Ausstellungsbesprechungen

Jugendstil. Die große Utopie. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, bis 28. Februar 2016 (verlängert)

Jugendstil war Kunst – aber es war nicht nur Kunst, sondern auch eine Bewegung, die buchstäblich das ganze Leben erfasste. Deshalb kann wohl allein ein Museum, das nicht nur für Kunst, sondern auch für Gewerbe zuständig ist, ein so umfassendes Phänomen in seiner ganzen Breite und bunten Vielfalt würdigen. Stefan Diebitz besuchte die Jugendstil-Ausstellung und auch die demselben Thema gewidmeten Räume des Museums.

In Hamburg gibt es große Kunst großer Namen zu sehen: die berühmte Nietzsche-Büste von Max Klinger, Aktzeichnungen Gustav Klimts, »Die Barke« von Odilon Redon und noch einige andere Kostbarkeiten mehr. Aber das Entscheidende dieser Ausstellung sind weniger ihre Höhepunkte, sondern ist vielmehr ihre bunte Vielfalt, die vielleicht ein einziges Gebiet außen vor lässt: die Architektur, jedenfalls die Architektur und die Ornamente der Fassaden, denn mit dem »Pariser Zimmer« und dem schön verglasten Erker eines Hotels kann das Museum wenigstens in der Innenarchitektur auftrumpfen.

Die Missachtung der Architektur ist auch deshalb merkwürdig, weil im Mittelpunkt der Ausstellung der Hamburger Peter Behrens (1868 – 1940) steht, der große Architekt, der später besonders für das Design der AEG bestimmend wurde, aber auch sonst und dazu höchst vielseitig künstlerisch tätig war. Weder seine Jugendstilbauten noch die anderer großer Baumeister werden angemessen gewürdigt. Dabei wird sonst kaum etwas ausgelassen, denn es werden Ölgemälde und Zeichnungen, Statuen und Masken, Stühle und Schreibtische, Musikinstrumente und Schränke, Bücher und Drucke und noch vieles mehr gezeigt – Teppiche und Friese, Lampen und Schachteln und Besteck… Man kommt an kein Ende. Dazu illustrieren große Bildschirme mit alten Filmen die sozialen, kulturellen und medizingeschichtlichen Aspekte.

Es wird manchen Besucher überraschen, bei seinem Eintritt in die Sonderausstellung bewegte Bilder aus einer Fabrik des frühen 20. Jahrhunderts zu entdecken – Bilder, die ihm deutlich machen, wie schwer es die Arbeiter hatten, die sich fern vom Tageslicht dem hektischen Rhythmus der Maschinen anpassen mussten. Die Rückkehr zum Ursprung, zur Natur oder doch wenigstens zu einem weniger schädlichen Leben war die Utopie des Jugendstils, dessen künstlerische Erzeugnisse man keinesfalls von der Lebensreformbewegung oder auch der beginnenden Lebensphilosophie isolieren darf. Denn begonnen hat alles mit der von dem vielseitigen Briten William Morris initiierten Arts-and-Crafts-Bewegung, also nicht etwa mit musealer Kunst, sondern mit dem Entwurf von hochwertigen Möbeln, Geschirr und Besteck, von Tapeten und endlich auch Kleidung für den Alltag. Alles das findet sich in der Hamburger Ausstellung unter der Überschrift »Wie sollen wir leben?«

Hier offenbart sich aber auch gleich der erste große innere Widerspruch des Jugendstils, der das Leben wenn nicht aller, so doch vieler aus dem Schmutz der Fabriken und der verkommenen Städte ziehen wollte, aber dafür Methoden wählte, die nur ganz wenigen zugute kommen konnten. Denn wenn man auf die Kostbarkeit der Stoffe oder doch wenigstens die Echtheit der Materialien Wert legt, dann kann man eben nicht für die Masse produzieren. Auch Handarbeit können sich immer nur wenige leisten. Im Katalog kann man etwa lesen, dass an den Wandbehängen der Firma Morris & Co. »zwei Weberinnen bis zu drei Jahre« arbeiteten.

