Ausstellungsbesprechungen

Johan Thorn Prikker – Mit allen Regeln der Kunst. Vom Jugendstil zur Abstraktion, Museum Kunstpalast Düsseldorf, bis 7. August 2011

Das Museum Kunstpalast präsentiert die erste große Retrospektive seit mehr als 30 Jahren zum Gesamtwerk Johan Thorn Prikkers. Die Schau des vor allem durch seine Jugendstilwerke bekannt gewordenen Niederländers umfasst mit über 130 Werken alle Gattungsbereiche, in denen der vielfältige Künstler tätig war: Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Mosaiken, Wandmalereien, Glasfenster, Möbel, Designobjekte, Textilkunst, Bucheinbände und Teppiche. Günter Baumann hat sich mit Enthusiasmus diesem Universalkünstler gewidmet.

Obwohl der 1868 in Den Haag geborene Johan Thorn Prikker 1932 in Deutschland, konkret in Köln, starb, gehört der Holländer hierzulande zu den nahezu unbekannten Künstlern – in den Niederlanden steht sein Name freilich im ungeschriebenen Kanon der wichtigsten modernen Künstler, die auf dem internationalen Parkett auftraten. Die Düsseldorfer Ausstellung »Mit allen Regeln der Kunst« ist nun drauf und dran, dieses Manko für Deutschland zu beheben, denn immerhin zeugen mehr als 150 Arbeiten von der Vielfalt und Qualität des Prikkerschen Schaffens. Auf dem Weg vom symbolistisch angehauchten Jugendstil zur Abstraktion, den die Schau ausdrücklich begeht, entfaltet sich (im Sinne des Untertitels) ›regelrecht‹ seine Meisterschaft – und wie um zu demonstrieren, dass es hierbei nicht nur um Theorie geht, sondern auch um topografische Werdegänge, haben die Ausstellungsmacher außerhalb des Museums eine speziell auf den Künstler zugeschnittene Kunstroute eingerichtet, die von Düsseldorf über Neuss, Krefeld, Mühlheim a. d. R., Essen, Hagen, Leverkusen, Köln bis hin in die Niederlande mit Den Haag, Rotterdam und Amsterdam führt.

Von den klassischen Gattungen, insbesondere der Staffelmalerei, hielt das Multitalent vor allem im fortgeschrittenen Alter nicht viel. Vielmehr strebte der Gesamtkunstwerker nach der Vervollkommnung seiner Fertigkeiten im Wandbild, im Teppichentwurf, in der Möbel- und Mosaikkunst. Warum es so lange gedauert hat, bis man im Düsseldorfer Raum eine so auffallende Notiz von Prikker nahm – eine Würdigung seiner Arbeit liegt Jahrzehnte zurück –, ist verwunderlich, zumal man jederzeit eben etliche sogar öffentliche Arbeiten in verschiedenen Kirchen und Rathäusern der Region besuchen und besichtigen kann. Nicht nur im sakralen Raum muss man die Glasmalkunst Johan Thorn Prikkers zu den Höhepunkten dieses Genres nach der Gotik zählen. So nahe uns heute derartig lichterfüllte und bis zur Ungegenständlichkeit abstrahierte Arbeiten sind, so schwierig erweist sich der Zugang zu seinen früheren Gemälden, die auf den ersten Blick recht symbolschwanger erscheinen; erst wenn man daran vorbei die reduzierte, wenn auch an die Ornamentverliebtheit der Jahrhundertwende gebundene Linearität wahrnimmt, zeigt sich auch hier ein moderner Anstrich.

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Spannend ist es, dieses vielverzweigte Werk in seiner stilistischen Entwicklung zu einer größeren formalen Freiheit, in den biografischen Spuren, die sich breit nach Deutschland ausrichten, und im Kontext von Prikkers sozialutopischer Gedankenwelt zu beobachten. Inhaltlich und konzeptionell reagierte der Künstler darauf, alle Wandlungen in seinem Leben schienen ihn zu inspirieren – und dennoch sind seine religiösen Grundfeste unerschütterlich. Daran orientieren sich seine politisch-reformerischen Ideale wie seine Entwürfe, egal ob im Bereich der Möbel (Stühle u.a.) oder der Kleidung (z. B. Krawatten): Ziel war einmal die Teilhabe des ganzen Volkes an der Schönheit, zum anderen die ideelle Veredelung des alltäglich nutzbaren Designs.

Wohl gerät manche Wandarbeit dabei bedenklich monumental, so dass man an die ideologische Vereinnahmung ähnlich »großartiger« Kunst, etwa in den späteres Ostblockstaaten, erinnert wird; doch findet Prikker durch die Hinwendung zur Abstraktion eine ganz eigene Bildsprache, die vor einer solchen Vereinnahmung gefeit ist – man denke an die grandiosen Mosaiken, die der Künstler 1925/26 für den Düsseldorfer Ehrenhof entwarf und die Otto Wiegmann kongenial ausführte.

Das Museum Kunstpalast besitzt übrigens auch zauberhafte Glasfenster von Prikker, die zu den bemerkenswertesten Glasarbeiten im profanen Raum zählen. Sie sind sozusagen eine Erbschaft aus den 1920er Jahren, als sich das Museum erst (unter anderem Namen) konstituierte – Anlass war eine große Schau zum Thema »Gesundheitspflege, Soziale Fürsorge und Leibesübungen«, organisiert von Wilhelm Kreis. Nach teilweiser Vernichtung durch die Nationalsozialisten und Zerstörung durch den Krieg konnten die Fenster 1984 rekonstruiert werden. Kurzum: Diese Glasarbeiten machen nur einen Teil aus in einer Ausstellung, die gleichermaßen Textilien, Mobiliar und anderes Kunsthandwerk zeigt, darunter fein gearbeitete Intarsienarbeiten, doch wird man sich der überragenden Wirkung der Fenster nicht entziehen können, dicht gefolgt von den Mosaiken.