Ausstellungsbesprechungen

Johann Wilhelm Cordes (1824 – 1869). Wilde Jagd und weite Landschaft. Lübeck, Museum Behnhaus Drägerhaus, bis 30. Juni 2013

Ein fast (oder besser: ganz und gar) vergessener Künstler des 19. Jahrhunderts lässt sich dieser Tage im Lübecker Behnhaus entdecken: Johann Wilhelm Cordes, ein Landschaftsmaler mit Hang zum Genre. Nie richtig berühmt und erfolgreich, war er nach seinem frühen Tod schnell vergessen. Die interessante Ausstellung im Lübecker Behnhaus besuchte Stefan Diebitz.

Cordes verstarb früh, und die umfangreiche Schau des Behnhauses, ganz aus dem eigenen Bestand geschöpft, spiegelt in ihrer Zusammensetzung den Charakter seines überlieferten Werkes genau: Es sind größtenteils Studien, Skizzen und Vorzeichnungen neben wenigen Gemälden. Tatsächlich hat Johann Wilhelm Cordes während seines kurzen Lebens kaum mehr als fünfzig Gemälde geschaffen. Seinen Nachlass übernahm sein Bruder Emil, ein in München praktizierender Arzt. Nach dessen Tod 1900 kam es zu zwei Ausstellungen, 1901 im Münchner Kunstverein und 1906 in Lübeck, wo ungefähr 900 Zeichnungen, Ölskizzen und Gemälde hinterher in das Magazin wanderten und alsbald gründlich vergessen wurden. Erst Mitte der neunziger Jahre kurz wiederentdeckt, wird dieser Maler jetzt ein erstes Mal seit einhundert Jahren einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt.

Seine Ölskizze »Die wilde Jagd« schmückt das Plakat der Ausstellung und empfängt den Besucher auch im ersten Raum, aber es ist ein Spät-, kein Frühwerk und weder vollendet noch überhaupt für diesen Künstler typisch. Mit ihm bewarb sich Cordes 1864 bei der erst 1861 gegründeten Berliner Staatsgalerie. Weil er damit zwar bei den Kritikern, nicht aber bei den Verantwortlichen Erfolg hatte, ist »Die wilde Jagd« heute nicht als Monumentalgemälde in Berlin zu bewundern. Es scheint, dass eine größere als die in Lübeck gezeigte Version später in Wien verkauft wurde, aber der Verbleib dieses Bildes ist unbekannt. »Die wilde Jagd« sollte offenbar sein großer Wurf werden, ein erster Schritt auf dem Weg zum Malerfürsten, und so hatte Cordes enorm viel Arbeit investiert und unzählige Skizzen und Vorentwürfe angefertigt. Allein für den eindrucksvoll schnabelartig nach vorn stoßenden Baum rechts von der Mitte sind zehn Vorzeichnungen bekannt.

Als Vorlage hatte dem Maler eine Ballade von Gottfried August Bürger mit dem Titel »Der wilde Jäger« gedient. Die drittletzte Strophe gibt vor, was Cordes dann malte:

»Er rafft sich auf durch Wald und Feld,
Und flieht lautheulend Weh und Ach;
Doch durch die ganze weite Welt
Rauscht bellend ihm die Hölle nach,
Bei Tag tief durch der Erde Klüfte,
Um Mitternacht hoch durch die Lüfte.«

Alexander Bastek, Kurator der Ausstellung, weist auf die Vieldeutigkeit des Bildes hin, bei dem man nicht recht weiß, wer denn nun Jäger und Gejagter ist. Wenn der Reiter im hellen Mittelpunkt des Bildes selbst der Gejagte ist, kann der Betrachter beruhigt sein. Wenn nicht, dann befindet sich der Gejagte außerhalb des Bildes und schaut eben selbst auf das Geschehen. In jedem Fall imponiert das Gemälde mit seinen vielen dynamischen Gestalten, den alptraumhaft verzerrten, wild dahinjagenden Pferden und seiner höchst dramatischen Lichtführung. Malen konnte dieser Mann!

