Ausstellungsbesprechungen

John Constable – Maler der Natur, Staatsgalerie Stuttgart, bis 3. Juli 2011

John Constable hat wie kein anderer Maler die Landschaftskunst des 19. Jahrhunderts geprägt: Delacroix nannte ihn »den Vater unserer Landschaftsmalerei«, Corot, Manet sowie die Maler der Schule von Barbizon studierten begeistert seine Werke. Auch Günter Baumann hat sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Schade: Die Ausstellung macht Lust auf mehr! Dabei kann die Stuttgarter Schau sich als erste Einzelausstellung von John Constable in Deutschland rühmen. Das grenzt schon an eine historische Ignoranz – zumindest ist das kaum nachvollziehbar, wo nicht wenige Kunstinteressierte andächtig vor den paar Constables in deutschen Museen stehen bleiben, denn ohne Frage gehört der Engländer – neben Turner – zu den wichtigsten Landschaftsmalern zwischen dem niederländischen »Goldenen Zeitalter« im 17. Jahrhundert und dem europäischen, insbesondere französischen Impressionismus. Doch die Faktenlage hat den Kurator in der Staatsgalerie und Experte für das 19. Jahrhundert, Christofer Conrad, überrascht: Offenbar schließt Stuttgart hier eine Lücke, wohl weniger wegen eines herausragenden Bestandes im einschlägigen Zeitraum als wegen der engen Kontakte des Hausherren Sean Rainbird nach Großbritannien. Man kann also die Präsentation der Ölskizzen und Zeichnungen als bloßen Appetitanreger bedauern. Aber zugleich sind die teils kleinformatigen, teils monumentalen Arbeiten und Studien, die sich im weiten Sinn um Constables »Heuwagen« (1821) und »Das springende Pferd« (1825) ranken, dramatische, nein, eher unterkühlt brodelnde Himmel, atemberaubende Naturstücke, die unmittelbar deutlich machen, warum die nachromantische Landschaft bis hin zu Max Liebermann kaum an Constable vorbeikam. Mit bloßer Stimmungsmalerei ist das Interesse an dieser Kunst kaum erklärbar. Sie ist ausgesprochen kühn, selbst die himmelsvernarrten Niederländer haben Wolken nicht so überzeugend, nahezu abstrakt inszeniert wie Constable.

Wer eine Gemäldeschau erwartet, dem mag die weitgehende Einschränkung auf das Skizzenhafte nicht genügen, wer aber das malerische Genie gerade in der flüchtigen Vorstudie und dann noch die gravierenden Abweichungen zwischen dem schon in Öl festgehaltenen Entwurf und dem fertigen Gemälde, das exemplarisch für das großartige Werk steht, wahrnimmt, vermisst nach geraumer Betrachtung der Ausstellung kaum noch etwas. Lapidar kündigt sie im Titel einen – mit etwas Selbstbewusstsein kann man auch lesen: den – Maler der Natur an. Und es ist schon wahr, man kann sich hier mit einem Künstler anfreunden, den man hierzulande lange suchen muss. Was macht es, wenn man die Gemälde als Quintessenz und nicht als Gegenstand der Ausstellung ansieht, wenn man dagegen ein wunderbar in Farben umgesetzte Meteorologie und obendrein einen obsessiven Maler entdecken kann. Die Obsession kann man an den schief geschnittenen Leinwänden ablesen (die Reißzwecklochspuren sind manchmal noch immer erkennbar), die zuweilen auf Postkartengröße eine monumentale Wirkung erzielt. Beide Seiten, der wissenschaftliche Aspekt und die fühlende Identifikation, machen die Bilder so spannend: ein Ulmenstamm gerät unter Constables Malutensilien zu einem Abenteuer für die Augen.