Buchrezensionen, Rezensionen

Jürgen Müller/Thomas Schauerte (Hg.): Die gottlosen Maler von Nürnberg. Konvention und Subversion in der Druckgrafik der Beham-Brüder, Gebr. Mann Verlag 2011

Die berühmte Gretchenfrage »Wie hast du's mit der Religion?« muss im Fall der Beham-Brüder wohl skeptisch beantwortet werden. Mit ihren unkonventionellen Bildentwürfen und Parodien berühmter italienischer, merke: katholischer, Renaissancekünstler landeten die Kupferstecher aus Nürnberg in den Wirren der Reformation vor Gericht. Rowena Fuß hat sich die zweideutigen Werke der Brüder im Katalog zur kürzlich vergangenen Nürnberger Schau angesehen.

Äußerst übersichtlich zunächst in einen Aufsatz- und Bilderteil gegliedert, bietet der Katalog sehr gut lesbare, umfangreiche Informationen zum Werk der Beham-Brüder und dessem historischen Kontext. Von Dürer als Vorbild und vermutlichen Lehrmeister, über den Umgang mit italienischen Quellen in frechen bis skeptischen Kupferstichen und Holzschnitten, die sicherlich zu Recht als pornografisch bezeichnet werden können, führt der Weg letztlich zum Prozess, der die Brüder 1525 als „gottlos“ brandmarkte.

In sechs monografischen Aufsätzen werden anschließend Schlüsselwerke der Behams näher vorgestellt. Jürgen Müller deutet beispielsweise anhand der »Spinnstube« von Barthel Beham das Vulgäre in der neuen Poetik des Wimmelbildes als Voraussetzung einer auf Umkehrung des ersten Eindrucks zielenden Bildrhetorik. Ebensolches wird auch in Sebald Behams »Joseph und Portiphars Weib« thematisiert. Zu sehen ist ein mit erigiertem Glied fliehender Joseph, der sich dabei zu Portiphars draller Frau umdreht und anscheinend in Gedanken seine Flucht bereits noch einmal überdenkt.

Der Stich besitzt eine dialektische Rhetorik, denn der Betrachter muss sich bei seinem gewollten oder ungewollten Blick direkt ins entblößte, erregte Geschlecht selbst fragen, wie es denn im Vergleich mit seiner eigenen Tugendhaftigkeit aussieht. — Sexuelle Drastik wird also zum moralischen Lehrmittel. Solche Vexierbilder und Ambivalenzen von Ironie und Moral finden sich auch in Erasmus von Rotterdams Adagium »Sileni Alcibiadis« (1515), das man transkribiert im Katalog nachlesen kann. So seien hinter einem unscheinbaren oder gar hässlichen Äußeren häufig wahre Schätze der Tugend und Weisheit verborgen. Natürlich ist auch der umgekehrte Fall denkbar: „Umgekehrte Silene“ trügen unter einem schillernden Äußeren ein wertloses Inneres zur Schau.

An diese Ironie im Bild schließt auch ein weiteres Werk an, wie man dem Aufsatz von Jürgen Müller und Kerstin Küster entnehmen kann. Im Kupferstich »Die Nacht« von Sebald Beham wird der Betrachter wieder unerwartet mit dem direkten Blick in den Schambereich einer nackten Frau konfrontiert. Dem kunsthistorisch geschulten Auge entgeht dabei nicht, dass es sich um ein berühmtes Vorbild handelt, das parodiert wird: Michelangelos Allegorie der »Nacht« am Grabmal Giuliano II. de’ Medicis in Florenz, angereichert um Details aus dem gegenüberliegenden »Tag«. Klug hat Beham auch Architekturelemente aus Michelangelos Werk eingebettet, wie die volutenartig auslaufenden Abschlüsse des Bettes beweisen. Mit der Auswahl dieser prägnanten Elemente, die nur dem wissenden Betrachter den obszönen Witz nachvollziehen lassen, wird das Bild zum Spaß für Künstler und Kritiker, die den katholischen Kollegen und die Leistungen der italienischen Renaissance nicht zwingend als Vorbild bzw. Maßstab erachteten.

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Bereits in der Einleitung verweisen Jürgen Müller, Jessica Buskirk und Kerstin Küster darauf, dass schon Albrecht Dürer Ironie in seinen Bildern im Sinne einer antiklassischen Ästhetik verwendete. Die verdeckten Hinweise auf das vermeintlich Vorbildhafte in der Bildstruktur wurden in einem zweiten Blick ironisch aufgebrochen und durch eigene Bildfindungen ersetzt. Das Modell, Ernst im Unernst zu verbergen, gilt analog für die Genremalerei, die Religiöses mit Profanem kaschierte.

Spätestens jetzt ahnt der Leser-Betrachter, warum den Beham-Brüdern schließlich der Prozess gemacht wurde. Derart unorthodoxe Denkansätze, wie in den auflagenstarken Druckgrafiken der Behams verschlüsselt, waren unwillkommen. Angeheizt wurde die Debatte mit verschieden Flugblättern aus der Hand von Sebald Beham. Sein mit »Die Höllenfahrt des Papstes« betiteltes Blatt, das 1524 entstand, zeigt den Papst in einer brennenden, antikisierten Architektur und weist auf einen Zusammenhang zum Nationalkonzil in Speyer.

Dort sollten 1524 die Interessen der Reformatoren zusammengeführt werden, um eine gemeinsame Partei gegen die päpstliche Liga zu gründen. Zwar kam das Konzil nie zustande, aber es scheint plausibel, dass Behams Holzschnitt als Propaganda im Vorfeld des Konzils verbreitet werden sollte, um Stimmung gegen die alte Kirche zu machen. Im Januar 1525 als Nürnberg offiziell protestantisch wurde, mussten sich die Behams für ihre radikalen Äußerungen zu Glaubensfragen und der städtischen Obrigkeit vor Gericht verantworten. Im Anschluss wurden sie der Stadt verwiesen.

Ihr Werk gewinnt fast 500 Jahre später im Rahmen des Jahrestages der Reformation, der 2017 begangen wird, erneut an Aktualität. Folglich bildet der Katalog eine einmalige Möglichkeit, sich mit der brisanten Thematik auseinander zu setzen. Einziges Manko ist die schlechte Klebebindung des Buchs. Bereits nach wenigen Malen des Durchblätterns lösen sich Umschlag und Buchblock voneinander. Vielleicht lässt sich dies aber auch als Pointe zu den ganzen Betrachtungen über Ironie und einer doppeldeutigen Bildstruktur verstehen, den die Publikation dadurch unterstreicht.