Buchrezensionen, Rezensionen

John Margolies: Roadside America. Architektonische Relikte einer vergangenen Epoche. Taschen Verlag 2010

Bay City, Michigan; Vermillion, South Dakota; Lowell, Arkansas; Ashland, Wisconsin – all diese Namen dürften dem deutschen und mit gewisser Wahrscheinlichkeit auch dem amerikanischen Leser nicht viel sagen, John Margolies hingegen verbindet viel mit diesen Orten. In den oft rural gelegenen Plätzen findet er die Motive seiner Fotografien: überdimensional angelegte Werbearchitektur, die häufig in sinnbildlicher Form auf das zu bewerbende Geschäft hinweist. Teekessel, Betontipis, Hühner und sogar ein Flugzeug sind die verstummten Zeugen einer typisch amerikanischen Kultur der Bebauung entlang der Highways. Den im Taschen Verlag neu erschienenen Fotoband hat unser Autor Jan Hillgärtner gelesen.

John Margolies © Cover Taschen Verlag
John Margolies © Cover Taschen Verlag

Wenngleich dem Betrachter die Motive Margolies´ auf den ersten Blick als fremdartig und hässlich erscheinen können und man sie sofort mit dem despektierlichen »typisch Amerikaner« versieht, muss man doch eingestehen, dass sie sich in unserem kulturellen Gedächtnis vor allem durch die Roadmovies wie »Bonny und Clyde« oder, quasi postmodern gewendet, in Serien wie den »Simpsons« festgesetzt haben und uns nicht unbekannt sein sollten. Was John Margolies in seinen Fotografien darstellt, die sich immer fast komplett kontextlos auf das Wesentliche beschränken, ist die Reklamearchitektur seitlich der Fernstraßen Amerikas, gebaut in einer Zeit, wo Corporate Identity und Franchising noch Fremdworte waren und eine Reise auf den Straßen von der Wahrnehmung vieler verschiedener Tankstellen, Motels und Restaurants geprägt war.

Ein gutes Beispiel für ein solches Foto eines Werbeobjekts ist der »Mother Goose Market, Hazard, Kentucky«, entstanden im Jahre 1979. Es zeigt ein verlassenes Geschäft, erkennbar an den wahllos im Schaufenster angeordneten Kisten, das in einer ovalen Form sich vor dem Hintergrund eines Waldes ausnimmt. Das Dach ist die Verkörperung des Namens, eine graugeschieferte Gans thront über dem Gebäude, dessen Fenster die Form von Eiern haben und versinnbildlicht seine ehemalige Funktion. Extremer erscheinen die Tipikonstrukte und verschiedene Minigolfplatzfiguren, die die Funktion des Hindernisses übernehmen. Die aus Beton gefertigten übergroßen Wigwams des Wigwam Village Motel scheinen eine Zwischenform zwischen Zelt und Haus darzustellen. Eine Gruppe dieser Wohnstätten der Ureinwohner Nordamerikas, weißbemalt und verziert, wirkt heute in ihrer wenig detailreichen Ausführung wenig einladend auf mögliche Besucher. Zu den anderen, sich immer wieder wiederholenden Motiven zählen die Figuren und Staturen der Minigolfplätze. Die dargestellten Motive variieren zwischen realistischen Kopien von Fröschen und den Alpen bis zu phantasievollen Fischgestalten. Immer jedoch sind auch sie überlebensgroß, häufig mit knalligen Farben bemalt und wirken durch die Gestaltung in Fließbeton träge und schwerfällig, was in einem Gegensatz zu der von ihnen postulierten Leichtigkeit steht. Alle diese Motive stammen, wie es das Vorwort verdeutlicht, aus einer vergangenen Zeit, die aufgrund ihrer Nichtbeachtung den seltsamen blinden Fleck der amerikanischen Architekturkritik bilden. Margolies, der Jahrzehnte damit zugebracht hat, das Land zu bereisen und seine seltsam gigantisch wirkenden Werbeträger zu fotografieren, zeigt in diesem Buch mit der Auswahl einen Querschnitt aus seinem großen Fundus an Bildern, der sich über einen Zeitraum von gut 30 Jahren erstreckt.

Die Bewertung der Qualität John Margolies’ als Fotograf lässt sich keinesfalls aus der mangelnden Ästhetik seiner Motive ableiten, seine Arbeit kann man in analoger Weise zu den Fotoserien von Bernd und Hilla Bechers als eine Art Dokumentation der Zeit- und Kulturgeschichte verstehen. Was er zeigt ist eine Welt, die sich in paralleler Weise zur Geschichte des automobilen Individualverkehrs längst der Straße entwickelt hat und im Zuge der immer restriktiver werdenden Bebauungsrichtlinien langsam aus dem amerikanischen Landschaftsbild verschwindet. Dem Verlag ist es mit dem gut 250 Seiten starken Buch zum ersten Mal gelungen, für den europäischen Raum das Werk Margolies´ zugänglich zu machen und dadurch eine neue Perspektive auf die amerikanische Architektur zu eröffnen.

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