Buchrezensionen, Rezensionen

Jörg Völlnagel: Alchemie. Die königliche Kunst, Hirmer 2012

Eindrücklicher noch als in den Texten wird die fabelhafte Geschichte der Alchemie in ihren Bildern erzählt. In zuweilen bizarrer Fantastik und dunkler Rätselhaftigkeit schildern sie alchemistische Prozesse und künden vom Versuch, einen besseren Menschen zu schaffen. Rowena Fuß hat mit wahrer Wonne durch die grandiosen Bildwelten geblättert.

»Denn sie (die Natur, Anm. d. Verf.) bringt nichts an den Tag, das für sich selbst vollendet wäre, sondern der Mensch muss es vollenden. Diese Vollendung heißt Alchimia«, wusste der Arzt, Alchemist und Mystiker Paracelsus an der Schwelle zum 16. Jahrhundert über die „geheime Kunst“ zu sagen.

Jörg Völlnagel hat sich der geheimen Geheimwissenschaft in sechs Kapiteln gewidmet. Er klärt den Leser zunächst über die Bildlichkeit der Alchemie auf und widmet sich im Anschluss bedeutenden Bilderhandschriften und populären grafische Serien. Merkwürdigerweise war die Bildlichkeit der Alchemie nämlich bisher kaum Gegenstand einer Untersuchung. Als Folge dieses Ansatzes ist das Buch natürlich sehr bildlastig. Jedoch ist es genau das, was es so unschätzbar wertvoll macht.

Die Alchemie war nur teilweise von der Idee getrieben, künstlich Gold herstellen zu können, nach dem Stein der Weisen zu suchen oder nach dem Universallösungsmittel Alkahest. Auch die Herstellung eines Allheilmittels (Panacea) war ein Ziel der Alchemie. Man war allgemein überzeugt, alle Stoffe seien nicht nur aus Eigenschaften, sondern auch aus Prinzipien aufgebaut (Aristotelischer Hylemorphismus). So war es theoretisch möglich, einen beliebigen Stoff (hyle), vorzugsweise aus unedlen Metallen, mit den edlen Prinzipien (eidos) von Gold oder Silber neu zu gestalten. Das war idealerweise dann möglich, wenn man zuvor den unedlen Stoff von unedlen Prinzipien befreit hatte und ihn damit empfänglich für neue Prinzipien gemacht hatte.

Alchemisten befassten sich, entgegen gelegentlicher Falschangaben, nur allegorisch mit der Herstellung lebender Kunstwesen wie Homunculus oder Basilisk. Anklänge an diese okkulten Experimente finden sich noch in Goethes Faust, in Hoffmanns Sandmann und in Meyrinks Golem. In den bildhaften Darstellungen alchemistischer Bücher wurden chemische Elemente personifiziert und Reaktionen bildhaft gedeutet. Der besondere Reiz dieser Bilder liegt in ihrer ausgesprochen erfindungsreichen Bildsprache.

Mit größter Lust blättert man denn auch durch die zahlreichen Abbildungen im Hirmer-Buch. Das erste Hauptwerk ist um 1410 ein Text-Bild-Traktat namens Aurora consurgens. Die Vorstellung einer bipolaren Schöpfung in der mittelalterlichen Alchemie wird beispielsweise in einer Miniatur, die Hahn und brütende Henne zeigt, deutlich. Das Ei repräsentiert die Vereinigung von männlich und weiblich, aber auch die vier Elemente: die Schale steht für die Erde, das Eiweiß für Wasser, die Eihaut für Luft und das Dotter für Feuer. Als Quintessenz, also als das fünfte Element, gilt das Küken. Es wird auch mit dem Stein der Weisen verglichen, da es aus den vier Elementen hervorgeht.

Fortsetzung von Seite 1

Erstmals zeigt die Handschrift auch bildliche Allegorien des „Stirb und Werde“. Der in seiner Idee bereits biblische Topos steht für die große Erlösungshoffnung der Alchemie und geht auf den Mythos von Tod und Wiedergeburt, von der Erlösung durch Befreiung aus dem materiellen Gefängnis des Körpers und der Reinkarnation als bessere Existenz oder „neuer Mensch“ zurück. Bildhaft etwa in einer Miniatur zum Drachentod: Der Drache symbolisiert die Urmaterie, die „getötet“ – soll heißen: auf ihre Grundstruktur zurückgeführt werden muss -, um sie anschließend im Transmutationsprozess vervollkommnen zu können.

Von diesem im 15. Jahrhundert weit verbreiteten Wunsch, zeugt auch eine weitere Handschrift: das Buch der heiligen Dreifaltigkeit. Die Gleichsetzung von Christus und dem Stein der Weisen findet sich bereits in der Aurora consurgens, wird allerdings im Buch der heiligen Dreifaltigkeit gesteigert zu einer Verdammung aller Ungläubigen.

Völlnagel setzt den Reigen noch mit vier weiteren spätmittelalterlichen Handschriften fort, bevor er zu Bildern mit dem Motiv des laborierenden Alchemisten bei Girolamo da Cremona, Jan Stradanus, Hendrick Heerschop, Rembrandt oder Carl Spitzweg kommt. Die Faszination für die Welt der Tiegel und Pulver findet schließlich in alchemistischen Bildserien des 17. Jahrhunderts ihre Fortsetzung. Mit der Verbreitung in Drucken erfuhr die allegorisch-alchemistische Bildlichkeit eine größere Verbreitung. Dem Lockruf der Verleger folgend, schufen Meister der Druckgrafik originäre Œuvre, die das in der Frühen Neuzeit stetig wachsende Interesse an der Alchemie befriedigen sollten. Die grafischen Schöpfungen aus dem »Amphitheater ewiger Weisheit« des Michael Maier (1569-1622) gehören zu den eindrucksvollsten Bildbeispielen des Buches.

Eine Besonderheit unter den behandelten Bilderschriften ist das 1677 erschienene Mutus liber („stummes Buch“): In 15 großformatigen Bildtafeln erzählt es weniger wort- denn bildreich die Geschichte alchemistischer Verwandlungen. Das Mutus liber bietet sozusagen Meditationstafeln oder Urbilder des alchemistischen Traums, in deren Betrachtung man sich versenkt, ohne von störendem Text abgelenkt zu werden. Genauso hält es auch der Autor. Stets stehen auch auf den eher textlastigen Seiten die großen Bilder im Vordergrund. Völlnagels Erklärungen zu Miniaturen sowie kompakte historische Einordnungen der Handschriften und Druckserien fügen sich wie ein Hintergrundgeräusch in die Bilderbetrachtung ein: Man kann es beachten, muss es jedoch nicht.

Der Autor schließt mit einem Ausblick auf die moderne Alchemie. Denn natürlich bildet sie nach wie vor eine Inspirationsquelle für Künstler. Einer davon ist Jackson Pollock. Sein Drip-Painting »Alchemy« (1974) betont das Prozesshafte seiner Entstehung – eine zutiefst alchemistische Vorgehensweise. Joan Miró hingegen ließ sich von den Schriften des deutschen Mystikers Jakob Böhme (1575-1624) inspirieren. Zahlreiche Bilddetails in seinem Werk »Gepflügte Erde, Montroig« (1923/24) – wie Befruchtung, Heranwachsen, Reife und Tod – erinnern an das „Stirb und Werde“-Motiv der Alchemie.