Ausstellungsbesprechungen

Jochen Stenschke – Spur & Indigo / In einem Nu, in Stuttgart, Trier und Essenheim

An der Frage nach dem Glück haben sich schon Philosophen die Zähne ausgebissen, Denker wie Günther Bien haben sich den Begriff ganz oben auf die Fahnen geschrieben, den einen oder anderen kann man in Talkshows medienwirksam auch mal als Happyologe angekündigt sehen – das heißt, die Glückssuche ist eine Lebensaufgabe, zuweilen sogar eine Lebensstellung, aber keinesfalls eine bloße Gedankenakrobatik auf dem Elfenbeinturm.

Doch wenn die Theoretiker des Wissens diese Frage nur umkreisen können, wird man von Künstlern nicht erwarten können, dass sie eine Antwort parat haben. Umso spannender ist deren Formulierung der Frage. Jochen Stenschke schuf 2005 ein zeichnerisch durchrhythmisiertes Schuppengeflecht, dem Kreise unterschiedlicher Qualität eingeschrieben sind; das Bild lässt sich als vage Topographie lesen, sein Titel: Glück. Assoziieren kann man damit Zufall, Unebenheit, fragile Struktur, eventuell auch die endorphinbedingte Zufriedenheit über die vielleicht 2000 gezeichneten Waben, die sich über ein Format von einem auf zwei Meter flächendeckend ausgebreitet haben. Wie auch immer: Glück ist Ausdruck einer individuellen Haltung, ein anfälliges Netzwerk.

Der Künstler Jochen Stenschke (geb. 1959) ist nun freilich kein Glücksforscher – oder: warum eigentlich auch nicht? –, er beschäftigt sich vielmehr mit dem Austausch von Zeichnung und Malerei, spielt mit dem Gattungs- und Medienwechsel und konfrontiert eine reduzierte, wenn auch breitpinselige Farbigkeit mit hochsensiblen Liniengeflechten und filigran-organischen Bewegungsfeldern. Über die Bewegung lassen sich die meisten Titel fassen: Beispiele sind »Reise«, »Flow«, »Fluss«, »Zeitlupe«, »Gesten« oder »In einem Nu« – vergleichbar einem Film, der dahinflutet und in einem Still zum Stand kommt; doch auch dem Doppelbödig-Tiefen öffnet Stenschke den Raum: »Traum«, »Klangkörper«, »Tondo« bis hin zum rätselhaften »Gregorteilchen«. So entstehen Seelenlandschaften von suggestiver poetischer Kraft. Dies wird am stärksten deutlich in den reinen Zeichnungen, die das Zeug haben, jede für sich zum geflügelten Capriccio zu werden.

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Die Stuttgarter Galerie Harthan hat sich dem Ausstellungsreigen mit neuen Werken Jochen Stenschkes angehängt, der im Kunstverein Münsterland begann und über Trier nach Essenheim (Kunstverein / Kunstforum Rheinhessen) führt. Ein kurzer, aber sehr einfühlsamer Film zeigt Stenschke bei der Arbeit – er erweist sich da als konzeptueller Künstler, der seinen wie zufällig gesetzten Spuren akribisch und konzentriert folgt. Die Ergebnisse lassen sich – wie im vorzüglichen Katalog zur Ausstellung – am besten als »bestimmte Unbestimmtheit« umschreiben. Getragen von philosophischen, gleichsam kulturellen wie existenziellen Fragen, entwickelt Stenschke aus dem spontanen Impuls heraus selbständige Illustrationen des menschlichen Geistes: dass dies auch die Beschäftigung mit dem Glück einbezieht spricht für die lebensbejahende Ausrichtung seiner Kunst, denn im Gedanken und Gedenken an japanische Landschaftsarchitektur ist sich Stenschke sicher: »Die Bilder sind für mich der Garten.«.

Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 14–19
Samstag 11–16 Uhr

Katalog
Jutta Meyer zu Riemsloh (Hrsg.): Jochen Stenschke. In einem Nu.Bielefeld: Kerber, 2008.
ISBN 978-3-86678-139-9