Besonders schön zeigt sich dieser Widerspruch an einer Luxusausgabe des »Kapitals«, das neben dem noch schöner und noch kostbarer gebundenen utopischen Roman »News from Nowhere or an Epoch of Rest« von William Morris in einer Vitrine liegt: eine ganz wunderbare Ausgabe aus dem Bestand des Museums. Eine andere wichtige Buchedition dieser Jahre waren die »Canterbury Tales« von Geoffrey Chaucer, »ein opulent illustriertes Buch«, das ebenfalls von Morris gestaltet wurde und in Hamburg ausliegt. »Opulent« ist ein sehr schwacher Ausdruck für das, was man dort zu sehen bekommt. Eine fantastisch schöne Tapisserie aus der Fabrik von William Morris (Morris & Co.) harmoniert mit den Illustrationen dieses vom Mittelalter inspirierten Romans. Auf eine ganz andere Weise faszinieren endlich die »Kunstformen der Natur« von dem künstlerisch begabten Ernst Haeckel, einem der Starautoren jener Jahre.

Der Gegensatz zwischen der in der Fabrik gefertigten Massenware und dem Einzelstück zeigte sich selbst in der Produktion der »Wiener Werkstätten«, denn diese, die zu den wichtigsten Protagonisten des Jugendstils gehörten, entdeckten die serielle Produktion und noch zusätzlich die Bedeutung des Markennamens, das »Branding«. Dabei verstand sich die Gestaltung im Jugendstil doch eigentlich als Ausdruck der Individualität oder doch wenigstens als deren Bühne! Das wird besonders bei den historischen Räumen deutlich, die zu der ständigen Ausstellung des Museums gehören. Zum Beispiel wird das Arbeitszimmer eines Lübecker Juristen gezeigt, der sich die ganze Einrichtung seinen Bedürfnissen und seinem Geschmack anmessen ließ.

Es ist vielleicht der einzige Mangel einer sonst äußerst perspektivenreichen, interessanten und anregenden Ausstellung, dass sie die Architektur des Jugendstils links liegen lässt. Wenigstens mit Fotos oder Filmen hätte man die zahllosen Meisterwerke dieser Zeit würdigen müssen, von deren oft aparter Schönheit unsere Städte noch heute profitieren und die sich zumindest überall in Europa, vielleicht sogar auf der ganzen Welt finden. Auch der Katalog bietet nur wenige Bilder, und es werden nicht die wichtigen und schönen Gebäude gezeigt, sondern zum Beispiel der ebenso scheußliche wie monumentale Eingang in die Pariser Weltausstellung.

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Der Jugendstil verstand sich als eine Feier des Wachsens und Werdens; er zielte auf den Ursprung, also auf die Natur, auf das Alte und Älteste, aber auch auf die Frau und das Kind. Die Frauenbildnisse Klimts sind bekannt – die Ausstellung zeigt erotische Zeichnungen, nicht etwa seine feierlichen, im Grunde semireligiösen Inkunabeln –, aber es finden sich noch andere Ikonen der Malerei, so die sehr wenig madonnenhafte »Madonna« Edvard Munchs, »La Nature« von Alfons Mucha, ein kostbarer Bronzehohlguss, der ein von goldenem Haar umflossenes, versilbertes Frauenantlitz zeigt, oder die Fotografie »Kopf mit Heiligenschein« Rudolf Dührkoops mit einem für den Jugendstil absolut typischen Frauengesicht – die Augen halbgeschlossen, ein langer Hals, die Aufnahme auch noch von unten, so, als schaue man auf eine Liegende. Diese Frauen, so schön sie auch sein mögen, haben mit ihren meist geschlossenen Augen etwas von einer Toten. Vom Tod und seinem Bruder, dem Schlaf, fühlten sich die Künstler des Jugendstils tatsächlich immer wieder angezogen. Auch Hypnose gewann eine gewisse Popularität.

Das Foto Rudolf Dührkoops schmückt auch Plakat und Katalog. In der ständigen Ausstellung hat mich besonders ein Lederpaneel beeindruckt, das Georg Hulbe, ein Spezialist für solche Arbeiten, im Auftrag von Peter Behrens anfertigte, der dieses Frauenbild für die Turiner Kunstgewerbeausstellung 1902 entwarf. Vielleicht ist es die Plastik des Leders, die zusammen mit dessen weicher Dunkelheit das Frauenbildnis so impressiv macht. Für die Gestaltung des Pavillons hatte Behrens eine Blankovollmacht erhalten. Die »sakral-kristalline, streng-abstrakte Formenwelt« des Baus spiegelte in den Worten des Kataloges »die Sehnsucht nach einer klaren, reinen und zugleich kraftvollen Ornamentik als ästhetisches Siegel einer ebenso kraftvoll vorwärts strebenden, selbstbewussten Nation.« Ich selbst empfinde denselben Raum auf dem Foto als wilhelminisch überladen und mit seinen floralen Formen keinesfalls als abstrakt.

