Buchrezensionen

Julia Calfee: A Glacier's Requiem, Kehrer Verlag 2016

Spätestens seit dem spektakulären Film »Chasing Ice« wissen wir nicht nur um die Gefahr, sondern auch um die ganz eigene Schönheit schmelzender Gletscher. Die Künstlerin Julia Calfee widmet ihnen nun ein fotografisches und akustisches Requiem. Stefanie Handke hat es sich angesehen und natürlich auch angehört.

 Eine ganz eigentümliche Schönheit haben sie, die grobkörnigen Fotografien, die einen beim Aufschlagen des Buches erwarten. Hier scheint nichts gegenständliches abgebildet zu sein, vielmehr fließen die Formen ineinander, schieben sich über andere oder werden von kontrastierenden Flächen durchbrochen. Und doch steht hinter den Fotografien ein monumentales Etwas: Der Länta-Gletscher in den Schweizerischen Alpen. Hier lebte Julia Calfee mehrere Monate unter einfachsten Bedingungen und entdeckte dabei den Gletscher als schwindenden Wesen. Sie wollte dem schmelzenden Giganten ein Denkmal in Bild und Ton setzen – so entstanden mehrere Tausend Bilder und mehr als 300 Tonaufnahmen, die sie »Lieder« nennt. Aus dieser ungeheuren Menge Material entstand das Buch »A Glacier’s Requiem«, ein komprimiertes Porträt der schwindenden Schönheit dieser eisigen Giganten. Ihren Aufnahmen stellt sie Beiträge von sechs Künstlern zur Seite, vom Klavierstück über ein Gedicht bis hin zu einer eigens verschwundenen Sprache.

Das Hauptaugenmerk des Betrachters sollte aber auf den beeindruckenden Bildern der Künstlerin liegen. Diese nähern sich dem Phänomen Gletscher auf ganz intime Art und Weise. Manchmal schälen sich helle Flächen und Formen aus einem undurchdringlich erscheinenden Dunkel, dann wieder scheint man einen kosmischen Nebel zu bewundern. Das Eis und das von ihm tropfende Wasser bildet fantastische Strukturen, die sich übereinander schieben und so abstrakte Landschaften formen. So ganz irdisch scheinen sie nicht zu sein.

Das faszinierende und beängstigende daran ist, dass diese Formen vor allem durch das Verschwinden des Gletschers entstehen – das Eis schmilz und lässt neue Ränder entstehen, Löcher und Bäche, die ein Produkt des sterbenden Giganten sind. Auch fressen sich sogenannte »Mondsteine« durch das Eis. Diese sind ein recht seltenes Phänomen: Die Sonne erhitzt die auf dem Eis liegenden Steine, sodass das sie umgebende Eis schmilzt. Die Steine wandern stetig tiefer in das Gletschereis, graben regelrechte Löcher, allein durch die von ihnen aufgenommene Wärme und deren Wirkung auf das Eis.

Julia Calfee beschreibt in ihrem Vorwort ihr Erleben des Phänomens Gletscherschmelze: Den einen Tag entdeckt sie ein bienenwabenartiges Gebilde, dessen Inneres einer Kathedrale gleich. Sie fotografiert, lauscht dem »Lied« des Ortes und erkennt, dass es sich dabei um einen der Gletscherreste handelt. Als sie am nächsten Tag den Ort wieder aufsucht, um ihre Ton- und Bildaufnahmen fortzusetzen, ist dieser Ort verschwunden. Nachdrücklicher kann ein Mensch wohl nicht vor Augen geführt bekommen, was auf den Gletschern der Welt vorgeht. So entstand in Calfee die Idee eines Requiems auf die schwindende Schönheit der Eisriesen. So entstand das Porträt eines stetig sich wandelnden Ortes.

Die analogen Aufnahmen all dieser Formen, die Wasser, Gestein und Eis bilden, sind aber nur ein Teil des künstlerischen Projekts. Dem hochwertig gestalteten Buch ist eine Schallplatte beigegeben, auf der sich ausgewählte Tonaufnahmen des Gletschers befinden. An hört ein Tropfen, im Hintergrund das Rauschen fließendes Wassers. Mal tropft das Wasser schneller, mal langsamer. Zuweilen hört man ein leises, weit entferntes Rauschen, dann ist es wieder ganz nah. Immer ist da dieses Trommeln des schmelzenden Gletscherwassers. Die Vergänglichkeit, die in den Fotografien Calfees auf den ersten Blick nicht immer zu sehen ist, wird uns hier vor Ohren geführt. Das stetige Geräusch entwickelt eine ganz eigene Schönheit, schafft Klangräume, verwandelt das heimische Wohnzimmer in eine Gletscherhöhle – und ist damit zugleich ein Abgesang auf den schwindenden Läntagletscher. Denn das Tropfen hört nie auf, nein, es schwillt immer wieder zum Rauschen an.

Mit ihrem Buch und der zugehörigen Schallplatte erschafft Calfee in der Tat das Bild des sterbenden Organismus Gletscher. Ihren Bildern, den von ihr aufgenommenen Klängen wohnt eine ganz eigentümliche Schönheit inne. Zugleich gemahnen sie an die Vergänglichkeit des Gletschers, die in Zeiten des Klimawandels umso bedrohlicher erscheint.