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Cordes, Sohn eines Lübecker Kaufmanns, war eigentlich für eine ganz andere Laufbahn vorgesehen, aber er durfte unter Umständen, die man heute nicht mehr kennt, den Beruf eines Künstlers ergreifen und ging für seine Ausbildung erst nach Prag und später nach Dresden und Düsseldorf. Ab 1859 bis zu seinem frühen Tod war er Professor in Weimar. Er tat sich besonders als Landschaftsmaler hervor, der zunächst seine Lübecker Heimat und auf zwei späteren Reisen auch die wilde Hochgebirgslandschaft Norwegens bei Rondane abzeichnete. Damit gehört er zu den ersten Malern, die dieses Land für die Kunst entdeckten. Typisch für Cordes ist das – gelegentlich extreme – Querformat, das wohl mit seiner Vorliebe für den Horizont zusammenhängt. Viel Himmel! Immer wieder malte er Wolkenstudien und zeichnete dazu Bäume – offensichtlich ohne bestimmte Absicht. Es scheint, dass er einfach Motive sammelte, die man nur gelegentlich in seinen ausgeführten Gemälden wiederfindet.

Seine zahllosen Skizzen, ausnahmslos entstanden an der frischen Luft, fallen schon durch das gelegentlich schief geschnittene Papier auf. Akademisch sind solche Bilder nun eben nicht, sondern realistisch, und wirken oft sogar impressionistisch. Auf seinen Figurenskizzen probierte er am Rand auch andere Körperhaltungen des Protagonisten oder andere Kleidung aus, und gerade an solchen Feinheiten kann man sehen, wie gut Cordes zeichnen konnte und wie viel Überlegung und Planung selbst in ganz einfachen Bildern steckt. Ein Beispiel ist das in seiner Schlichtheit anrührende Bild »Die letzte Ehre«, auf dem ein Matrose neben oder vor der Leiche eines am Strand angespülten Offiziers steht. Die Skizzen demonstrieren, wie Cordes Gesicht, Alter und Körperhaltung des Matrosen ebenso wie die Kleidung variierte, bis er sich endlich für eine Lösung entschied.

Cordes besaß eine solide Akademieausbildung, wie man unter anderem an dem Faltenwurf seiner Gestalten sehen kann. Wenn er sich aber auf diese Ausbildung besann, dann malte er oft schwächer. Ein Beispiel dafür ist ein Bild des Helgoländer Felsens, um den sich eine ganz unverhältnismäßig große Zahl von Booten tummelt. Die grünliche Farbe des Wassers und die Form der Wogen sind ebenso wie die künstliche Haltung der Fischer wenig natürlich und nehmen dem Bild jede Wirkung. Hier hatte Cordes sich offensichtlich von seinen eigenen Neigungen entfernt und versucht, für den Markt zu malen.

Trotz der eindrucksvollen »Wilden Jagd« sind es die schlichten Landschaftsbilder, die dem Besucher im Gedächtnis bleiben. Spektakulär sind manche der norwegischen Skizzen, vergleichsweise still die meisten Blätter aus Schleswig-Holstein, die sanfte Hügel mit Weizenfeldern und einen wolkigen Himmel zeigen. Als ausgeführte Bilder werden diese Skizzen durch allerlei Volk und beiläufiges Geschehen zum Genrebild – immerhin hatte Cordes zuletzt in Düsseldorf studiert –, aber dieses Geschehen fügt der Landschaft nur selten etwas Wesentliches hinzu. Dafür widmete sich der Maler mit auffallend viel Liebe den Wolken und den Bäumen, entwickelte eben hier eine beträchtliche Meisterschaft und scheint mit solchen Bildern auch in die Zukunft zu deuten. Es ist schon eigenartig, wenn die Qualitäten eines Malers erst einhundertfünfzig Jahre nach seinem Tod wirklich entdeckt werden!