Studien festgestellt, dass sich eine zu starke Spezialisierung der Kunstschaffenden nachteilig auswirkt. Ein breites Portfolio hingegen führt die freiberuflichen Kunstschaffenden in einer Sprungbrettfunktion zu verschiedenen anderen Aktivitäten und macht sie so zu AllrounderInnen. Auch Marion von Osten, Professorin an der Akademie der bildenden Künste Wien, stellt in ihrer Arbeit als Künstlerin, Kulturwissenschaftlerin und Ausstellungsmacherin transdisziplinäre Arbeitsmethoden und gesellschaftspolitische Fragestellungen ins Zentrum. So sind affektive und kommunikative Arbeiten Produktivkräfte und bisher wenig genutzte Ressourcen. Anthony Davies, unabhängiger Wissenschaftler und Autor in London, stellt in seinem Beitrag über die Finanzwirtschaft und Kunst heraus, dass der Kunstmarkt nach wie vor ein stabiler Anker in der Wirtschaftskrise ist. Zu verdanken ist dies wohl Menschen, die „zu reich [sind], um die Krise zu spüren“, so Davies. Denn zu der Zeit als die Investmentbank Lehman Brothers bankrott ging, meldete Sotheby’s in London Rekordeinnahmen von 111 Millionen Pfund für 223 Werke des britischen Künstlers Damien Hirst.
Die Nachteile eines Allrounderseins greift Isabell Lorey, Politikwissenschaftlerin in Berlin, in Form einer „Selbstprekarisierung“ der Künstler auf. Darunter versteht sie Lebens- und Arbeitsverhältnisse von Kulturproduzenten, die teilweise schlecht bezahlt sind und wenig Arbeitsplatzsicherheit, aber größtmögliche Autonomie und Freiheit bieten. Die Tendenz in der modernen Arbeitswelt geht zu einer Eigenverantwortlichkeit, der Staat mischt sich nur noch selten ein, gleichzeitig steigt damit jedoch das Risiko sich selbst auszubeuten. Durch die Selbst-Prekarisierung der Allrounder-Künstler besteht somit die Gefahr, Arbeitsplätze mit geringen Sicherheiten zum allgemeinen Standard zu machen. Der heutige Künstler lebt daher in einer paradoxen Situation. Einerseits werden seine Fähigkeiten vom Arbeitsmarkt gefordert und begrüßt, andererseits herrschen in Tätigkeitsfeldern außerhalb der Bildenden Kunst schlechte Arbeitsbedingungen vor.
Alles in allem ist dieser Symposienband sehr informativ. Die wissenschaftliche Sprache der Beiträge mit ihren vielen Fachwörtern aus Finanzwirtschaft, Politikwissenschaften und Soziologie macht den Zugang jedoch nicht immer einfach. Der allgemeine Blick auf den Arbeitsmarkt enthält viel Wissenswertes, hätte jedoch mit mehr Beispielen aus der Praxis in Form von weiteren Künstlerbeiträgen, die ihren Alternativberuf vorstellen, bereichert werden können. Allerdings bietet der Reader jungen KünstlerInnen Hoffnung. Auch wenn es nach zwei bis drei Jahren als Bildender Künstler nicht funktioniert, muss man den Kopf nicht hängen lassen. Kreative Köpfe finden auf dem heutigen Arbeitsmarkt immer einen Platz.

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