Ausstellungsbesprechungen

Juliane Ebner – Parallelverschiebung, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Berlin, bis 30. Januar 2014

Mit »Parallelverschiebung« zeigt der Deutsche Bundestag die Arbeiten der 1970 in Stralsund geborenen Künstlerin Juliane Ebner. Neben filigranen, transparenten Zeichnungen und der Nofretete-Serie werden drei Filme mit Zeichnungen präsentiert. Eine Empfehlung von Verena Paul.

Die Zeichnungen von Juliane Ebner sind stringent und wuselig zugleich. Mit filigranen, sich frei entfaltenden schwarzen Lineamenten fängt die Künstlerin beispielsweise das Brandenburger Tor oder den Reichstag ein. Dabei werden die in raschen Linienzügen formulierten Gebäude einerseits von schemenhaften Tier- oder Menschengestalten besiedelt und andererseits von frechen Farbklecksen belebt. Dennoch bleibt eine geheimnisvolle Durchsichtigkeit in den zeichnerischen Arbeiten gewahrt: Es ist eine kühle, gläserne Welt, in die sich Leben eingeschlichen hat. Verstärkt wird der Eindruck von Transparenz durch das Acrylglas, auf dessen Rückseite bemalte und mit Zeichnungen versehene Folien aufgezogen sind. Insofern entfaltet sich eine interessante Spannung zwischen den Betrachtern, die durch Spiegelung selbst in die Werke eingebunden werden, und der durch das Acrylglas hindurchschimmernden Wand. Betrachter, Werk und Raum verschmelzen also zu einer Einheit, die in jedem Moment neu definiert werden muss.

Lange habe sie experimentiert, bis sie mit Folie und Acrylglas ihr Material gefunden hatte, sagt die Künstlerin. »Für mich ist es ganz wichtig, dass die Arbeiten etwas Durchscheinendes haben.« Das gilt auch für die Nofretete-Serie, die sich an der bekannten, in Berlin ausgestellten Büste orientiert. Ganz dicht geht Juliane Ebner an die Gesichter heran, die sie zeichnet, um in ihnen die Nofretete schließlich wiederzufinden.

Die Arbeitsweise von Juliane Ebner hat Kristina Volke, stellvertretende Kuratorin der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, so sehr begeistert, dass sie dem Kunstbeirat des Bundestages empfohlen hat, einige Werke der Künstlerin zu kaufen. Was Kristina Volke an den Arbeiten überzeugt hat? Zum einen sei es »ihre zeitgenössische Auffassung von Zeichnung, ausgedrückt auch durch die Verwendung von Folie und Acrylglas.« Außerdem besticht die Spontaneität der Grafiken. Juliane Ebner »geht raus in die Welt, will gezeigt werden.« Zum anderen ist die Kuratorin von der Mischung aus Zeitgeschichte und persönlich Erlebtem beeindruckt, denn das sei »fern von irgendwelchen Floskeln und irgendwelchem Bekannten«. Juliane Ebner arbeite mit einer sympathischen Leichtigkeit, fern von großem Pathos und macht nicht selten die deutsch-deutsche Geschichte, die sie selbst erlebt hat, zum Gegenstand ihrer Arbeit: Als die Mauer fiel, war sie 19 Jahre alt – »meine Sturm-und-Drang-Phase« – und hatte in Dresden ihr Studium begonnen. »Von Oktober an hatte ich in dem Jahr nichts Wichtigeres zu tun, als auf der Straße zu sein und zu demonstrieren.«

Die Diktatur – als etwas anderes könne sie die DDR nicht bezeichnen – hat die Künstlerin stark geprägt: Bereits im Kindergarten sei ihr bewusst gewesen, dass sie nicht frei erzählen durfte, welche Bücher die Eltern lesen oder welche Musik sie hörten. Daher sei es auch ihre größte Freude, dass ihre drei Kinder in einem Land aufwachsen, in dem sie ihre Meinung frei äußern können. Dass sie heute ihr Atelier ausgerechnet in einem alten Stasi-Gebäude hat, findet sie spannend. »Wenn ich aus dem Gebäude komme und dann kommt ein älterer Herr und sagt: ›Ja, ich habe hier auch mal gearbeitet, war schön‹«, sehe sie das mit gemischten Gefühlen.

Die leichtfüßigen und gleichzeitig nachdenklich stimmenden Zeichnungen Juliane Ebners haben mich ungeheuer neugierig gemacht. Vielleicht bietet sich Ihnen ja bei einem Berlin-Besuch die Möglichkeit, die Ausstellung zu besuchen und in direkten Austausch mit den vielschichtigen, transparenten Werken zu treten?