Mit der Bedeutung des Ursprungs verbindet sich auch das Wasser, dem immer wieder gehuldigt wurde, angefangen mit den Zeichnungen Haeckels, aber auch in Gestalt schöner Frauen, die an die »Undine« Chamissos erinnern, oder in den Mustern auf Kleidern; von japanischen Holzschnitten und Kostümen angeregt, wurde mit Modeln ein stilisierter Wellenkamm auch auf europäische, jetzt weit geschnittene und bequem fallende Frauenkleider gedruckt. Dazu kann man japanische Wassermotive auch in der Keramik oder in unwirklich schönen Glasvasen entdecken.

In vielen Punkten erinnert die Zeit des Jugendstils an die Sechziger Jahre und die Hippies: mit der Nudistenbewegung oder dem Zug aufs Land, wo nackt gegärtnert oder im »Lichtkleid« mit Pfeil und Bogen geschossen wurde. Und das florale Design oder die Plakate sprachen noch ein halbes Jahrhundert später ein ähnlich tickendes Publikum an – anders wohl als heute, wo ähnliche Gestaltungen doch die Ausnahme bleiben und eine ganz andere, viel technischere Ästhetik herrscht. Es sind eben diese Aspekte, die sich in der Sonderausstellung thematisiert finden. Filme wie jener bloß eine Minute dauernde Streifen, der den künstlerischen »Serpentinentanz« Loïe Fullers dokumentiert, ergänzen so das Bild dieser Zeit, ebenso wie das »Hygienische Lichtbad Solar«, in den man sich nackt setzte, damit auch an die Stellen, auf die sonst nicht die Sonne schaut, das Licht gelangen kann.

Die Ausstellung lehrt uns, auch Friedrich Nietzsche als Phänomen des Jugendstils zu sehen; nicht allein dank der imposanten Büste Klingers, sondern auch mit einer aufwendigen »Zarathustra«-Edition oder der Übermensch-Thematik, die zusätzlich von einem Ölbild Ferdinand Hodlers vertreten wird. Sein in bläulich-blassen Farben gemaltes Bergpanorama ist eine Art Gegenentwurf zu Caspar David Friedrichs »Wanderer über dem Nebelmeer«; wie Friedrichs Wanderer steht der Wanderer Hodlers auf einem Gipfel und schaut auf die wabernden Wolken hinab, aber er ist nicht alt mit einem Stock in der Rechten, sondern noch sehr jung, er zeigt uns nicht den Rücken, so dass wir mit ihm in dieselbe Richtung schauen, sondern die Front, und er ist nicht manierlich angezogen, sondern gänzlich nackt.

Zeitgleich mit der Eröffnung der Sonderausstellung wurde auch die ständige Jugendstil-Abteilung des Museums neu konzipiert. Ihr Bestand kann wirklich imponieren, was vor allem mit dem ersten Direktor des Hauses zu tun hat, Justus Brinckmann, der einerseits schon 1883 die Bedeutung der japanischen Kunst erkannt hatte – sie spielt in der Sonderausstellung eine große Rolle –, andererseits mit seinem Besuch der Pariser Weltausstellung von 1900, für die ihm der Senat nicht weniger als 100.000 Reichsmark in die Hand gedrückt hatte. So durfte und konnte er einkaufen und tat das auch – ein prachtvolles »Pariser Zimmer« legt davon Zeugnis ab, aber es ist nicht das einzige Souvenir, das nach Hamburg gelangte. Der Jugendstil-Bestand des Museums ist jedenfalls erstaunlich.

In den Räumen der ständigen Ausstellung werden eher die Gegenstände des Wohnens präsentiert – nicht allein das »Pariser Zimmer«, sondern auch eine Menge Möbel und vor allem Glas, Kristall und Keramik. Die Sonderausstellung dagegen präsentiert mehr die große Kunst und erklärt die geistes- und mentalitätsgeschichtliche Zusammenhänge; in beiden Fällen ist der Besuch unbedingt empfehlenswert.